N e u e B e i t r ä g e a u f s u b
v e r s i o n e n . d e
Das Erscheinen des Buches Uwe Johnson : »Ich wollte keine Frage ausgelassen haben«. Gespräche mit Fluchthelfern im Suhrkamp Verlag Berlin wurde in ad libitum umfangreich kommentiert. Und in torculum werden die bisher erschienenem Rezensionen mit einem Kurz=Kommentar versehen.
S t i l l = S t a n d
P e t e r Z a d e k g e s t o r b e n
(c) Foto:
Adolf Clemens
......................................................................Wenn
man mich fragt, wer ich bin,
......................................................................kann
ich nur sagen, ich bin Jude,
......................................................................denn
etwas Anderes fällt mir nicht
......................................................................mehr
ein. Vielleicht noch Peter Zadek.
… … …
Sein letztes Interview:
Peter Zadek. : »Shakepeare hätte mich nicht
verstanden« – DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr.
33
V e r w e r t u n g s m e c h a n i s m e n
Im Juli 2008 gab es bereits Beiträge in dieser TV-Reihe über Armin Mueller-Stahl, Herbert Grönemeyer, Cornelia Funke, Thomas Quasthoff, Reinhard Mey und Jonathan Meese. In diesem Juli folgen Loriot, Anne-Sophie Mutter, Iris Berben, Christoph Schlingensief, Kurt Masur und Campino. Das hypertrophe Moment besteht weniger in der beliebig-skurrilen Auswahl als vielmehr in der kategorisch-imperativen Zuordnung »Du Deutschland, das sind deine Künstler!«.
Diesmal also Anne-Sophie Mutter. Dass es keine global beste und auch keine zweitbeste etc. Instrumentalsolistin gibt, weiss naturgemäß jeder Mensch, der über eine relativ profunde Hörerfahrung verfügt. Subjektive Vorlieben und unreflektierte Meinungen sind irrelevant.
Aber Frau Kellhammer verbittet sich jeden Zweifel: »Selbst Kritiker haben für sie nur einen Superlativ: Jahrhundertgeigerin«. So etwas nennt man eine vorsätzliche Lüge. Ein kurzer Blick in die Rezeptionsgeschichte beweist, dass auch diese hochtalentierte Geigerin bittere Kritiken in Hülle & Fülle ertragen musste.
In der morgigen Ausgabe der F.A.Z. (04.07.09) formuliert Eleonore Büning die Maßlosigkeit scheinbar moderater: »Jawohl, es stimmt: Anne-Sophie Mutter ist, rein spieltechnisch, die beste Geigenvirtuosin unserer Tage. Es gibt nichts, was sie ihrem Instrument nicht abverlangen könnte.« Rein spieltechnisch? Die amerikanische Virtuosin Hilary Hahn hat vor kurzem eine Aufnahme von Schönbergs Violinkonzert, op.36 veröffentlicht, einem der schwierigsten Konzerte der gesamten Musikliteratur. Die internationale Fachkritik hat diese Aufnahme – zu recht – enthusiastisch gefeiert, nicht zuletzt wegen der »einzigartigen Spieltechnik«.
Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Interpreten im Bereich der Klassik einem absurden & abstossenden Ranking unterworfen werden. Und auf diesem Gebiet ist Frau Kellhammer eine ausgewiesene Spezialistin. Sie beliefert die Sendeanstalten mit den PR-Superlativen & Vermarktungsoptimierungen: »Zwei Weltstars, eine todtraurige Geschichte und der überwältigendste Soundtrack der Welt« (über den Kinofilm »La Bohème«); »Seine Berühmtheit hat er einer Frau zu verdanken: Anna Netrebko« (über Rolando Villazón); »Er ist der größte Liedersänger aller Zeiten« (über Dietrich Fischer-Dieskau) … …
Der Autorin Kellhammer ging es ja auch keinen Moment um die Musikerin. Und erst recht nicht um die angekündigte Künstlerin. Ahnungs- und gedankenlos schusterte sie ein Klischee ans andere, denen dann in summa von ausschließlich älteren Herren – Joachim Kaiser (80), Kurt Masur (82) und André Previn (80) – eine anekdotische Authentizität verliehen werden sollte. So gelang es Joachim Kaiser mühelos zu beweisen, dass auch ein hochmögender Kritiker belanglosen Unsinn zu verbreiten versteht; frei nach dem Motto: Ich, Karajan & das Wunderkind. Greisengrauenhaft …
Dabei war es ausgerechnet Joachim Kaiser, der im Jahre 2000 das Vorwort für das Standardwerk »Große Geiger« von Harald Eggebrecht schrieb. Und Eggebrecht schreibt dort über Anne-Sophie Mutter: »Die Begegnung mit Karajan war nicht nur ein Glück, sondern auch belastend. Denn der Alte domestizierte das zum Virtuosen und Nervös-Ekstatischen drängende Temperament, ohne die junge Violinistin vor Manierismus und Pseudovergeistigung zu bewahren. Die wilde Natürlichkeit, die das Spiel des energischen kleinen Mädchens so hinreißend gemacht hatte, verlor sich zugunsten von Lokaleffekten, gesuchten Phrasierungen und einer ständig unruhig vibrierenden Tongebung, wie sie gerade die Aufnahmen unter Karajan belegen.« Und er äußert schon damals die abschließende Befürchtung, »daß Anne-Sophie Mutter noch immer nicht den Weg in die Mitte der Musik gefunden hat, sondern dem außermusikalischen Drumherum zuviel Energie schenkt.«
Wer etwas über die Musikerin Mutter erfahren wollte, der ging also vollkommen leer aus. Verkauft wurde hier nur das allseits bekannte Mutter-Weltstar-Placebo. So einen Film hat eine Frau wie Anne-Sophie Mutter nicht verdient … Aber sie hat ihn auch leider nicht verhindert. Seit Jahrzehnten an astronomisch hohe Konzertgagen gewöhnt – schon vor 15 Jahren lagen sie bei 80.000 DM –, betrachtet sie solche Werbefilmchen eben aus einem anderen Blickwinkel.
Und auch aus Sicht der Marketing-Abteilung der Deutschen Grammophon & Unitel war’s hingegen eine äußerst gelungene Daseins=Trivialisierung, denn nicht wenige der 1,5 Millionen Zuschauer reagierten artig und kauften online umgehend & reichlich CD-Aufnahmen.
Unter den Top 100 finden sich am heutigen Tag bei
iTunes 8 Titel :







und bei amazon.de 10 Titel:









Aber was die derart hinters Licht geführten Zuschauer dann wirklich zu hören glauben, dass wissen wahrlich nur die Götter.
L i e b e h ä r t e r a l s B e t o n
Sophie Rois über die Objektivität der Gefühle: Geld, Liebe, Marx und Medea

Marx zitiert Goethes Faust-Text über das Geld: »Wenn ich mir 24 Hengste leisten kann, habe ich die Kraft von 24 Hengsten.« Auf dem Gebiet der Liebe ist das nicht wahr. Geld lässt sich stapeln, Liebe nicht. Das Wichtigste im menschlichen Leben kann man für Geld nicht kaufen!
Ein Gespräch mit dem Star Sophie Rois über die »Währungen der Liebe«, sowie über Medea, eine Frau, die zu kämpfen weiß. Liebe im Sinne von Frauen ist etwas ganz anderes, sagt Sophie Rois, als wir meinen.
E r s a t z l o g i k a u s B a r m e n
screenshot 01.07.2009 © agentur irrwitz & panik
So können Sie mit den restlichen 288,14 € z.B. einen Besuch bei Ihrem Verleger – 2.Klasse-Rückfahrkarte mit der Deutschen Bahn AG für die Strecke Hamburg-Frankfurt/M-Hamburg für 212,00 € – locker unternehmen und mit den restlichen 76,14 € (= 2,46 € pro Tag für Miete, Strom, Gas, Telefon, Computer, Versicherungen, Bücher, Zeitungen, Lebensmittel, Kleidung …) ein gesundes, glückliches & sorgenfreies Leben führen.
Mit besten Grüßen
Ihre gesetzlich erbärmliche Krankenkasse
P i n a B a u s c h g e s t o r b e n
Die Zeit im Theater der Pina Bausch ist die Zeit der Märchen. Geschichte kommt als Störung vor, wie Mücken im Sommer. Der Raum ist bedroht von der Besetzung durch die eine oder andere Grammatik, des Balletts oder des Dramas, aber die Fluchtlinie des Tanzes behauptet ihn gegen beide Besetzungen. Das Territorium ist Neuland. Eine Insel, die gerade auftaucht, das Produkt einer unbekannten (vergessenen oder kommenden) Katastrophe: vielleicht geschieht sie eben jetzt, während die Vorstellung läuft. Etwas von der unmittelbaren Verbindung zum Leben, die Brecht am elisabethanischen Theater beneidet hat, stellt sich her. Film oder Fernsehen sind keine Konkurrenz: sie können verwendet werden. Das Ganze ist ein Kinderspiel.
Aus: Heiner Müller, Blut
ist im Schuh oder Das Rätsel der Freiheit. Für Pina
Bausch, 1981
Screenshot Titelseite der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Juli 2009 ©
F.A.Z.
Erste Nachrufe:
- FAZ.NET / F.A.Z / J.Sch. : Ihr hätte der Nobelpreis für Tanz gebührt
- F.A.Z. / Wiebke Hüster : Ihr Tanztheater handelt von uns allen
- sueddeutsche.de / Eva-Elisabeth Fischer : Mit geschlossenen Augen
- FR-online.de / Sylvia Staude : Die stille Wahrheitssucherin
- Der Tagesspiegel / Peter von Becker : Pina Bausch: Die Königin der Nacht
- ZEIT ONLINE / dpa : Pina Bausch ist tot
- ZEIT ONLINE / Andrea Hünninger : Grand Dame des modernen Tanzes
- taz.de / Katrin Bettina Müller : So viele Küsse, so viele Seufzer
- SPIEGEL ONLINE / Joachim Kronsbein : Die zärtliche Revolutionärin
i T u n e s : S e r v i c e , D a t e n , K r i t i k & S t a t i s t i k e n
Nach Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren werden Sie feststellen, dass sich an dem Zustand der Dateien nichts geändert hat. Einmal defekt bedeutet: für immer defekt. Auch fehlende Tracks, die eine ganze Aufnahme ruinieren, werden nie hinzugefügt.


Stellt sich nur noch die juristische Frage, ob es sich hierbei nicht um Betrug handelt. Wenn ich wissentlich, also unter Vorsatz eine defekte Ware zum Kauf anbiete, ohne auf den realen Zustand hinzuweisen, dann bin ich der Ansicht, dass der Straftatbestand nach § 263 StGB erfüllt ist: »(1) Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Der Versuch ist strafbar.«
Fast alle diskographischen Angaben sind in den »Kategorien« Klassik und Jazz in der Regel unvollständig oder falsch. So nennt iTunes z.B. als Interpret des »Violin concerto '1001 nights in the harem'« des Pianisten und Komponisten Fazil Say lediglich Patricia Kopatchinskaja. Das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von John Axelrod fallen einfach unter den Tisch. Und solche Fehler finden sich leider tausendfach, denn iTunes bekommt sämtliche Dateien von Drittanbietern, die global agieren. Nicht selten stellt man fest, dass auch verschiedene andere Anbieter – wie z.B. eMusic – die selben falschen Angaben verbreiten.

Irgendwann wird der Name Apple vermutlich hinter iTunes, iPod und iPhone verschwinden und der angebissene Apfel sein mythisches Schicksal erleiden …
H i n w e i s
2 1 => 1
Die getroffene Auswahl der Posts/=/Beiträge aus 21 Blogs – gleichsam die beiläufige Chronologie einer stets fragmentarischen Arbeitsweise – findet sich nach und nach in der linken Sidebar als »archiv« wieder.
Gelegentlich wurden – besonders aus der intellektuell korrupten und moralisch verkommenen Text=Provinz – Bedenken hinsichtlich mangelnder Konsistenz der gesamten Webaktivitäten geäußert. Dazu lässt sich nur feststellen, dass das Arbeiten im Web eine Umwertung dieses Begriffs von selbst nach sich zieht. Um dies zu begreifen, muss man einfach fühlend denken & arbeiten und nicht infam klagen. Networking statt revisionistischer Seilschaften.
Naturgemäß sind alle Blogs auf blogspot.com auch weiterhin & vollständig an ihrem ursprünglichen Ort. Nur ihnen ist eine Form digitaler Aura eigen. Allerdings werden sie – aus Arbeitszeitgründen – nicht mehr aktualisiert resp. fortgesetzt.
Der 2006 als Motto zitierte Text von Nicholás Gómez Dávila wurde ein Jahr später auch zum Leitsatz der KUNSTKANZLEI: »Der wahre Verstand ist nicht so sehr die Fähigkeit, Ideen zu haben, die klug oder genau oder auch richtig und zutreffend sind, vielmehr ist er ein Attribut mancher Geister. Der Verstand ist gleichsam ein besonderer Widerhall, eine eigentümliche Dichte, eine einzigartige Stimmung, eine bezeichnende Atmosphäre. Es liegt mehr Verstand darin, sich auf eine bestimmte Art zu irren, als auf andere Art das Richtige zu treffen.«
©-Hinweis:

M a u r i c i o K a g e l g e s t o r b e n
Kagel wurde 1931 in Buenos Aires geboren und wuchs in Südamerika auf. Bereits Mitte der 50er Jahre machte sich Kagel als hoch begabter Komponist in seiner Heimat einen Namen. In seinem Frühwerk beschäftigte er sich insbesondere mit der Musik des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg. 1955 wurde er Studienleiter an der Kammeroper und Dirigent am Teatro Colón in Buenos Aires.
1957 kam Kagel als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Köln, das damals als Hochburg der Musikavantgarde galt. Er arbeitete an den Studios für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks Köln und leitete bis 1961 das Rheinische Kammerorchester. 1975 erhielt er eine Professur für Neues Musiktheater an der Kölner Musikhochschule.
Kagels Name ist nach Angaben des Verlages vor allem mit dem Musiktheater verbunden, auf das er einen tiefgreifenden Einfluss gehabt habe. Er schuf nicht nur Bühnen-, Orchester- und Kammermusikwerke, sondern auch Filme, Hörspiele und Essays. Die Arbeit Kagels wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Er erhielt unter anderem den Erasmus-Preis (1998), den Ernst von Siemens Musikpreis 2000 und den Großen Rheinischen Kunstpreis (2002).
Eigens für Mauricio Kagels Film »Ludwig van« schuf Joseph Beuys im Oktober 1969 die dreiteilige Arbeit »Beethovens Küche«.
A l e x a n d e r S o l s c h e n i z y n g e s t o r b e n

Als Solschenizyns Hauptwerk gilt der »Archipel Gulag«, in dem er mit Tausenden von Beispielen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion darstellt. Den Terror hatte Solschenizyn in neun Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und bereits 1962 in seinem ersten Werk »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« geschildert. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime aber die Ausreise zur Preisübergabe. Nach der Veröffentlichung des »Archipel Gulag« wurde Solschenizyn verhaftet und ausgewiesen. Zunächst nahm ihn Heinrich Böll in Köln auf.
Solschenizyn siedelte schließlich in die USA über und kehrte 1994 nach Russland zurück. Dort kritisierte er fehlgeleitete Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte Solschenizyn, Russland dürfe die westliche Demokratie »nicht ohne Verstand nachäffen«, sondern müsse sich mehr um das »moralische Wohlergehen« des eigenen Volkes kümmern.
Bei der Verleihung des Staatspreises, der höchsten Auszeichnung Russlands, im Juni 2007 war der frühere Regimekritiker schwer vom Alter gezeichnet. Seine Dankesrede ließ er im Kreml über eine Videobotschaft einspielen. Später zeigte das Staatsfernsehen, wie der damalige Präsident Wladimir Putin den im Rollstuhl sitzenden Solschenizyn in seinem Haus und Arbeitszimmer besuchte. Zu Sowjetzeiten hatte der Schriftsteller eine Ehrung durch das System stets abgelehnt – auch den Staatspreis.
Als er die Auszeichnung für humanitäre Verdienste annahm, beschwor der Autor im vergangenen Jahr die geistige Einheit seines Landes. Nur so seien die bitteren Erfahrungen vergangener Jahre zu überwinden und neue unheilvolle Schicksalsschläge abzuwenden. Weil der Autor selbst sichtlich geschwächt war, nahm seine Frau Natalja die mit fünf Millionen Rubel dotierte (144000 Euro) Auszeichnung von Putin entgegen. »Bis an mein Lebensende hoffe ich, dass meine historischen Arbeiten ins Bewusstsein und in die Erinnerung der Menschen übergehen«, sagte Solschenizyn im Sommer 2006.
»Die Auszeichnung gibt Hoffnung, dass unser Land die Lehren aus seiner Selbstzerstörung im 20. Jahrhundert gezogen hat und diese Geschichte sich nicht wiederholt«, sagte Solschenizyns Frau anlässlich der Übergabe. Über die Politik Putins, der inzwischen Regierungschef ist, und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land hatte sich der konservative Historiker Solschenizyn in den vergangenen Jahren immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die umstrittene Tschetschenienpolitik seines Landes.
In der Einspielung am russischen Nationalfeiertag war der hagere Schriftsteller in einem grauen Anzug und weißem Hemd mit Krawatte zu sehen, im Hintergrund ein großes Bücherregal.
Solschenizyn ist seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gegeben hatte. Stalin selbst hatte bei »Säuberungsaktionen« in den 1930er Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen.
Der Präsident der Akademie der Wissenschaften Russlands, Juri Ossipow, hatte Solschenizyn jedoch im vergangenen Jahr als einen der »größten Historiker und Philologen« des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Besonders verdienstvoll sei Solschenizyns Bibliothek über die Exil- Russen. Die Stiftung »Russisches Ausland« in Moskau beherbergt in ihrem Gebäude mehr als 50.000 Bände über die Emigration von Russen seit 1917. In seiner Heimat entsteht im Moskauer Verlag Wremja bis 2010 die erste Gesamtausgabe seiner Werke in 30 Bände.
H i n d e m i t h & P o t t s e r a v o t t i
Ob Gesine Hindemith mit dem großen deutschen Komponisten, Bratschisten und Dirigenten Paul Hindemith (1895–1963) verwandt ist, entzieht sich unserer und Google’s Kenntnis. Wenn ja, wär’s in diesem Zusammenhang eine aparte Fußnote.
Von Gesang resp. Operngesang hat sie jedenfalls keinerlei Kenntnisse. Die sind ja für eine Literatur- oder Medienwissenschaftlerin »in diesen finstren Zeiten« offensichtlich verzichtbar.
Aber ohne Kenntnis dieser zentralen thematischen Substanz gerät sie schnurstracks auf den ersten Holzweg. Zum Gesang Paul Potts stellt Frau Hindemith fest: »Er hat durch sein Können überzeugt, denn singen kann er wirklich.« Ja, wirklich –: schlecht, beansprucht er, Sänger zu sein! (Siehe Beitrag v. 23.07.08 auf dieser Seite.)
»Als Gänsehautstimme mit emotionalem Tiefgang« sei »er seit zwei Wochen in aller Ohr« : dies ist eine derart unkritische Behauptung, dass man sich fragen muss, was Frau Hindemith eigentlich unter »Medienkritik« versteht. Aber es geht intellektuell noch schlichter: »… als Mann, der beim besten Willen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, in aller Auge und spätestens seit dem Start der neuen Telekom-Kampagne ›Erleben, was verbindet‹ redet auch alle Welt über ihn. Paul Potts, dessen Karriere im Licht der telekommunikativen Öffentlichkeit mit dem ersten Platz bei einem britischen Talentwettbewerb im Sommer 2007 begann, ist das mediale Phänomen par excellence.«
Nächster Irrtum: Paul Potts ist keineswegs »das mediale Phänomen par excellence«, sondern vielmehr eine medial generierte Projektion.
»Mit dem Telekom-Spot rückte der zuvor in Deutschland kaum beachtete Potts ins Scheinwerferlicht der Medienmaschinerie, und seine Single »Nessun dorma« mit der berühmten Arie aus Puccinis Oper »Turandot« hält sich nach zwei Wochen immer noch auf Platz vier der deutschen Single-Charts. Bisher nur als Download verfügbar, wird sie vom 15. August an auch als CD verkauft.« Blanker Unsinn, denn die Telekom hat sich ja nur der bereits existierenden Rezeption bedient und lediglich einen Zacken schärfer instrumentalisiert. Eine banale Win-win-Strategie – von der eine Medienwissenschaftlerin bereits in einem Pro-Seminar etwas gehört haben müsste.
»Am selben Tag soll Potts beim Saisonstart der Bundesliga in der Allianz-Arena zu München für Gänsehautwallungen sorgen.« Mit oder ohne Klinsmann-Buddha?
Ihre Recherche zur Person Paul Pott ist eine schwache Web-Collage längst verbreiteter Informationen. Es ist mehr als naiv zu glauben, dass Paul Potts Homepage »von Sony BMG gesponsert wird«. Es sei denn, dass eine heutige Medienwissenschaftlerin die vollständige Kontrolle über Konzeption, Herstellung und Redaktion einer Homepage als »Sponsoring« versteht …
»Tatsächlich versteht es Potts, stimmlich eine tiefe Emotionalität zu transportieren.« Bei Menschen, die über ein gedächtnisgestütztes Hörvermögen verfügen, besteht die emotionale Reaktion darin, dass man tiefes Mitleid mit dem Vortragenden hat, der so jämmerlich an dieser Arie scheitert.
Als erfahrener Dramaturg muss ich Frau Hindemith attestieren, dass sie auch von Dramaturgie nicht die geringste Ahnung zu haben scheint, wenn sie der Meinung ist: »Der Auftritt kommt einem dramaturgischen Meisterwerk nahe: Der schüchterne Potts betritt die Bühne in einem billigen Anzug (der Legende nach hat er fünfundzwanzig Pfund gekostet), misstrauisch beäugt von den kritischen Mitgliedern der Jury – darunter der stark an Dieter Bohlen erinnernde Simon Cowell –, die schon belustigt die Gesichter verziehen, und sagt: ›Ich will Oper singen.‹ Dann legt er mit der Arie des unbekannten Prinzen Kalaf aus ›Turandot‹ los und entfacht mit seinem ›Nessun dorma‹ ein Gefühlsfeuerwerk, dem sich auch die Jury nicht entziehen kann.« Ein dramaturgisches Meisterwerk? Noch nicht einmal der alte Theaterdirektor Striese hätte so etwas zugelassen. Es gab einen dramaturgischen Akzent bei diesem Auftritt, den Frau Hindemith aber mangels musikalischer Bildung nicht mitbekommen hat -: Potts sang nur eine stark verkürzte Fassung der Arie, die es ihm ermöglichte, den größten gesanglichen Schwierigkeiten erst einmal aus dem Weg gehen zu können.
Zur Tekom-Werbung gelingt Frau Hindemith eine tiefe intellektuelle Einsicht: »Nun transportiert Werbung natürlich Wunschvorstellungen …«. Ach!
Und die angebliche »professionelle Gesangsausbildung in Italien […] an Opernschulen bei Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli« kolportiert Frau Hindemith ungeprüft weiter. Vielleicht hätte sie mal in der größten deutschen Feuilleton-Redaktion nachfragen sollen, mit welchen Methoden dort Leuten wie Potts reihenweise viel Geld aus der Tasche gezogen wird.
Zum Schluss entdeckt Frau Hindemith noch ihre journalistischen Super-Illu-Qualitäten –: »Stimmlich muss er zwar noch ein bisschen arbeiten, für seine Fans ist Potts jedoch bereits ein Opernstar.«
Das skandalöse an diesem Artikel ist nicht seine miserable Qualität aufgrund vielfach mangelnder Kompetenz, sondern die Tatsache, dass die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn veröffentlicht hat.
Und dann muss sich niemand mehr wundern, wenn sich das Niveau der Leser gleichsam ins Nichts bewegt:
Von einem F.A.Z.-Leser namens Holger Kästner findet sich im FAZ.NET folgende – irrwitzige – Hinterlassenschaft:
»Dieser Beitrag ist symptomatisch für deutsches Denken, angefüllt mit Neid und Missgunst. Die Beiträge auf der Website von Herrn Potts sind in der Tat auf das gewünschte Image des Künstlers zugeschnitten, dieses ist aber nicht nut bei Paul Potts der Fall, sonder bei allen (!) Künstlern jeglicher Richtung. Die Geschichte von Paul Potts ist sehr detailliert nachzulesen und das in verschiedenen Quellen. Viele Details dieser Jahre hätten in den Artikel gehört, sie wurde aber vorsichtshalber unterschlagen, da dieses in das von der Autorin, aus welchen Gründen auch immer, gezeichnete Bild des Menschen Potts wohl nicht passte. Herrn Potts ist nicht Pavarotti, aber seine Vorträge schaffen es Emotionen in Menschen zu wecken und wenn durch die Videos bei YouTube oder auch der Spot der Telekom es erreicht wird, dass sich Menschen der Oper zu wenden, die dieses ansonsten nicht getan hätten, ist viel erreicht. Also Frau Hindemith, lassen Sie doch bitte die hässlichen deutschen Eigenschaften zu Hause und bringen Sie nicht in die FAZ.«
*Von der Philipps-Universität Marburg erhielt Gesine Hindemith 2006 ein Promotionsstipendiat für ihre Dissertation »Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne«, die sich jetzt im Verzeichnis der Ludwig-Maximilian-Universität München – Promotionsstudiengang Literaturwissenschaft 05/2008 – unter dem Titel »Gesine Hindemith: Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne. Godard, Resnais, Duras« wiederfindet. Als Übersetzerin hat sie Jean-Louis Leutrat’s Buch »Verzweigte Bilder. Kaleidoscope. Analyse de films, Band 6« übersetzt. Für die F.A.Z. schreibt sie über Medien, Medizin, Reiseliteratur etc.
J o h n n y G r i f f i n g e s t o r b e n
Der Musiker sei in seinem Anwesen in einem Dorf bei Limoges im Westen Frankreichs gestorben, berichteten französische Medien unter Berufung auf Griffins Agentur am Freitag. Er hatte noch am selben Abend gemeinsam mit amerikanischen und französischen Musikern ein Konzert geben wollen. Der Saxophonist hatte sich vor 18 Jahren in Frankreich niedergelassen.
Man feierte ihn als »Little Giant« und »Fastest Gun in the West«. Doch derlei Lob hat der „schnellste Tenorsaxofonist der westlichen Welt“ zurückgewiesen. Wirkliche Giganten waren für Johnny Griffin immer die anderen, Kollegen wie der Gitarrist T-Bone Walker, die Sängerin Ella Fitzgerald oder der Pianist Thelonious Monk, mit denen er lange gespielt hatte. Natürlich war er schnell, aber darauf kam es ihm gar nicht an. »Nicht die Schnelligkeit ist das Geheimnis, sondern die Intensität«, lautete sein Credo.
Griffin wuchs an der South Side von Chicago auf und kam Anfang der vierziger Jahre an seiner Highschool ins Schulorchester des legendären Musiklehrers Captain Walter Dyett, zu dessen Schülern auch Nat ›King‹ Cole, Dinah Washington und der Saxofonist Gene Ammons gehörten, Griffins erstes Vorbild. Mit 16 Jahren spielte er mit Blues-Größen wie Memphis Slim und Muddy Waters. Mit 18, drei Tage nach seinem Highschool-Abschluss, wurde der Frühbegabte von Lionel Hampton in seine Bigband nach New York geholt.
»Ich mag es, schnell zu spielen«, hat Griffin einmal erzählt. »Ich werde dann immer aufgeregt und versuche, die Selbstkontrolle zu bewahren. Aber wenn die Rhythmus-Sektion anfängt zu brodeln, dann will ich explodieren.« Griffin spielt tatsächlich teuflisch schnell, federnd und leicht zurückgebeugt, mit geschlossenen Augen.
Später wurde sein Klang weicher und lyrischer, aber bis zuletzt blieb Johnny Griffin ein Altmeister, der im »Tenor-Battle« seine jüngeren Herausforderer locker in die Schranken zu weisen wusste.





Von Johnny Griffin gibt es zu unserem Glück ein reichhaltiges CD-Angebot als Downloads und im Fachhandel.
Und eine vollständiges Verzeichnis seiner gesamten Aufnahmen findet sich beim Jazz Discography Project.
» N e s s u n d o r m a « . U n a t r a g e d i a p e r f i d o

Es stellen sich somit zumindest vier Fragen: Wer ist Paul Potts? – Was ist »One Chance« für eine CD? – Gehört diese CD zurecht in die Kategorie Klassik? – Was sind die möglichen Gründe für einen solchen kommerziellen Erfolg?
Google gibt bei der Suche nach Paul Potts schlappe 4.140.000 Ergebnisse an. Nehmen wir direkt den an erster Stelle stehenden Beitrag von Wikipedia.de:
Paul Potts (*13. Oktober 1970 in Bristol) aus Port Talbot in South Wales ist ein britischer Tenor. Er wurde international bekannt durch seine Auftritte in der englischen Castingshow »Britain’s Got Talent« im Jahre 2007.
Paul Potts stammt aus einem einfachen Elternhaus. Seine Mutter war Kassiererin und der Vater Busfahrer. Seine Eltern gehörten zu der bildungsfernen Schicht und hatten kein Interesse für klassi[s]che Musik. Inspiriert wurde die Leidenschaft von Paul Potts für die Oper durch eine ältere Aufnahme von Carreras. »Ich kaufte eine billige Carreras-Aufnahme«, erinnert er sich. »Ich hörte zum ersten Mal ›Che Gelida Manina‹[sic!] und es bewegte mich. Bis heute ist ›La Boheme‹[sic!] meine Lieblingsoper.« Er bildete seine Gesangstimme durch privat finanzierten Unterricht. Im Jahre 1999 nahm er an der britischen Talentshow »My kind of Music« teil und gewann 8.000 £.
Mit Hilfe dieses Gewinns nahm er in Nord-Italien Unterricht an Opernschulen unter Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli und wurde in die Meisterklasse aufgenommen. Für seine Ausbildung bezahlte er rund 12.000 £ (ca. 18.000 €).
Zwischen den Jahren 1999 und 2003 trat er auf verschiedenen Bühnen als Tenor ohne Gage auf. Herauszuheben sind seine Auftritte an der Amateuroper »Bath Opera« im Jahre 2001 als Don Carlos in der Oper »Don Carlos« und als Radames in der Oper »Aida«, beide von Giuseppe Verdi. Seine Auftritte wurden zwar im Fernsehen und Radio veröffentlicht, führten jedoch nicht zu seinem Durchbruch.
Durch schwere Schicksalsschläge und finanzielle Probleme wurde es für ihn im Jahre 2003 unmöglich, seine Karriere als Sänger weiterzuführen. Bis zu seinen berühmten Auftritten im Jahr 2007 arbeitete Potts seit 2003 zunächst zwei Jahre in der Supermarktkette »Tesco« und danach als Verkäufer von Mobiltelefonen in der Einzelhandelskette »The Carphone Warehouse«, bei der Potts im Jahr 2006 zum leitenden Angestellten aufstieg.
Am 8. Juni 2007 trat Paul Potts nach drei Jahren Pause in der britischen Castingshow »Britain’s Got Talent« von Simon Cowell des Senders ITV in Cardiff auf. Er präsentierte eine gekürzte Version der Arie »Nessun dorma« von Giacomo Puccini. Bei seinem Auftritt wurde Potts zunächst vom Publikum und den Juroren (Simon Cowell, Piers Morgan und Amanda Holden) skeptisch betrachtet. Nach wenigen Takten verblüffte und begeisterte Potts jedoch mit seinem tief emotionalen Gesang die anwesenden Zuschauer, die dem Kandidaten daraufhin spontan applaudierten.
Bei seinen weiteren Auftritten am 14. Juni 2007 und 17. Juni 2007 setzte sich sein Erfolg mit dem Hauptteil des Stückes »Con te partirò« (Time to Say Goodbye) von Francesco Sartori und der ungekürzten Version von »Nessun Dorma«[sic!] fort. Potts ging aus dem Wettbewerb als Gewinner hervor und durfte zur Belohnung am 3. Dezember 2007 in der »Royal Variety Performance 2007« vor der britischen Königin Elisabeth II. auftreten.
Neben seiner spontanen Berühmtheit erhielt Potts einen Gewinn von 100.000 £ (rund 125.000 €) sowie einen Vertrag in Höhe von 1.000.000 £ (rund 1.250.000 €). Den Vertrag erhielt er von Simon Cowell als Produzent des Plattenlabels Sony BMG. Paul Potts erstes Album mit dem Namen »One Chance« erschien im Jahr 2007.
Paul Potts ist seit dem Jahr 2003 mit seiner Frau Julie-Ann verheiratet, die er über das Internet kennenlernte.
Ausschnitte der Sendung »Britain's Got Talent« auf Videoportalen wie »YouTube« machten Potts weltweit bekannt. In zahlreichen Ländern konnte sich sein Album »One Chance« in den Charts platzieren, in vielen erreichte es sogar Platz 1. Im Juli 2008 wurde sein Auftritt aus »Britain’s Got Talent« in einem Werbespot des Unternehmens »Deutsche Telekom« verwendet. Dies führte dazu, dass seine Aufnahme von »Nessun dorma« so stark nachgefragt wurde, dass sie es alleine durch Downloadverkäufe auf Platz 12 der Charts in Deutschland schaffte. Auch sein Album, das 2007 nur Platz 31 erreicht hatte, kehrte auf Platz 16 in die Charts zurück. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Potts
Paul Potts war also Teilnehmer=Opfer einer walisisch=britischen Variante der global-medialen Castingseuche. Und wie sich hier sehr schön zeigt, schreiben offenkundig bei Wikipedia die Marketing-Abteilungen von Medienunternehmen in der Tradition von Hedwig Courths-Mahler die Beiträge …
Aber welche Ausbildung hat er in den »Opernschulen« von Vilma Vernocchi, Katia Ricciarelli und – wie man inzwischen längst herausgefunden hat – Luciano Pavarotti erhalten?
Hören wir uns also »One Chance« an … … … Klassik? … … »Nessun dorma«?
Zunächst: »One Chance« hat mit Klassik soviel zu tun wie die Machwerke des niederländischen Fi(e)dlers André Rieu, dessen Walzer-Aufnahmen der legendäre Carlos Kleiber als »noch nicht mal Dreck« bezeichnete. Bei Potts gibt’s neben »Nessun dorma« nur Schlager, Pop & Musical. So etwas könnte man getrost als »Crossout« bezeichnen.
Und »Nessun dorma« ist ein einziges Jammertal. Wirft man einen Blick auf Puccinis Notationen, so stellt man fest, dass 80% der Arie vokaltechnisch einfach nicht stattfinden. Die restlichen 20% sind ein skurril-tragisches Missverständnis. Paul Potts singt eine »Fantasie über ›Nessun dorma‹ aus Puccini’s ›Turandot‹«. Eine exacte Analyse des Gesangs von Paul Pott verbittet sich von selbst, denn dem Mann wurde offensichtlich schon übel genug mitgespielt.
Der Erfolg dieser vokalen Katastrophe lässt sich – abgesehen von den perfiden Strategien skrupelloser Medienhändler – vermutlich nur mit zwei impliziten Aspekten begründen. Hier bedient man sich emotionaler & zunehmend ökonomischer Verelendung grosser Bevölkerungsschichten, die offenkundig nicht nur keine Ahnung von Operngesang (mehr) haben, sondern die virtuellen Inszenierungen längst als realistischen (=wahren) Bestandteil ihrer eigenen Erfahrungswelt verstehen. Sie sind objektiv nicht mehr selbständig in der Lage, den Unterschied zwischen Jussi Björling & Paul Potts zu erfassen. Ihre emotionale Bedingtheit verlangt geradezu nach egalitären Vernichtungen.
Der Erfolg von »One Chance« ist eine Erfolgsgeschichte aus andauernder Kriegszeit. Oder wie die lauschkundige Deutsche Telekom AG sagt: »Erleben, was verbindet.«.
K l a u s M i c h a e l G r ü b e r g e s t o r b e n

Grüber war einer der wenigen unter den deutschsprachigen Regisseuren der 70er und 80er Jahre, die auch internationale Beachtung fanden. Erst in der vergangenen Woche hatten die Salzburger Festspiele mitgeteilt, dass Grüber die Regiearbeit an Salvatore Sciarrinos Oper »Luci Mie Traditrici« in der Salzburger Kollegienkirche abbrechen musste.
Unvergessliche Inszenierungen
Sein Name ist untrennbar mit der Berliner Schaubühne und Peter Stein verbunden. Stein arbeitete eng mit Grüber zusammen und verehrte ihn sehr. Theatergeschichte haben Grübers unvergessliche Inszenierungen geschrieben: vor allem die »Bakchen« nach Euripides 1974 in der Schaubühne und die »Winterreise« nach Hölderlins »Hyperion« 1977 im Berliner Olympiastadion - sie erlangte in der Theaterwelt Kultstatus. Aufsehen erregte auch zu Goethes 150. Todestag am 22. März 1982 seine radikal gekürzte »Faust«-Inszenierung an der Freien Volksbühne von Kurt Hübner in Berlin mit Bernhard Minetti in der Titelrolle und Peter Fitz als Mephistopheles.
Der am 4. Juni 1941 im badischen Neckarelz geborene Grüber studierte an der Schauspielschule in Stuttgart und assistierte später mehrere Jahre bei Giorgio Strehler und Paolo Grassi in Mailand. 1969 holte ihn Kurt Hübner nach Bremen, wo Grüber schon in jungen Jahren unter anderem mit Shakespeares »Sturm« ein Stück Theatergeschichte mitschrieb.
Siehe auch die Artikel von Gerhard Stadelmaier @ FAZ NET | Peter Iden @ Frankfurter Rundschau | Klaus Dermutz @ süddeutsche.de | Peter Kümmel @ DIE ZEIT
E s b j ö r n S v e n s s o n t ö d l i c h v e r u n g l ü c k t

Das bestätigte der Konzertveranstalter Karsten Jahnke am Sonntag dem »Hamburger Abendblatt«. Der Tod des 44-Jährigen sei ein herber Verlust, sagte Jahnke, der das nach Svensson benannte Jazztrio e.s.t. wiederholt zu Konzerten nach Hamburg geholt hatte, der Zeitung. Mit seinen Mitstreitern Dan Berglund und Magnus Öström habe Svensson eine Einheit gebildet, wie sie selten im Jazz vorkomme.
Mit seinen 13 Alben und seinem Crossover-Mix aus zeitgenössischem Jazz, Rock, Pop und elektronischer Musik erspielte sich Svensson eine legendären Ruf.
Sein Trio wurde vor zwei Jahren mit dem European Jazz Award und dem BBC Jazz Award ausgezeichnet.
E.S.T. war zudem die erste europäische Gruppe, die es auf das Cover des renommierten amerikanischen Jazzmagazins »Down Beat« schaffte. 1995 und 1996 wurde Svensson in seiner Heimat zum Jazzmusiker des Jahres ernannt.
Der Sohn einer klassischen Pianistin und eines jazzbegeisterten Vaters nahm erst mit 16 Jahren seine ersten Klavierstunden.
»Musikalisch war er das Licht der Welt, weil er die Grenzen verschoben hat«, sagte sein Manager Burkhard Hopper über Svensson, »seine Musik hat Menschen in allen Ecken der Welt inspiriert.« Der Klaviervirtuose hatte laut Hopper einen inneren Drang zur Musik: »Er hat immer von sich gesagt, dass er seiner inneren Musik folgen würde.«
Die Internet-Seite allaboutjazz.com berichtet, dass sich Svensson bei seinem Tauchunfall in der Nähe eines Anlegestegs befand. Er war mit anderen Tauchern zusammen und wurde »schwer verletzt« auf dem Meeresboden gefunden. Er konnte an Land nicht reanimiert werden.
»Er war ein unheimlich netter, bescheidener, respektvoller Mensch, der mit dem Herzen immer der Musik gefolgt ist«, sagte sein Manager Burkhard Hoppe dem »Hamburger Abendblatt«.
Siehe auch die Artikel von Maxi Sickert @ ZEIT online | Wolfgang Sandner @ FAZ NET | Alex Rühle @ süddeutsche.de
E X A C T E V E R L A G S U N F Ä H I G K E I T
Walter
Benjamin
Kairos. Schriften zur Philosophie
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Ralf
Konersmann. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2007
(suhrkamp taschenbücher wissenschaft ; Bd. 1842);
355 S., € 13,00. ISBN : 978-3-518-29442-0
(Erscheinungsdatum: 13. oder 22. oder 27.08.2007)
B R Y N T E R F E L + P E T E R S T E I N
Bryn Terfel breaks a sabbatical year to sing at WNO (BK)
Bryn Terfel makes his
only opera appearance in 2008, with Welsh
National Opera in a revival of Peter Stein’s
landmark production of Verdi’s
Falstaff.
The Welsh bass-baritone comes full circle in his
career when he sings the role at the Wales
Millennium Centre, Cardiff Bay, Birmingham
Hippodrome and Venue Cymru, Llandudno, in Spring
2008.
Twelve years ago, fresh from winning the
prestigious Lieder prize in the Cardiff Singer of
the World competition, Bryn Terfel delighted
critics and audiences with his performances as
the wealthy young landowner Ford in WNO’s
production of Falstaff,
directed by Peter Stein. In 2008, he returns to
the Company where he began his opera career, to
take on the title role in the same production –
which will again be directed by Stein, the
acclaimed European theatre and opera
director. Falstaff
will be
conducted by Carlo Rizzi, Music Director of WNO.
While Bryn Terfel has sung the role to unanimous
praise in opera houses throughout the world, his
return to his native country to sing with WNO
will hold a very special resonance: he will be
singing the role of Falstaff
in a
special Gala Preview performance on Saturday
March 1st 2008 - St David’s Day. There will be
four more performances of Falstaff in Cardiff on
Monday 3 March, Wednesday 5th March, Friday 7th
March and Sunday 9th March.
Additionally, Bryn will be singing the role in
Birmingham (Thursday 13th March & Saturday
15th March, 2008) and in Llandudno, North Wales
(Tuesday 18th March & Thursday 20th March,
2008).
»This promises to be an extraordinary event: an
artist of Bryn’s calibre reunited with a director
like Peter Stein to present Verdi’s magnificent
comedy,« says John Fisher, WNO’s General
Director. »Bryn has shown great commitment to the
Company where he began his amazing career,
returning this year to celebrate our 60th
anniversary with us by making his debut in the
title role of The Flying
Dutchman. We are looking
forward greatly to Bryn singing
Falstaff
with the
Company, particularly as 2008 was due to be a
sabbatical year for him.«
»I so enjoyed Peter Stein’s production of this
masterpiece when I sang Ford in WNO’s 1994
revival – to return as Falstaff is a dream come
true,« Bryn Terfel says.
The cast will also include fellow Welshman Rhys
Meirion, who makes his debut with WNO singing the
role of Fenton. Rhys, a former head teacher, is
widely acclaimed for his interpretation of roles
in operas by Puccini and Verdi and he has also
recorded a duet album with Bryn Terfel on the
Sain Record label. Baritone Christopher Purves
sings the role of Ford having made a huge impact
at WNO already in recent performances of the
title roles in Don
Giovanni and the
award-winning Wozzeck.
Soprano Janice Watson, a winner of the Kathleen
Ferrier Memorial Award, sings the role of Alicia
Ford. Janice last appeared with WNO in the
Company’s production of Ariadne auf
Naxos in 2004.
Mezzo-soprano Imelda Drumm sings Meg Page: she
has also forged a strong bond with WNO during her
career, singing in Richard Jones’ acclaimed
production of Hansel and
Gretel and appearing as the
Fox in The Cunning
Little Vixen. She will also sing
the title role in WNO’s Carmen
this
coming summer.
Tickets for
performances of Falstaff
in
Cardiff, Birmingham and Llandudno go on sale as
follows:
Cardiff
and Llandudno: Public booking for WNO
Subscriptions opens on Monday 5 February, 2007. —
Birmingham Hippodrome Theatre: Public booking for
WNO Subscriptions opens in late May,
2007.
BILL KENNY
D E N K E N M I T B E U Y S
Von Endre Kiss, Budapest
Die letzten
dreißig Jahre erhoben zwei umfassende
Denkrichtungen in die Stellung der effektiven
Gestaltung von Geschichte und Gesellschaft. Uns
scheint, dass diese Verschiebung der
philosophischen Palette neue, vielleicht sogar
überdurchschnittlich produktive Möglichkeiten
schafft, Joseph Beuys’ Lebenswerk in dieser
neuen Perspektive uns neu zu vergegenwärtigen.
Die eine bestimmend gewordene umfassende
philosophische Richtung ist jener
Neoliberalismus, der als Erneuerung und
Reformulierung des Neopositivismus des Wiener
Kreises und der dreißiger Jahre, sowie als
neuer und umfassender Typus des
neopositivistischen Neoliberalismus (oder des
neoliberalen Neopositivismus) gelten kann, der
vor allem von jenen formuliert worden ist, die
am Marxismus und den den damaligen historischen
Formen des realen Sozialismus enttäuscht waren
und bei denen diese Desillusionierung auch noch
das Ausmaß der Angst und der Empörung wegen
Hitlers Machtübernahme erreichte, stellenweise
sogar noch überragte.
Es war dieser Typ des spezifisch
antikommunistischen Neoliberalismus, der in den
vergangenen Jahrzehnten sowohl in der Politik,
wie auch in der Wirtschaft und
Wirtschaftstheorie, nicht weniger aber auch in
der philosophischen Grundlagenforschung in
entscheidende Positionen kommen konnte.
Die andere, anfangs angesprochene
philosophische Richtung ist der
Postmodernismus. Auch der Postmodernismus
erzielte seine bestimmende Position nach und
wegen der kritischen Schwächung des bis dahin
vorherrschenden Neomarxismus (im Falle der
Postmoderne spielte auch der Strukturalismus
eine ähnlich dezisive Rolle, wie aber auch im
Falle des Neoliberalismus/Neopositivismus noch
weitere philosophische Richtungen eine Rolle
gespielt haben).
Trotz der Tatsache, dass die genannten
Jahrzehnte im wesentlichen unter der
gemeinsamen Hegemonie dieser beiden umfassenden
Strömungen gestanden haben, kamen diese beiden
Richtungen nur im allerseltensten Fall in
direkte Berührung zueinander.
Diese Frage interessiert uns an dieser Stelle
aus dem Grunde, weil sie trotz ihrer nicht nur
deutlichen, sondern auch struktur- und
diskursbildenden Gegensätzlichkeit in
entscheidenden Zusammenhängen auch in einer
Relation der Symmetrie miteinander gestanden
haben.
Diese Symmetrie-Relation ist es, mit welcher
wir die größte Chance haben dürften, Joseph
Beuys’ Denken und künstlerisches Werk nunmehr
vor dem Horizont unseres Zeitalters auf die
Waage zu stellen.
Als symmetrisch erweisen sich die beiden
philosophischen Komplexe zunächst darin, dass
beide sich wie organisch auf die beiden
umfassenden Richtungen der europäischen
Philosophie und Politik aufbauen.
Auch ohne ausführliche Dokumentation lässt sich
einsehen, dass der
Neoliberalismus/Neopositivismus seit den
siebziger Jahren zur Denkweise der europäischen
konservativen Richtungen geworden ist. Auf der
anderen Seite dürfte der postneomarxistische
Charakter der postmodernistischen Richtung
zweifellos nicht nur vor dem oberflächlichen
Zuschauer geheim bleiben, auch die einzelnen
philosophischen Akteure haben es erstaunlich
lange nicht artikuliert.
Dieses Verständnis will nichts über die
tatsächliche Wirkungsgeschichte oder über die
eventuellen Ähnlichkeiten oder Entsprechungen
aussagen. Es will in keinem Fall als politische
Etikettierung auftreten.
Dieser als erster angeführte Zug der Symmetrie
ist nur eine faktische Festlegung von
morphologischem Charakter, die vor allem dazu
dient, Richtungen inhaltlich zu beschreiben und
sachlich zu bestimmen.
Dieselben Prozesse hätten im Prinzip auch
Joseph Beuys’ Lebenswerk in dieser oder jener
Richtung integrieren können. Sein Werk lässt
sich mit Hilfe dieser Dualität erfolgreich
erschließen.
Erstens ist es historisch notwendig, Denn
Beuys’ Wirken fällt unter anderen gerade in
jene sechziger und siebziger Jahre, in denen
die auseinander herauswachsende komplexe
Entfaltung des Neopositivismus/Neoliberalismus
und der Postmoderne vor sich ging. In diesem
intellektuellen Raum (man dürfte mit vollem
Recht sagen: »Zeit-Raum«) lassen sich
zahlreiche relevante, wenn nicht eben
entscheidende Charakterzüge von Joseph Beuys
mit der Chance auf Erfolg beschreiben.
Beuys gehörte ohne jeglichen Zweifel derjenigen
intellektuellen und gesinnungsmässigen
Gruppierung an, die man zusammenfassend als
›Die Neue Linke‹ situieren kann. Sein
wichtigster spezifischer Zug war dabei eben,
dass er das Essentielle dieser Attitüde auf
eine Weise verkörperte, dass er dabei mit der
Ideologie (sowohl im beschreibenden wie auch im
wertbeladenen Sinne) derselben Bewegung gar
wenig zu tun gehabt hätte.
Mithilfe der Umgangssprache ließe sich dieser
Tatbestand so ausdrücken, dass er ein
nicht-konventioneller Vertreter der Neuen Linke
war. Welche (und wie viele) ideologische
Vorschriften diese an sich zweifellos sehr
kritische Richtung von ihren Mitstreitern
verlangt hatte, können wir an dieser Stelle
nicht ausmachen.
Beuys ließ sich jedenfalls von keiner dieser
Anforderungen ansprechen. Um einen der
wichtigsten Begriffe unseres Versuchs
vorwegzunehmen, verkörperte Joseph Beuys eine
an der am Antiideologismus grenzende Haltung,
deren integrative Idee die von uns von
Siegfried Kracauer übernommene Vorstellung der
menschlichen Primärimpulse war.
Zur Neuen Linke im breitesten Sinne des Wortes
gehörte Joseph Beuys in dem Maße und in dem
Sinne, in denen diese Richtung die menschlichen
Primärimpulse in einem konkreten historischen
und einem ebenso konkreten zivilisatorischen
Zeitalter neu formulieren wollte.
Zur Neuen Linke gehörte Beuys in seinem steten
Drang zur Reform und Reformierung; nicht zur
Neuen Linke gehörte er (selbstverständlich)
durch sein Denken über Kunst, sowie durch seine
ständige Thematisierung der Religion und des
Jesus-Bezugs.
Die historisch stets anders werdenden und doch
so erstaunlich gleich bleibenden emanzipierten
menschlichen Primärimpulse lassen aber schon
zur zweiten integrierenden Eigenschaft im Werk
und Denken von Joseph Beuys hinführen, und zwar
zur klaren Thematisierung der ästhetischen
Erziehung des Menschen.
Joseph Beuys’ ästhetische Erziehung hat klare
Bezüge zu Friedrich Schillers ursprünglicher
Konzeption (davon zeugt nicht nur ein von ihm
motivierte gemeinsame Photoaufnahme mit Andy
Warhol, dieser Bezug geht aber auch tiefer, und
zwar in die später nicht sehr oft thematisierte
Kultur der eigenen Jugend).
An dieser Stelle sei aber schon festgestellt,
dass wir die essentielle Dimension des
spezifischen und unverwechselbaren Denkens und
künstlerischen Werkes von Joseph Beuys gerade
in dieser tiefen Verschmelzung der beiden in
den Mittelpunkt gestellten Konzepte erblicken.
Es geht um die ästhetische Erziehung als
Inbegriff der menschlichen Primärimpulse und
die menschlichen Primärimpulse als Motive und
Ergebnisse der ästhetischen Erziehung.
Forschungen (unter ihnen auch die unseren)
erweisen, dass ein Großteil der spezifisch
postmodernen Denkschemata aus dem
philosophischen Neomarxismus entstand.
Dies hieß aber nie, wie erwähnt, dass wir
diesen historisch-philologischen Befund für
eine politische Etikettierung nutzen wollten
oder dürften. In diesem Sinne erscheint bei
Joseph Beuys die nicht kalkulierbare
Erscheinung: Seine Nähe zur Neuen Linke führte
bei ihm in keinem Sinne zu Phänomenen, die man
später als »postmodernistisch« etikettierte. In
diesem Zusammenhang hörte die Moderne für Beuys
nie auf. Anstatt des in der Postmoderne in
zahlreichen Spielarten realisierten radikalen
Differenzdenken, werden bei ihm die Wege der
Emanzipation beschritten.
Kein Wunder, dass die ästhetische Erziehung
(»Jedermann ist ein Künstler«), die
Thematisierung der menschlichen Primärimpulse,
sowie die des sozialen Kapitals alle auch als
Neuformulierung der Emanzipation gelten können.
Diese wahre Alternative zum radikalen und
konstituiven Differenzdenken der Postmoderne
ist nicht neoliberal, während sie in ihrer
emanzipativen Ausrichtung alles andere als
»antiliberal« wird.
Der als idealtypisch anzusehende
Neopositivismus-Neoliberalismus lässt sich vor
allem mit den Bestimmungen der Begriffsbildung
und dadurch der Wissenschaftslogik
physikalistischer Art am adäquatesten
charakterisieren. Auf eine nur scheinbar
erstaunliche Weise ließe sich auch die
Postmoderne im wesentlichen auch durch ihre
Regelung der Begriffsbildung und dadurch der
Gegenstandskonstitution am adäquatesten
beschreiben, diese Modifizierung erscheint
allerdings in zwei Idealtypen (die mit den
Namen Derrida und Foucault angedeutet werden
können).
Obwohl diese beiden Reformen der
Begriffsbildung (und dadurch auch der
Gegenstandskonstitution) einander nicht im
mindesten ähnlich sind, ersteht doch eine
Symmetrierelation durch die Tatsache der
beiderseitigen Begriffsreform.
Symmetrisch sind die beiden umfassenden
Richtungen allerdings auch darin, dass sie
jegliche andere Art der Begriffsbildung mit dem
schwierigsten und konsequenzenreichsten
ideologischen und wissenschaftlichen Verdacht
versehen.
Die allseitige Delegitimierung jeglicher anders
konzipierten Begriffsbildung führt dann
konsequenterweise zur Verunmöglichung auch
jeglicher Sinngebung, welche auf die
andersartigen Begriffskonstitutionen aufgebaut
worden wären.
Die Symmetrie der Reformen der Begriffsbildung
wird von der Absicht motiviert, dass auf dem
Wege der Neuregelung der Begriffskonstitution
ein Versuch gemacht wird, den gesamten
Denkprozess neu zu regeln.
Joseph Beuys’ Werk und Denken unterscheidet
sich von beiden Richtungen darin, dass sich
ihre Fundamente (ästhetische Erziehung,
menschliche Primärimpulse, kulturelles-soziales
Kapital) solchen Neuformulierungen der
philosophischen Begriffsbildung geradezu
entziehen.
Dies bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht
von begrifflicher Natur wären. Sie bedeutet
eher, dass sie solche primären Relationen in
der Beziehung des Menschen zur Gesellschaft und
zur Geschichte thematisieren, die auf ihre
Weise immun gegenüber Modifizierungen der
philosophischen Begriffsbildung sind, deren
klar einsichtiges Ziel die Aufrichtung einer
philosophischen Hegemonie ist.
Dass die Begriffsbildung (vor allem in ihren
Konsequenzen auf die Kognition der
Gegenstandskonstitution) für Beuys ebenfalls
von der größten Wichtigkeit war, ist gewiß. Er
äußerte auch oftmals seine Skepsis gegenüber
vorgeprägten Begriffskorsetten, deren Macht (in
jedem Sinne des Wortes) er nicht nur einfach
wahrgenommen, sondern gegen die er – als einer
der wenigen, die es überhaupt thematisierten –
auch tatkräftig opponiert hatte.
Seine Intentionen sind aber jedoch direkt von
der entgegengesetzten Richtung. Er betrachtet
den ganzen Prozeß jeder möglichen Reform der
Begriffsbildung (die Anfänge des
Neupositivismus/Neuliberalismus wie auch des
Postmodernismus hat er ja noch erlebt) nicht
aus der Perspektive der Schule (die je
»vorschreiben« will), sondern aus der
Perspektive des sich artikulierenden Einzelnen,
während die Richtung und die Inhalte dieser
Selbstverwirklichung für ihn nicht nur nicht
bestimmt werden können, sondern auch nicht
bestimmt werden dürfen.
Was in ihnen von Relevanz ist, ist allein die
Fähigkeit, ob die kreative und emanzipative
Realisierung der menschlichen Primärimpulse,
die Praxis der ästhetischen Erziehung und die
Akkumulation des sozialen Kapitals (auch in der
Form der Kunst als Kapital) dabei möglich sind
oder nicht.
Es ist geradezu paradigmatisch, dass diese
durchaus markante Intentionalität es ist, die
aus Beuys praktisch in jeder Periode und in
jedem Zusammenhang seiner Tätigkeit wie auf
einen Schlag einen Sozialreformer macht. Die
Gesellschaft wird ihm an dem Punkt relevant, an
dem die Entfaltung menschlicher Primärimpulse
in Frage kommt.
Es ist alles andere als nebensächlich, dass
diese Forderung bei ihm zutiefst »demokratisch«
ist, sie wird im Namen von jedem Einzelnen
gestellt, sie ist nicht einer Minorität von
auserlesenen Werteträgern vorbehalten. Diese
»anthropologisch« ausgerichtete Auffassung über
Demokratie (und wie es früher thematisch war:
Liberalismus) ist von den entscheidenden
Ansätzen von Beuys (ästhetische Erziehung,
Primärimpulse, soziales Kapital) in keiner
Hinsicht zu trennen.
Die sozialreformerischen Aktivitäten von Joseph
Beuys auf der Grundlage der für jeden
sicherzustellenden Entfaltung der menschlichen
Primärimpulse, vor allem der Kreativität und
der Authentizität, markieren einen scharfen
Unterschied zu den nunmehr ebenfalls sozialen
Konsequenzen der neoliberal/neopositivistischen
und der postmodernen Begriffsbildung und
philosophischen Gegenstandskonstitution.
Denn diese Reformierung(en) der
Begriffsbildung/Gegenstandskonstitution kann zu
einer tiefgehenden Desorientierung der sozialen
Praxis auch in dem Fall kommen, wenn keine
diesbezüglichen Absichten vorliegen. Die
spezifisch postmoderne Ausdehnung der
Begriffsbildung und Gegenstandskonstitution
führt unter anderen zu einer umfassenden
Kontingenz, die ab ovo jegliche
Allgemeingültigkeit ausschließt, mit Beuys zu
reden, etwa auch die der Konzepte der
ästhetischen Erziehung oder der menschlichen
Primärimpulse.
Die spezifisch neopositivistisch/neoliberale
Begriffsbildung und Gegenstandskonstitution
repräsentiert – und darüber sprachen wir schon
in dieser Arbeit – ebenfalls eine Normativität,
die für andere Konzepte einen
unmißverständlichen Ausschließungscharakter
hatten.
Diese Symmetrie führt wieder in einer Richtung,
die wieder gemeinsam zwischen diesen beiden
Strömungen und zu Joseph Beuys diametral
entgegengesetzt ist.
Diesen beiden umfassenden Richtungen ist es
also gemeinsam, dass ohne eine »richtige«
philosophische Attitüde eine praktische
Durchführung der spezifisch normierten
Begriffsbildung überhaupt nicht möglich ist.
Mit anderen Worten heißt es so viel, dass diese
spezifische Begriffsbildung ohne eine
vorangehende Missionierung überhaupt nicht
möglich ist, was wieder mit anderen Worten so
viel heißt, dass es praktisch keine naive
postmoderne (und neoliberale) Einstellung gibt
und jemals geben kann.
Zunächst wird aber die richtige Attitüde
vorgeschrieben, aufgrund derer die richtigen
Denkbewegungen erst in Bewegung zu bringen
wären.
Bei Beuys ist es charakteristischerweise schier
unvorstellbar. Die grundsätzlichen Bestimmungen
der »richtigen« Attüde rühren bei ihm von
umfassenden emanzipativen Wertsetzungen und
sind nicht von methodologischen
Denkvorschriften abhängig. Die emanzipativen
Werte lassen sich weder (neoliberal)
vorschreiben, noch (postmodernistisch) in einer
uferlosen Kontingenz aufgehoben werden.
Joseph Beuys exzelliert in diesem Zusammenhang
sogar auch noch darin, dass seine emanzipativen
Konzepte die Realisierung dieser Werte voll und
ganz dem Individuum überlassen. Seine Regelung
ist auch dann noch eindeutig, wenn sie einzig
durch die Freiheit des Einzelnen realisiert
werden kann. Er stellt somit eine
fleischgewordene Alternative sowohl zur
(neoliberalen) Normierung, wie auch zur
(postmodernen) Kontingenz von Begriffsbildung,
Gegenstandskonstitution und menschlicher
Praxis.
Joseph Beuys geht über die ästhetische Moderne
hinaus, ohne die politisch-emanzipative Moderne
zu transzendieren. Die unerwarteten
Symmetrierelationen zwischen
Neoliberalismus/Neopositivismus und Postmoderne
schaffen deshalb eine Situation, in der wir
heute mit Joseph Beuys durchaus denken können.
Dieses Denken ist auf der einen Seite alles
andere als leicht, schon aus dem Grunde, weil
beide umfassenden Strömungen es geradezu
vorschreiben, wie das »richtige« Denken
ausschauen muß.
Auf der anderen Seite ist dieses Denken aber
wirklich nicht schwierig. Es ist es aus dem
Grunde nicht, weil man in jeder Konfrontation
mit der aktuellen Wirklichkeitsproblematik die
drei wichtigsten Komponenten von Beuys’ Denken
und Werk wiederfindet: die problematische
Zukunft menschlicher Primärimpulse, die
problematische Zukunft einer in heutigem Sinne
verstandenen ästhetischen Erziehung (»Jedermann
ist Künstler«) und die problematische Zukunft
des sozialen Kapitals (»Kunst als Kapital« in
jeder möglichen Lesart dieser Aussage).
D S C H U N G E L
JOHN CAGE
F L U X U S
Wiederentdeckung von Dada: Veröffentlichung von
Robert Motherwell THE DADA PAINTERS AND
POETS (New York)
JOHN CAGE
setzt in seiner Komposition Imaginary
Landscape No.4 (wie auch in MUSIC OF
CHANGES) erstmals das Radio als
Musikinstrument ein. 24 Ausführende stellen
nach den Anweisungen der Partitur an 12 Radios
Lautstärke, Tonhöhe und Sender ein.
1952
JOHN CAGE veranstaltet am Black Mountain
College die erste 'Multimedia'-Veranstaltung
der Nachkriegszeit: ein unbetiteltes
happeningartiges Konzert unter Einbeziehung von
Klaviermusik, Textlesung, Tanz,
Bildpräsentation, Film- und Diaprojektion.
Aufgeführt werden u.a. Water Music, Music
of Changes, 4'33«, Theater Piece #1. WATER
MUSIC ist das wohl erste von John Cage als
Musikperformance intendierte Werk. In diesem
Stück nutzt der Pianist diverse
Alltagsgegenstände wie Radio, Pfeife,
Wasserbehälter oder Kartenspiel zur Bearbeitung
eines Klaviers. Die Partitur des Stücks ist ein
großes Plakat, auf dem - für das Publikum
sicht- und nachvollziehbar - alle
Einzelereignissen mit genauen Zeitangaben
notiert sind (mit M.Cunningham, C.Olson,
R.Rauschenberg, M.C.Richard und D. Tudor).
Marshall McLuhan veröffentlicht das Buch
Die Gutenberg-Galaxie.
1956
15.04.1956
Erstes noch unbetiteltes HAPPENING von
Allan Kaprow am Douglas College, New Brunswick.
Die Bezeichnung taucht nur in der Beschreibung
der Veranstaltung auf.
1957
George Brecht verfasst den Text CHANCE
IMAGERY, in dem er die Rolle des Zufalls
in Kunst und Wissenschaft der Moderne
untersucht (publiziert 1966).
1957/58
Konzeption des Forschungsprojektes PROJECT
IN MULTIPLE DIMENSIONS von George Brecht,
Allan Kaprow und Robert Watts zu Kunst und
Wissenschaft und der Entwicklung von
Gattungsgrenzen überschreitenden
»multi-dimensionalen Medien« (»a group of
events« mit Cage, Stockhausen,
Brown et al.)
1958
John Cage hält seine ersten drei
Vorlesungen in Europa (CHANGES –
INDETERMINACY – COMMUNICATION),
Internationale Ferienkurse für Neue Musik,
Darmstadt
06.12.1958
1. LITERARISCHES CABARET der Wiener
Gruppe (F. Achleitner, H.C. Artmann, K. Bayer,
G.Rühm, O. Wiener), Wien
Umberto Eco entwirft ein theoretisches Modell
des »offenen Kunstwerks« (Das offene
Kunstwerk, veröffentlicht 1962).
1958-1960
John Cage
gibt Kurse über experimentelle Komposition an
der New School for Social Research. Zu seinen
Studenten gehören u.a. George Brecht, Al
Hansen, Dick Higgins, Allan Kaprow, ab 1960
auch La Monte Young, George Maciunas und
Richard Maxfield et al.
1959
15.04.1959
2. LITERARISCHES CABARET der Wiener
Gruppe mit »anderen Ereignissen und
Begebenheiten«, Porrhaus, Wien
04.10.1959
Ausstellung Allan Kaprow 18 HAPPENINGS IN 6
PARTS zur Eröffnung der Reuben Gallery,
New York. Erste öffentliche Verwendung des
Begriffs HAPPENING. Ziel ist die
Teilnahme des Publikums am Geschehen unter
Einbezug der Improvisation. Teilnehmer sind
neben dem Publikum J. Johns, R. Rauschenberg,
R. Montague, Sh. Prendergast, L. Samaras, J.
Weinberger, R. Whitman, S. Francis, R. Grooms,
D. Higgins, L. Johnson, A. Leslie, J. Milder,
G. Segal und R. Thompson
16.10.-05.11.1959
Erste Einzelausstellung von George Brecht
TOWARD EVENTS an arrangement, Reuben
Gallery, New York und erste öffentliche
Verwendung des Begriffs EVENT. Die von
ihm selbst oder anderen Performern realisierten
Stücke basieren auf »event scores«,
schriftlichen Handlungsanweisungen, die an
jedem Ort, zu jeder Zeit und von jeder Person
interpretiert und aufgeführt werden können. Die
Partitur ersetzt das realisierte Ereignis
18.12.1959
Aktion: Bazon Brock, Fritz Hundertwasser und
Herbert Schult ziehen EINE ENDLOSE LINIE in
einer Klasse der Hochschule für Bildende Künste
in Hamburg
1960
Erstmalige Verwendung des Wortes
FLUXUS (lat. flux/fluere = fließend)
als Titel für eine Zeitschrift, die George
Maciunas zusammen mit Almus Salcius herausgeben
will.
14.03.1960
A CONCERT OF NEW MUSIC, The Living
Theatre, New York, mit Performances von A.
Kaprow, G. Brecht, A. Hansen, R. Rauschenberg,
R., R. Maxfield, J. Cage, Mc Dowell
August/September 1960
PERFORMANCES von R. Filiou: Performance
Piece for a Lonely Person in a Public
Place und L’Immortelle Mort du Monde
(Auto-Theater), Paris
DE-COLL/AGE / AKTION von W. Vostell: Plakat
Phasen,, Plaza de Cataluña, Barcelona
1961
März-Juli 1961
Literatur-, Musik- und Filmveranstaltungen /
Kunstausstellungen in der AG GALLERY von G.
Maciunas / A. Salcius und im Studio von YOKO
ONO, New York. Teilnehmer: R. Marxfield,
J.Cage, D.
Higgins, J.MacLow, E.Brown, J.Mc Dowell.
D.Johnson, B.Morris, P. Davis, J.Fischer,
T.Ichiyanagi, J. Byrd, S. Peterson, W. Maas, G.
Maciunas) sowie Performances von S Morris, d.
Lindberg, P. Corner, L.M.Young, T. Ichiyanagi,
H. Flynt, J. Byrd, J. Mac Low, R. Maxfield et
al
Henry Flynt verfasst das Manifest CONCEPT
ART (veröffentlicht in AN
ANTHOLOGY, 1963), in dem er die
Konzeptkunst als die Kunst proklamiert, deren
Material Konzept und Sprache sind
La Monte Young stellt das Material für die
Publikation AN ANTHOLOGY zusammen, das
erste und bis dato umfangreichste Manifest zu
Fluxus und den 'neuen Künsten', das erst 1963
in 1. Auflage herausgegeben wird (Design G.
Maciunas). Beiträge von G.Brecht, Y.Ono,
Jo.Cage, H.Flynt, D.Higgins, L.M.Young, D.Rot,
E.Williams, N.J.Paik (1. Auflage Hg. La Monte
Young, Jackson Mac Low, New York 1963 / 2.
Auflage Hg. Heiner Friedrich, München 1970)
Mai - Juli 1961
Köln, Wuppertal und Aachen sind wichtige Orte
für die rheinische Avantgardeszene.
Performances u.a. von B. Patterson, W. Vostell,
B. Brock
Herbst 1961
Maciunas reist als Designer für die US Army
nach WIESBADEN. Dort Kontaktaufnahme zur
rheinischen und Berliner Szene experimenteller
Musik und Kunst, insbesondere zu Nam June Paik,
Emmett Williams, Ben Patterson, Wolf Vostell,
Karlheinz Stockhausen, Joseph Beuys u.a.
1962
Maciunas initiiert und organisiert große
FLUXUS-FESTIVALS, die 1962 in Wiesbaden, dann
in Kopenhagen, Paris, Düsseldorf, Amsterdam
stattfinden. Ab Sommer 1962 Veröffentlichung
des Magazins Fluxus (im Herbst 1962
umbenannt in FLUXUS), seitdem
Etablierung des Begriffes für alle weiteren
Aktivitäten der Künstler.
Juni 1962
Erste Ausgabe der Zeitschrift décoll | age.
Bulletin aktueller Ideen (Hg. Wolf
Vostell) erscheint
09.0 6.1962
NEO-DADA IN NEW YORK. Vortrag von G.
Maciunas anlässlich der Veranstaltung ‘Kleines
Sommerfests - Après John Cage’ in der
Galerie Parnass, Wuppertal. Aufführung von
Stücken von Patterson, Riley, Higgins und
Curtis
01.-23.09.1962
FLUXUS. Internationale Festspiele Neuester
Musik, Hörsaal Städtisches Museum
Wiesbaden. 14 Konzerte von Higgins, Knowles,
Paik, Williams, Köpcke, Vostell, Filiou,
Maciunas. Diesem ersten mehrtägigen Festival
unter dem Titel Fluxus folgen zahlreiche
Konzerte in Kopenhagen, Paris, Düsseldorf,
Amsterdam.
23.-28.11.1962
FESTUM FLUXORUM. Fluxus. Musik og Anti
Musik. Det Instrumentale Theater. 6
Konzerte in der Nikolai Kirke Kopenhagen.
Teilnehmer: Williams, M.Low, Vostell, Higgins,
Knowles, Maciunas, Paik, Koepcke, Filliou.
Veröffentlichung von Maciunas’Neo-Dada in
Music, Theater, Poetry, Art und Kagels
Das instrumentale Theater.
03.-08.12.1962
FESTUM FLUXORUM. Poesie, Musique et
Antimusique evenenementielle et conctrete.
American Center, Paris. Teilnehmer: Filliou,
Williams, Koepcke, Schmit, Maciunas, Higgins,
Spoerri, Knowles, Vostell
1963
Veröffentlichung des FLUXUS MANIFESTs
von George Maciunas in der ersten
Fluxuszeitung, FLUXUS PREVIEW REVIEW.
Die Fluxuszeitung V TRE (Hg. George
Brecht, ab Sommer 1963 Maciunas cc V
TRE) erscheint. Gründung des Verlages
SOMETHING ELSE PRESS, New York durch
Maciunas und Higgins (bis 1974).
02.-03.02.1963
FESTUM FLUXORUM FLUXUS. Musik und
Antimusik. Das Instrumentale Theater,
Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.
Organisatoren: Paik, Beuys und Maciunas.
Teilnehmer: Patterson, Williams, Higgins,
Spoerri, Schmit, Mac Low, Maciunas, Brecht,
Beuys,
Koepcke, Vostell, Watts, Hansen, Young et al.
27./28.02.1963
DEMONSTRATION AGAINST SERIOUS CULTURE. From
culture to veramusement.
49 Bond Street, New York. Mit Henry Flynt, Tony
Conrad, Jack Smith
01.-31.05.1963
YAM FESTIVAL MAYTIME, Smolin Gallery,
New York, von Brecht, Watts, Knowles
16.06.1963
Bazon Brock BLOOMSDAY. Demonstration
und Veröffentlichung der Bloomzeitung, Galerie
Loehr, Frankfurt/Main
23.06.1963
FLUXUS FESTIVAL. Hypokriterion
Theatre, Amsterdam. Teilnehmer: G. Maciunas,
N.J. Paik, T. Schmith, E; Williams, R. Watts,
D. Higgins, A. Knowles, D. Spoerry, G. Brecht,
A. Koepke, G. Ligeti, T. Ishiyanagi, J. Mc low,
B. Patterson, L.M.Young, R. Maxifield, B.
Vautier, J. Cage, W. De Maria, B. Brotzmann,
M.Laurens Montw e, W. de Ridder
03.09.1963
Maciunias kehrt nach New York zurück. Ende der
Phase der großen gemeinsamen Fluxus-Konzerte in
Europa.
1964
11.04.-23.05.1964
FLUXUS CONCERTS. Eröffnung der
FLUXHALL, New York. 12 Konzerte von/mit Paik,
Brecht, Williams, Shiomi, Schmit, Eisenhauer,
Patterson, Higgins, Corner, Kosugi, Watts,
Vautier, Knowles, La Monte Young, Kubota,
Ichiyanagi, Jones, Maciunas et al.
20.07.1964
Actions, Agit-Pop, De-Collange /
Agehappenings, Events, L’Autorisme, Art Total.
Re-Fluxus, Festival der Neuen Kunst in
Aachen, Technische Hochschule. Stücke und
Aufführungen von: Brock, Andersen, Beuys, Filliou,
Gosewitz, Koepcke, Schmit, Vostell, Williams.
30.08.1964
ACTION AGAINST IMPERIAL CULTURALISM.
Die Demonstration von Henry Flynt und George
Maciunas gegen die Aufführung von Karlheinz
Stockhausens Originale anlässlich des 2nd
Annual New York Avant Garde Festival am Lincoln
Center New York schlägt fehl und beeinträchtigt
die »Solidarität« des »Fluxuskollektivs«
erheblich. Dies führt zum Bruch zwischen
Maciunas und vielen bisher unter der
Bezeichnung FLUXUS agierenden
Künstlern.
1965
05.-06.06.1965
Joseph
Beuys’ 24-STUNDEN-HAPPENING,
Galerie Parnass, Wuppertal. Teilnehmer: Brock,
Moorman, Paik, Rahn, Schmit, Vostell
1966
Maciunas gründet FLUXHOUSE COOPERATIVE
INC. (1968 Fluxhouse Cooperative
Building Project) mit der Absicht, durch
den Kauf von Häusern in Soho/Manhattan
Künstlern, Filmemachern und Tänzern adäquate
Arbeits- und Lebensräume zur Verfügung zu
stellen
Februar 1966
Dick Higgins veröffentlicht im SOMETHING ELSE
NEWSLETTER Vol.1, No.1 eine Liste von
Fluxus-Merkmalen - Internationalismus,
Experimentalismus, Ikonoklasmus, Auflösung der
Dichotomie von Kunst&Leben, Spiel und Witz,
Vergänglichkeit, Einzigartigkeit und
Intermedialität. Er prägt damit den Begriff
INTERMEDIA für eine »zwischen den Medien«
angesiedelte Kunst.
31.08.-30.09.1966
DIAS 1966 (Destruction in Arts
Symposium), London, organisiert von
Metzger und Sharkey, mit Beiträgen und Aktionen
von Lebel, Fleischman, Matusow, Hansen, Page,
Latham, Ono, Kren, Davey, Brus, Mühl, Nitsch,
Vostell, Weibel, Hansen, Ortiz et al.
1967
Beuys
gründet die DEUTSCHE STUDENTENPARTEI
als Reaktion auf den Tod des Studenten Benno
Ohnesorg, der bei einer Protestkundgebung gegen
den Besuch des Schahs in Berlin erschossen
wurde. Ziel der Partei ist die Autonomie der
Hochschule und ein demokratisches
Aufnahmeverfahren der Studenten ohne Prüfung
eingereichter Mappen.
1968
Umbenennung der Deutschen
Studentenpartei in FLUXUS ZONE WEST.
16.02.-12.04.1968
INTERMEDIA '68, State University
Stoney Brook, New York. Mit Werken von K.
Dewey, C. Schneeman, A. Tambellini, L. Levine,
Usco, Higgins.
07.06.1968
KUNST UND REVOLUTION. Simultane
Aktionen von Brus, Mühl, Weibel, Wiener,
Kaltenbeck an der Universität Wien
1970
06.11.1970-06.01.1971
HAPPENING & FLUXUS. Materialien aus dem
Archiv Sohm. Ausstellung im Kölnischen
Kunstverein.
1978
09.05.1978
Maciunas stirbt in Boston.
13.5.1978
FLUX FUNERAL FOR GEORGE MACIUNAS. 80
Wooster Street, New York. Teilnehmer:
Hendricks, Moorman, Patterson, Bourgeois,
Morrow, Cooper, Frank Higgins, Geoff Hendricks,
Knowles, Forbes, Kubota, Miller et al.
FLUXUS besteht weiterhin.
© Zusammengestellt von Katrin Kaschadt, Oktober 2004
B L O C K B E U Y S

Im Fall der Komposition BLOCK BEUYS, entstanden
1995-2000 und aufgeführt am 7. März 2000,
handelt es sich allerdings nicht um angewandte,
sondern um autonome Musik, also Musik, die
ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Natürlich ist
die Komposition von Rijnvos durch die
Installation von Joseph Beuys inspiriert worden
und reagiert auch sehr präzise auf diese, aber
gerade weil der Titel so offensichtlich die
visuelle Vorlage der Musik präsentiert, muss
darauf hingewiesen werden, dass es sich bei
Richard Rijnvos’ Komposition Block
Beuys nicht gleichsam um eine
1:1-Umsetzung des Werks von Joseph Beuys
handelt. Rijnvos’ Musik ist nicht deskriptiv;
sie antwortet vielmehr auf die von Beuys mit
Objekten bestückten Räume, indem sie ihrerseits
virtuelle Räume konstruiert; und dies tut sie
mittels einer musikgeschichtlich ziemlich
präzis lokalisierbaren Anknüpfung an Vorbilder,
unter anderem an die Musik von John Cage, wie
gleich noch weiter ausgeführt werden soll.
Wenn man sagt, Musik sei eine Zeitkunst, dann
ist diese Aussage seit über dreißig Jahren nur
mehr bedingt richtig. Natürlich kann sich Musik
nur innerhalb der Zeit abspielen und
wahrgenommen werden. Das bedeutet: in der Musik
gibt es Prioritätsverhältnisse. Wenn ich
Prioritäten setze, dann möchte ich, dass eine
bestimmte Sache zuerst geschieht und andere
erst später; und ich möchte das, weil nur die
eine Sache, welche die erste werden soll, am
wichtigsten erscheint. In der Musik nennt man
eine solche Sache häufig ein ›Thema‹, also ein
Gesetztes, eine Setzung. Nach dem Thema gibt es
dann vielleicht eine ›Ableitung‹; das zuerst
kommende Thema und das als zweites kommende
werden auch ›Hauptsatz‹ und ›Nebensatz‹
genannt; die musikalische Terminologie ist voll
von solchen Spiegelungen von
Prioritätsverhältnissen.
Ein Komponist, der von Anfang an auf andere
Weise an die Musik heranging und auf den sich
Rijnvos in seiner ArbeitBlock Beuys
mehrfach bezieht, war John Cage. Nachdem
bereits stellenweise bei Claude Debussy und vor
allem bei Erik Satie, auf den Cage sich
nachdrücklich berief, eine andere Konzeption
von musikalischer Zeit aufgeschienen war, war
Cage dejernige Komponist, der hartnäckig und
mit aller Konsequenz das Ziel verfolgte, eine
Musik zu schreiben, die ohne
Prioritätsverhältnisse auskommen würde, eine
Musik, in der das aufgelöst wäre, was man in
der Musikwissenschaft kompositorischen
Zusammenhang nennt. Er erreichte schließlich
auch sein Ziel in den Jahren um 1950, indem er
– sehr verkürzt gesprochen - alles, was an
Sprachähnlichkeit in der Musik liegt,
abschaffte, d. h. vor allem jegliche
Figurbildung und jegliche Formen von Setzung,
Ableitung oder Schlußbildung, von denen eben
die Rede war. Deshalb hat man einerseits bei
Cages Musik so oft das Gefühl von
Zeitlosigkeit, andererseits ist es möglich,
diese Stücke wie einen musikalischen Raum zu
hören, in dem man sich nach Belieben von einem
Gegenstand zum anderen bewegen kann. Letzteres
gilt natürlich besonders, wenn man diejenigen
Stücke gut kennt, in denen die Musiker die
zeitliche Anordnung des musikalischen Materials
von Aufführung zu Aufführung selbst verändern
können. Man erkennt dann ein Stück wieder,
obwohl man nicht seinen zeitlichen Ablauf
kennt.
Eines der kompositorischen Mittel, das John
Cage häufig gebrauchte und an das Richard
Rijnvos inBlock Beuys anknüpft, ist
das Mittel der Zeitklammer. Bevor aber die
Funktionsweise solcher Zeitklammern erläutert
werden soll, werfen wir erst einen Blick auf
die Gesamtstruktur von Rijnvos’ Block
Beuys:

Die Komposition umfasst vier Teile, die auch einzeln aufgefuehrt werden koennen. Diese Teile tragen die Titel Block Beuys - Raum 1, Block Beuys - Raum 2, Block Beuys - Raum 3 und Block Beuys - Raum 4 bis 7. Damit haben wir eine erste Analogie zur Darmstaedter Sammlung von Beuys, die aus sieben Räumen besteht, wobei die Räume 4 bis 7 je eine offene Schmalseite haben, so daß sie durch einen Gang miteinander verbunden sind. Für alle Teile der Komposition ist die Gleichzeitigkeit mehrerer musikalischer Ebenen oder Schichten charakteristisch. Eine dieser Schichten hebt sich immer dadurch von den anderen ab, dass sie permanent als ein Kontinuum gespielt wird - auch wenn sie nicht immer permanent zu hören ist -, während die anderen Schichten in sich bewegter und deutlich in verschiedene Abschnitte unterteilt sind. Das Kontinuum, wie es der Komponist selbst übrigens auch bezeichnet, wird in jedem der vier Teile klanglich anders realisiert: im ersten Teil hören wir ein Tonband mit Klavierklängen, bei denen die Saiten des Klaviers mit Schnüren angestrichen werden; im zweiten Teil wird ein Positiv benutzt - das ist eine Orgel mit nur einem Manual und ohne Pedal -, auf dessen Tasten kleine Gewichte gelegt werden. In Block Beuys - Raum 3 ist ein Instrument namens Aquaphon fuer das Kontinuum zuständig; dabei werden mit einem Bogen angestrichene Metallstäbe in Wasser getaucht. Im letzten Teil, Block Beuys - Raum 4 bis 7 schließlich, spielen zwei Schlagzeuger stets die gleiche rhythmische Sequenz, aber in ständig wechselnder Klangfarbe.
Da das Kontinuum in Raum 1 durch ein Tonband repräsentiert wird, das von Anfang bis Ende ohne Unterbrechung durchläuft, sind die zeitlichen Verhältnisse in dieser musikalischen Schicht unveränderbar. In den live gespielten Teilen jedoch werden die eben erwähnten Zeitklammern verwendet. Die Spieler müssen innerhalb eines bestimmten Zeitraums mit einem bestimmten Abschnitt beginnen und diesen auch innerhalb eines bestimmten zweiten Zeitraums beenden. Technische Voraussetzung für diese Art kompositorischer Zeitgestaltung ist die Verwendung von Stoppuhren, die jeder Spieler bei sich hat.
So schalten die Spieler am Beginn von Raum 1 mit dem dritten Ton des Tonbands ihre Stoppuhren ein, und die Streicher können zwischen 00'05" und 01'05" mit ihrem Abschnitt beginnen; die Pianisten und Schlagzeuger sind noch etwas freier in ihrer Wahl ›ihres‹ Zeitraums. Das kompositorische Mittel der Zeitklammer ist also dazu geeignet, innerhalb einer Musik, in der die zeitlichen Beziehungen (die Prioritätsverhältnisse) zwar nicht abgeschafft, aber doch aufgeweicht sind, eine Kontrollinstanz für die Dichte eines Abschnitts und natürlich auch für seine Harmonik zu liefern.
Rijnvos entschied sich für ein Komponieren mit mehreren gleichzeitig ablaufenden musikalischen Schichten, um den Gegensatz zwischen den vorgegebenen Räumen der Installation mit ihren Decken, Wänden und Fußböden und den von Beuys in diese Räume platzierten beweglichen Objekten musikalisch brauchbar zu machen. Das Kontinuum repräsentiert dabei die gebaute Struktur der Räume. Und darin liegt eine zweite Analogie zwischen Rijnvos’ und Beuys’ Werken; denn entsprechend der Tatsache, dass die gebaute Struktur von Raeumen desto weniger sichtbar wird, je mehr man hineinstellt, kann man das Kontinuum in Rijnvos’ Block Beuys halt mehr oder weniger gut hören, weil es von anderen Ereignissen überlagert wird.
Der Gegensatz zwischen Kontinuum und anderen Schichten bei Rijnvos spiegelt übrigens auch die Verhältnisse zwischen umbautem Raum und Anzahl der in diesem Raum versammelten Objekte bei Beuys: Zum Beispiel präsentiert der erste Raum, der mit 125 qm der bei weitem größte ist, nur 5 Objekte, der zweite hingegen, bei nur 96 qm, 33 Objekte. Diese Dichteproportionen spiegeln sich in Rijnvos’ Komposition darin, dass der erste Teil viel großzügiger mit der musikalischen Zeit verfährt und ruhiger ist als der zweite, in dem fast ohne Pause irgendetwas geschieht und die Ereignisse sich schnell abwechseln. In Raum 4 bis 7 wird auf eine besonders strikte Art auf die Beuysschen Objekte reagiert, indem nämlich der Komponist seine Abschnitte als ›Vitrinen‹ bezeichnet - analog den unter Glas ausgestellten Objekten in Beuys’ Räumen 4 bis 7 - und dem Kontinuum der beiden Schlagzeuger und einer weiteren Schicht eine dritte hinzufügt, die aus sehr kurzen Tonhöhen besteht. Die Anzahl der von Beuys innerhalb einer - realen - Vitrine zusammengestellten Objekte entspricht der Anzahl der von Rijnvos komponierten kurzen musikalischen Einheiten. Diese Splitter sind in der Lautstärke deutlich gegenüber den anderen Schichten herausgehoben.
Damit sind wir schon sehr nahe an der letzten und fundamentalen Analogie, die zwischen Rijnvos und Beuys besteht: Richard Rijnvos setzte bei den Grunderfahrungen von Bildender Kunst und Musik an, der Räumlichkeit und der Zeitlichkeit. Er hat die Grundflächen der sieben Räume von Beuys’ Installation gemessen und die Proportionsreihe, die sich aus den Quadratmeterangaben ergibt, umgedeutet in eine Proportionsreihe von Dauern, also von Minuten und Sekunden. Diese Proportionsreihe bestimmte von Beginn der kompositorischen Arbeit an die Länge der vier Teile des Werkes. So ist zum Beispiel das Verhältnis der Grundflächen des ersten und zweiten Raums, also 125 geteilt durch 96, bis auf ein Hundertstel genau auch das Verhältnis der Dauern von Rijnvos’ Raum 1 und Raum 2: 24'20'' zu 18'30''. Nur da Musik, wie Rijnvos sie schreibt, die zeitliche Gerichtetheit der alten Musiksprache nicht besitzt und durch eine Quasi-Räumlichkeit ersetzt hat, ist sie in der Lage, sogar in ihrer Grundstruktur sich nach einem anderen, bereits existierenden Kunstwerk zu richten, ohne ihren Autonomieanspruch aufzugeben.
© Autor: Martin Erdmann. In: Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Reihe XX. Jahrhundert 1
κ α ι ρ ό ς
Vom Bildhauer Lysippos wird er als blühender
Jüngling mit geflügelten Schuhen dargestellt,
dem eine Haarlocke in die Stirn fällt,
während er am Hinterkopf nur spärliche
Anzeichen von Haarwuchs erkennen lässt. Die
Redensart, »die Gelegenheit beim Schopf« zu
packen, wird auf diese Darstellung des Gottes
zurückgeführt. Dementsprechend bezeichnet man
in der Psychologie die Angst, Entscheidungen
zu fällen, als Kairophobie.
Manchmal wird er in Gegensatz zu seinem
Großvater Kronos, lat. Saturn gestellt, aber
»Kronos« ist nicht identisch mit Chronos, dem
Gott der Zeit. Im biblischen Sprachgebrauch
ist Kairos der richtige Zeitpunkt im
Gegensatz zu Chronos, der Zeit im
Allgemeinen.
Reste eines Kairos-Reliefs befinden sich im
Benediktiner-Kloster der kroatischen
Hafenstadt Trogir.
Im Christentum wird daher auch gerne Jesus
Christus als kairos im Sinne der »erfüllten
Zeit« bezeichnet.
κ α ι ρ ό ς : Z u r G e s c h i c h t e d e s B e g r i f f s

Pandaros hat
to kairio,
die richtige, nämlich eben tödliche Stelle am
Körper des Menelaos nicht getroffen; er hat
den
kairos
verfehlt. Apollon, nicht nur Gott der
Künstler und der Dichter, sondern auch
derjenige, der durch seine Pfeile, von einem
silbernen Bogen abgeschossen, den Männern den
Tod bringt, hat das Geschoß nicht ins Ziel
gelenkt. Athene allerdings hat ihr Ziel
erreicht. Sie hat durch ihre Intervention den
Augenblick, in dem sich die Heere gegenüber
stehen, in dem die Zeit zu stocken scheint,
weil er der Augenblick der Entscheidung über
Krieg oder Frieden ist, in ihrem Sinne
genutzt.
Der Krieg bricht aus. Sein Klang ist die
dröhnende Sehne des Bogens und sein Symbol
der geschärfte Pfeil, der in die Lücke der
stockenden Zeit springt. Apollon hat sein
Instrument, die Leier
(lyra)
umgedreht. Aus ihr ist ein Bogen
(biós)
geworden. »Nun ist der Bogen dem Namen nach
Leben
(bíos),
in der Tat aber Tod
(thanatos)«.
[05]

Kairos heißt also: die richtige Stelle, die, die man treffen muß, und meinte ursprünglich »die dreieckige Öffnung (…), die beim Weben entsteht, wenn die Kettfäden gehoben bzw. gesenkt werden, um den Schußfaden oder Einschlag hindurchzulassen«. [06]
Ein Gewebe, das kairoeis ist, ist gut gekettet, fest gewebt. Die beim Weben entstehende Lücke ist räumlich klein und zeitlich begrenzt. So verbindet sich hier die Bedeutung der richtigen Stelle bereits mit dem richtigen Moment. Doch das Gewebe, das so entsteht, ist für die Griechen das Werk, das Wirken der beiden streitenden Brüder Zeus und Poseidon: »Siehe, das Seil des mächtigen Streits und des verheerenden Krieges spannten sie wechselnd aus um beide kämpfenden Völker, unzerreißbar, unlöslich, das viele riß ins Verderben«. [07]
An das von Göttern gewirkte Gewebe des Schicksals bleiben die Menschen gebunden. Der kairos ist also wertneutral: Was für den einen ein vollkommenes Gelingen darstellt, kann für den anderen Tod und Verderben bringen.
Kairos ist über keiro (abschneiden) mit krinein verwandt. Das heißt scheiden, trennen, unterscheiden, aber auch entscheiden, ein Urteil fällen. Das Substantiv dazu heißt krisis. Die krisis ist die Trennung, der Einschnitt, bedeutet aber auch Entscheidung eines Wettkampfes, eines Streites, auch eines Rechtsstreites, und dann heißt krisis Gericht.
Kairos ist also in seiner temporalen Bedeutung eine Krise der Zeit. Im kairos werden die Zeiten unterschieden. Der Pfeil des Pandaros unterscheidet Friedenszeit und Kriegszeit, er entscheidet über Krieg und Frieden und scheidet damit die Zeit (chronos) in zwei Hälften, eine davor und eine danach. Dadurch, daß kairos die Mitte der Zeiten ist, wird er zum Maß (metrion) der Zeit.
Eine Zeit dauert von kairos zu kairos bzw. von krisis zu krisis, nicht etwa, wie z. B. Zenon schon und später Augustinus meinten von nyn zu nyn, jetzt zu jetzt, denn dem Jetzt fehlt eben das Entscheidende, die Unterscheidung, das kriterion.
Jedes Jetzt ist genau gleichwertig zu jedem anderen Jetzt, so wie die Punkte einer Geraden gleichwertig und unendlich an der Zahl sind. Jeder Mensch weiß, daß er nicht unendlich viele Gelegenheiten bekommen wird, etwas zu tun. Und jeder weiß auch, daß diese Gelegenheiten nicht gleich gut sein werden, sondern daß man eben die richtige, den kairos finden muß. Dieser kairos, als Krise des chronos, ist das Maß der Zeit, im Sinne von kriterion und metrion: Er mißt die Zeitspanne, ist das Maß und daher selbst nicht meßbar.
Daher hat der kairos für die Griechen nicht nur praktische, sondern auch ästhetische Bedeutung: Als Maß erzeugt er Symmetrie, Schönheit, zusammenstimmen der Teile, harmonia.
Wie der richtige, der goldene Schnitt in der Proportion nicht meßbar, berechenbar ist, so ist der Schnitt in der Zeit auch unberechenbar. Er ist als Maß der Zeit selbst nicht in der Zeit sondern überzeitlich, so daß sich Platon verwundern konnte: «Dieses wunderbare Wesen (atopos), der Augenblick (eksaiphnês), liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als außer aller Zeit seiend, und in ihm und aus ihm geht das bewegte über zur Ruhe, und das ruhende zur Bewegung«. [08]
Es ist dieses erstaunliche Moment des Anfangs oder Endes, das eben kein Übergang sondern ein Ur-sprung ist, der dem griechischen Denken eigentlich fremd ist: Das Anheben der Stimme zum Sprechen, das plötzliche Abbrechen der Musik, das die folgende Stille noch stiller zu machen scheint, der Umschlag von Sein in Nichtsein oder vom Nichtsein in Sein, in dem der kairos (oder die krisis) die Achse (harmos) ist. A-topos heißt wörtlich ›nicht am Ort‹, ›fehl am Platz‹, ›unanständig‹.
Mit solchem Ursprung, Anfang im Anheben der Stimme beginnt die Geschichte des Volkes Israel: »Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht«. [09]
Der zum Sprechen nötige, kaum hörbare, die Stille unterbrechende Hauch im Anheben der Stimme (a-spiration), das ist der Odem des Lebens, Hauch, Wind, Klang und Geist pneuma, spiritus.
Im kairos des Anfangs wird er in die Welt hinein gesprochen und dem Menschen eingehaucht. Auf den kairos der Schöpfung antwortet die freie Tat des Menschen: Der Fall, die krisis der Vertreibung. Dies ist nach biblischem Verständis der Beginn der Lebenszeit (aion) der Welt, dieser Welt, unserer Zeit, der Geschichte.
Es ist der Beginn von Werden und Vergehen, der Zeit (chronos) als Kronos, der seine Kinder auffrißt. Seitdem ist dieser Wind in der Geschichte, »ein Sturm weht vom Paradiese her«, der sich in den Flügeln des Engels der Geschichte verfangen hat, »und der so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann«. [10]
Benjamins Geschichtsengel ist eine von Paul Klees »Angelus Novus« und Albrecht Dürers »Melencolia I« ausgehende Abwandlung der Allegorie der Zeit. Die Zeit hat Flügel, verfliegt und hinter (unter) ihr häufen sich die Trümmer der vergänglichen Dinge. Die geflügelte Zeit wird zur wissenden Melancholie: Sie blickt zurück, sie kann den Blick von der Trümmerlandschaft nicht abwenden. Sie bleibt stehen, aber der Wind treibt sie weiter.
Die Melancholie ist die Krankheit der Dichter, der Künstler und der Philosophen: »Ach! Was ist alles diß / was wir vor köstlich achten / als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub und Wind; Als eine Wisen-Blum / die man nicht wider findt«. [11]
Der Dichter benutzt die biblischen Bilder, die Metaphern des alten Testaments, der Propheten Jesaja und des Predigers Kohelet: »Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich«. [12]
Der Odem, der Hauch des Lebens, Seele und Geist, ist hier zum Sturm der Zeit geworden. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des hebräischen Textes, sagt an beiden Stellen: pneuma: Wind, Hauch, Geist. »Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger«, »ta panta mataiotês«, es ist alles vergänglich. »Und ich richtete mein Herz darauf, daß ich lernte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr, daß auch dies ein Haschen nach Wind (pneuma) ist«. [13]
Der Prediger Kohelet ist einer der großen Melancholiker der Weltliteratur, aber er weiß, was das Fallen der Zeit mißt, woran der Wind sich bricht, was den gefräßigen Kronos innehalten läßt. Nicht auf- oder anhalten kann man die Zeit, aber zum Stocken bringen: »Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde (kairos): geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit«. [14]
Alles, was man tun kann, hat seinen kairos, seinen richtigen Moment. Dieser Moment ist ein Einschnitt im Fließen des chronos. Er teilt die Zeit, rhythmisiert sie und macht sie so zur Harmonie: Zusammenstimmung des Gegenstrebigen. [15]
Den kairos aber bestimmen, herbeiführen oder berechnen zu wollen ist »Haschen nach Wind« (proairesis pneumatos): Niemand weiß die Stunde der Geburt oder des Todes. Nur das, daß sie kommt, kann man wissen. Man weiß und muß wissen, daß man sterblich ist.
Hier zeigt sich das jüdisch-christliche Verständnis von Geschichte: Zeit heißt Frist, Zeit ist immer nur von kairos zu kairos und vom Anfang auf das Ende (eschaton) hin. Genauer: Geschichte kann sich immer nur verstehen vom Ende her.
Das meinte der Psalmist, wenn er sagte, Gott sei «von Ewigkeit zu Ewigkeit« [16], von aion zu aion nämlich, von einem Weltalter zum anderen, vom kairos der Schöpfung zur krisis, dem Gericht, von diesem aion zum kommenden aion und noch darüber hinaus.
Das gesamte neue Testament erzählt eigentlich nur vom kairos der Inkarnation, vom bereits gekommenen Messias und der jetzt bevorstehenden Krise des Gerichts, der Apokalypse. »Die Zeit ist erfüllt kairos, und das Reich Gottes ist herbeigekommen«. [17]
Daher die Rede vom kairos als Fülle der Zeit bzw. vom Einbruch der Ewigkeit in die Zeit, das heißt Menschwerdung Gottes, Inkarnation und Erlösung.
Dieses biblische Verständnis von Geschichte (= unserer, dieser Zeit) ist zwar in seiner Radikalität, die in der unmittelbaren Erwartung des Endgerichts und dem Anbruch des neuen aion liegt, im Laufe der Jahrhunderte sehr abgeschwächt worden, aber es ist doch für unser europäisches Denken immer noch bestimmend geblieben.
An dessen Beginn konnte Augustinus sagen: »Denn was Zeitspanne ist, messen wir nur von einem Anfang bis zu einem Ende« [18] und nur vorsichtig vermuten, daß dann, weil sonst nichts zu messen da sei, die Zeit in der Ausdehnung des Geistes (distentionem animi) bestehen müsse. [19]
Geist oder Seele, lateinisch animus, kommt vom griechischen anemos und heißt Lufthauch, Wind, Sturm.
Bei Hegel kann man sowohl den kairos im Sinne des plötzlichen Umschlagens als »Moment« der Geschichte, in der Aufhebung nämlich, wiederfinden, als auch die Beschreibung der Zeit als »Sein, das, indem es ist, nicht ist, und indem es nicht ist, ist: Das angeschaute Werden« [20], sowie den Gedanken der zum Ende kommenden Geschichte.
Heidegger dagegen greift Augustinus wieder auf, um zu behaupten, das Dasein, als das »Seiende, das wir je selbst sind« [21] sei eigentlich »Sein zum Tode« als »Vorlaufen in ein Seinkönnen des Seienden, dessen Seinsart das Vorlaufen selbst ist«. [22]
Von ihm ungesehen blieb gleichsam, daß in der Ausdehnung des Geistes in die Zukunft als Möglichkeit des Seinkönnens, die Heidegger »Vorlaufen« nennt, der Geist nicht nur der jemeinige ist, sondern der Atem der Geschichte selbst.
Die Entscheidung des Todes wird fallen, aber nicht als meine eigene. Das Ich kann die Last der Eigentlichkeit nur bedingt ertragen. Deshalb ist Heideggers Philosophie als Philosophie der Zeit auch eine der Angst, und nicht des Maßes – während Benjamins Geschichtsengel ein Engel der misslichen Melancholie ist.
Der kairos aber hat in den letzten 150 Jahren Geistes(!)geschichte eine rasante Karriere gemacht, um dann fast völlig zu verschwinden.
Vielleicht war der letzte große Denker des kairos der Jurist Carl Schmitt, der allerdings versuchte, den Einschnitt selbst noch einmal zu scheiden und ihn der Politik zu unterwerfen: Freund und Feind mit ihm zu unterscheiden. Er unterscheidet occasio (die günstige Gelegenheit, gute Umstände) von decisio (die Entscheidung, der Abschluß, dazu das Verb decidere: abschneiden, abhauen).
Seinen Feinden wirft er vor, sie seien »Occasionalisten«, Romantiker, diskutierendes, träges Gesindel. Er selbst stellt sich in die Tradition der »Dezisionisten«: Pascal, Kierkegaard, Donoso Cortés. Ihm entging allderdings, daß Gelegenheit und Entscheidung zwei Seiten derselben Medaille sind: kairos und krisis.
Seit der letzten großen Krise, dem 2. Weltkrieg, der wider Erwarten keine Apokalypse war, obwohl zeitweise der Antichrist entfesselt schien, ist die Rede vom kairos fast völlig verstummt. Kein Schnitt mehr gliedert die Zeit. Kein Maß mehr, um Symmetrie in den gleichgültigen Ablauf zu bringen. Nur selten noch Hoch-Zeiten: Feste und Spiele, die dann auch kairoi, Aus-zeiten sind. Stattdessen chronos phagos, Kronos der Fresser, ungehemmter Zeitverbrauch, Konsum, Hektik und postmoderne Langeweile.
Beruhigend nur, daß die Zeit »bloß nichts zu nichts bringen« kann, sie kann »nur das Sterbliche zum Tode verurteilen«. [23]
Und sie frißt nicht nur ihre Kinder, sie zehrt an sich selbst, sie ist im Grunde Autophagus: Nichts »als Schatten / Staub und Wind; als eine Wisen-Blum / die man nicht wider findt«.
Anmerkungen:
[01] Homer, Illias IV, übers. v. Hans Rupé, München 1961 [02] ebd., IV, 100ff [03] ebd., IV, 125f [04] ebd., IV, 184ff
[05] Heraklit, Fragment B 48 (Diels/Kranz), übers. v. Bruno Snell, München/Zürich 8/1983
[06] Manfred Kerkhoff, Zum antiken Begriff des Kairos, in: Zeitschr. f. philos. Forsch., 27 (1973), S. 259
[07] Homer, Illias XIII, 358ff
[08] Platon, Parmenides 156 d-e, übers. von Friedrich Schleiermacher [09] 1. Mose 1,3
[10] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. II·2, Frankfurt am Main 1977, S. 432
[11] Andreas Gryphius, Gedichte. Eine Auswahl, hg. v. Adalbert Elschenbroich, Stuttgart 1968, S. 5
[12] Jes. 40, 6-8
[13] Pred.1,17
[14] Pred. 3, 1-4
[15] Vgl. Heraklit, Fragment B 51
[16] Ps. 90,2
[17] Mk. 1, 15
[18] Augustinus, Bekenntnisse XI, übers. v. Joseph Bernhart, Frankfurt a. M. 1987
[19] ebd., 26, 33
[20] G.W.F. Hegel, Encyclopädie der philos. Wissenschaften § 258 (Theorie-Werkausgabe Bd. 9, S. 48)
[21] Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 17/1993, S. 7
[22] ebd., S. 262
[23] Massimo Cacciari, Zeit ohne Kronos. Essays, Klagenfurt 1986, S. 16
S p u r e n B e n j a m i n s
Martin Blobel
POLIS UND KOSMOPOLIS
Band 1
Nachrevolutionärer Totenkult und Politikbegriff
in Benjamins frühem »Passagenwerk«.
Band 2
Politik im Kairos.
Kritische Revision der politischen Bewegungen
im Paris des neunzehnten Jahrhunders in Walter
Benjamins mittlerem »Passagenwerk«.
Band 3
Selbstbehauptung in Gesten der autonomen Kunst
und des Tricksters.
Zur politologischen Interpretation der Poetik
Baudelaires in Walter Benjamins spätem
»Passagenwerk«.
Würzburg : Königshausen & Neumann,
1999-2000; 250, 259; 191 S. (Epistemata.
Würzburger wissenschaftliche Schriftenreihe,
Reihe Literaturwissenschaft, 292; 311; 312).
***
Zur besonderen Rezeption von Benjamins
Geschichtsphilosophie
– und dessen weitreichender Exegese des Kairos
–
im Werk des Schriftstellers und Filmemachers
Alexander Kluge siehe den Aufsatz
Christian
Schulte
KAIROS
UND AURA
Spuren Benjamins im Werk
Alexander Kluges
[PDF-Dokument · 15 Seiten]
1 9 3 4
PAUL TILLICH
Die Theologie des Kairos und die gegenwärtige geistige Lage
Offener Brief an Emanuel Hirsch, Göttingen, von Paul Tillich, z. Zt. New York

New York, am 1.
Oktober 1934.
Union Theological Seminary.
Lieber Emanuel!
Die
spannungsreiche Einheit unserer persönlichen
Freundschaft und sachlichen Gegnerschaft ist
mir nie stärker zum Bewußtsein gekommen als
beim Lesen Deines neuen Buches: »Die
gegenwärtige geistige Lage im Spiegel
philosophischer und theologischer
Besinnung«. Ich stimme dem Urteil Karl
Barths über seine Bedeutung zu und glaube
darüber hinaus fühlen zu können, um was es
Dir geht. Zugleich weiß ich mich
verpflichtet, ihm mit der sachlichen Schärfe
entgegenzutreten, die unsere
wissenschaftlichen Gespräche immer gehabt
haben und die in diesem Augenblick, wo das
Ganze unserer geistigen Existenz in Frage
steht, nötiger ist denn je. Während die
Briefform den Willen ausdrückt, den
Gesprächscharakter unserer Auseinandersetzung
aufrecht zu erhalten, bedeutet die
Öffentlichkeit, zu der mich die
Öffentlichkeit Deines Buches zwingt, daß wir
nicht ein Privatgespräch zu führen, sondern
um die widerstreitenden Prinzipien, die seit
Jahren mit unseren Namen verbunden sind, zu
ringen haben. In diesem doppelten Sinne bitte
ich Dich, diesen Brief aufzufassen, der mir
schwerer geworden ist als je ein anderer.
Dein letztes Buch hat ein großes Erstaunen
bei mir und anderen ausgelöst. (Vgl. den
Bericht von Pfarrer Aé in der »Jungen
Kirche«, sowie verschiedene Briefe, die ich
erhalten habe.) Das Erstaunen gründet sich
auf die Tatsache, daß Du, um die neue Wendung
der deutschen Geschichte theologisch zu
deuten, alle entscheidenden Begriffe des
vierzehn Jahre lang von Dir bekämpften und
nun äußerlich überwundenen Gegners
gebrauchst. Nun könnte mich das freuen als
ein Beweis für die geistige Kraft unserer
religiös-sozialistischen Gedankenarbeit, von
der auch der siegreiche Gegner leben muß.
Aber diese Freude ist durch ein Doppeltes
getrübt: einmal durch die Tatsache, daß Du
Deine Übereinstimmung mit den
religiös-sozialistischen Kategorien
geflissentlich verhüllst, und zweitens durch
die Tatsache, daß Deine Verwendung dieser
Kategorien sie um ihren tiefsten Sinn
bringst. Aus diesen beiden Gründen schreibe
ich diesen Brief. So gern ich persönlich für
lange Zeit geschwiegen hätte, der Gebrauch
und Mißbrauch der mit meinem Namen
verknüpften Kairos-Lehre durch Dein
Buch zwingt mich zum Reden.
Das, was ich zuerst sagen möchte, hält sich
im Rahmen dieser persönlichen Einleitung. Es
ist mir das Schwerste, aber es muß gesagt
werden und muß klar und offen gesagt werden.
Denn es betrifft das entscheidende Verhältnis
der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit zu den
Erfordernissen des politischen Kampfes. Mir
scheint in einer Zeit, in der da Politische –
bei uns allen – eine nie geahnte, alles
überragende Bedeutung bekommen hat, in der
nach Lage der Welt wenig Aussicht besteht daß
es in absehbarer Zeit diese Bedeutung
verlieren wird, in der nicht zufällig »der
Feind« zu der existentiellen Kategorie
geschichtlichen Denkens erhoben ist, in
solcher Zeit scheint es mir nötig zu sein,
daß man sich über das Verhältnis des
wissenschaftlichen zum politische Ethos zum
mindesten für sein eigenes Verhalten klar
wird. Nun muß ich gestehen, daß im – und
nicht ich allein – das Gefühl habe, daß Du
Dir nicht darüber klargeworden bist, als Du
Dein Buch schriebst, oder wenn, dann in einer
Richtung, die ich tief bedauern würde. Ich
habe schwer unter Deinem Buch gelitten, nicht
um der sachlichen Inhalte willen, die mich zu
recht kräftigem Angriff begeistert haben,
sondern wegen Deiner Haltung, die ich unserer
Arbeit gegenüber mit geistiger Wahrhaftigkeit
nicht vereinigen kann. Als eine Verletzung
derselben empfinde ich es, wenn Deine
Darstellung nichts davon merken läßt, daß die
Arbeit, die von uns geleistet ist, die
methodische Grundlage für die vor Dir
geforderte neue Haltung in Theologie und
Philosophie geschaffen hat. Du behandelst sie
mit Respekt und läßt wenigstens ahnen, daß Du
ihr allerhand verdankst. Gleichzeitig aber
erfindest Du für sie den Namen »Religiöser
Marxismus«, der nach dem propagandistischen
Gebrauch des Wortes Marxismus in den letzten
zehn Jahren für Deine Leser lediglich
diffamierenden Charakter ohne sachlichen
Inhalt haben muß. Doch nicht auf diese
Erwähnung kommt es an, sondern darauf, daß
Deine Darstellung anders hätte aussehen
müssen, wenn Du Dich offen zu der Arbeit
derer bekannt hättest, deren Gedanken in
jedem Deiner Sätze mitklingen. Dann hättest
Du nicht verheimlichen können, daß das Gefühl
der Wende, der Krise des bürgerlichen
Zeitalters und des neuen Aufbruchs, der
Hoffnung auf geistige, gesellschaftliche und
politische Neuschöpfung Deutschlands und
dadurch Europas, beim Entstehen unserer
Bewegung genau so lebendig war wie jetzt, daß
die Kritik der autonomen Jahrhunderte, die
Erwartung einer theonomen Existenz der
christlichen Völker nach Überwindung der
Klassendämonie, daß die Spannung von Ewigkeit
und Zeit und die daraus folgende Lehre vom
erfüllten Augenblick, daß das
existentialgeschichtliche Denken und seine
Konsequenzen für Philosophie und Theologie
von denen zuerst erlebt und gefunden sind,
die sich der deutschen Arbeiterbewegung
anschlossen, weil sie glaubten, daß hier der
Ansatzpunkt für jede wirkliche Wandlung
liegen müßte. Du glaubst, daß die
konservativen und
mittelständisch-revolutionären Kräfte ein
besserer Ansatz sind, ja im Prinzip die
Erfüllung gebracht haben. Aber kann diese
Verschiedenheit des politisch-soziologischen
Urteils ein Grund sein, die Gemeinsamkeit in
jener Grundhaltung und in allen aus ihr
fließenden Begriffen zu verleugnen? Du
hättest unsere Anwendung dieser Begriffe
kritisieren, die Ursachen unseres Mangels an
praktischer Durchschlagskraft aufweisen, Dich
auf diese Weise distanzieren können, aber
nichts von alledem findet sich in Deinem
Buche, das doch die gegenwärtige geistige
Lage aus der vergangenen verstehen will.
Und das ist nun die Frage, die mich bewegt
und bedrückt: Ist es eine unbewußte
Verdrängung, die Dich hinderte, die Wahrheit
über Dein Verhältnis zu uns zu erkennen; ist
es halbbewußte Sorge vor den Folgen, die Dich
hinderte, sie auszusprechen? Oder (dann hätte
Deine Haltung prinzipielle Bedeutung): ist es
die Überordnung des politischen Wertes über
den der Wahrhaftigkeit (nicht nur in
Diplomatie und Propaganda, sondern auch) in
der historischen und theologischen Arbeit?
Wäre es so, so hätten wir zum mindesten ein
Recht, zu verlangen, daß diese Umwertung der
Werte in dem Buch selbst eine offene
Darlegung und Begründung gefunden hätte. Der
lutherischen Sozialethik ist Macchiavellismus
ja auch schon früher nachgesagt worden. Du
hättest diese angebliche oder wirkliche
Tradition erneuern und ihre Anwendung von dem
»principe« auf den
»philosophus« übertragen können.
Dann wäre eine klare Lage geschaffen gewesen.
Jetzt stehe ich vor einer Wand, und der
Schmerz, durch sie nicht mehr zu Dir
durchstoßen zu können, hat mir diese Worte
abgezwungen.
Doch nun genug davon und zur Sache selbst!
Sie stellt mir zwei Aufgaben, die ineinander
verwoben sind. Die eine ist, zu zeigen, wie
Du die tragenden Begriffe des
religiös-sozialistischen Denkens,
insbesondere der Kairos-Lehre
übernommen und zugleich durch Ausscheidung
ihres prophetisch-eschatologischen Elements
umgebogen oder entleert hast. Und zweitens
sachliche Kritik an Deiner theologischen
Methode zu geben durch Erörterung Deiner
Grundhaltung sowie zahlreicher
Einzellösungen. Eins ist nicht möglich ohne
das andere. Doch soll die erste Aufgabe im
ersten, die zweite im zweiten Teil
überwiegen.
I.
1. Es ist überraschend, in
welchem Maße Du Begriffe und Gedanken des
Religiösen Sozialismus im Allgemeinen und der
Kairos-Lehre im Besonderen
übernimmst und Deine Gegenwartsdarstellung
methodisch darauf gründest. Ich will den
Nachweis dafür so eingehend wie möglich
führen – vielleicht, daß es Dich dann selbst
überrascht. Dabei kommt es nicht darauf an,
ob dieser oder jener Gedanke sich
gleichzeitig und unabhängig bei Dir und uns
entwickelt hat, sondern darauf, daß Du die
methodische Grundhaltung unseres Denkens
angenommen hast. Und selbst wenn Du auch sie
gleichzeitig und unabhängig von uns
geschaffen hättest, so würde die
übereinstimmung nur noch erstaunlicher sein
und hätte Dich erst recht zu einer ganz
anderen Darstellung zwingen müssen.
Als ich Dir vor etwa neun Jahren meine
»Religiöse Lage der Gegenwart« [Gesammelte
Werke, Bd. X.] schickte, da fragtest Du etwas
ironisch, warum ich mich in die Rolle des
Zuschauers begeben hätte. Ich frage nicht so,
nachdem Du mir Deine »Gegenwärtige geistige
Lage« hast schicken lassen. Denn ich glaube
zu wissen und sagen zu müssen, daß ohne eine
die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
umfassende Selbstorientierung die Forderung
des »Denkens aus der Stunde« nicht erfüllbar
ist. Schon der Titel Deines Buches ist ein
Zeichen, daß Du dem religiös-sozialistischen
Einsatz in Theologie und Philosophie sehr
viel näher gekommen bist, als Du es früher
warst. Aber nicht nur formal gilt das;
sondern auch inhaltlich; gibst Du doch den
gleichen Rhythmus wieder, in dem wir seit
1919 die abendländische Entwicklung sehen und
der der Leitstern aller unserer konkreten
Geschichtsdeutung gewesen ist: Der großartige
Versuch der autonomen Vernunft, nach
Zerstörung der religiös getragenen
Einheitskultur des Mittelalters von sich aus
den geistigen und politischen Neubau einer
Gesellsmaft zu leisten, die Katastrophe des
»weltgestaltenden Willens« der ratio
im Weltkrieg mit seinen Folgen; die Gegenwart
als entscheidende Krisenperiode, das Ringen
um eine neue tragende Substanz. Auch
Einzelmomente, die wir hervorgehoben haben,
kehren bei Dir wieder: Die Bedeutung von
Reformation und Gegenreformation für die
Entstehung des autonomen Denkens, die
Dreiheit von Wissenschaft, Technik,
Wirtschaft als Symbole des Zeitalters,
rationale Naturbeherrschung und rationaler
Gesellschaftsaufbau, der Kampf um die
Menschenrechte, das Versagen des Idealismus,
die überragende Bedeutung von Karl Marx und
Friedrich Nietzsche für das 19. Jahrhundert –
also die religiös-sozialistische Schau des
geschichtlichen Ablaufs bis zur
Gegenwartskrise im Ganzen und im Einzelnen.
Die gleiche Übereinstimmung zeigt sich bei
den tragenden Begriffen. Ich gebe nur kurze
Hinweise.
Für die Kennzeichnung gewisser
schöpferisch-zerstörerischer Kräfte verwendet
der Religiöse Sozialismus den Begriff des
Dämonischen in einer religions-philosophisch
genau definierten Weise. Du übernimmst diesen
Zentralbegriff und deutest das deutsche
Geschehen als Überwindung der im
Krisenzeitalter zusammengeballten Dämonien.
(Womit Du übrigens mit Daquée, Leese und
vielen anderen unter das Urteil Ernst Kriecks
in »Volk im Werden« fällst, der von dem
»Hereinfall auf Tillichs schwindelhafte
Dämonologie« spricht und den Stoßseufzer
druckt: »Auf was fielen deutsche Gelehrte
nicht herein«.)
Bei der Einführung des Begriffs der Grenze
hast Du selbst das Gefühl, seine Übernahme
aus älteren Lehren rechtfertigen zu müssen,
wenn Du es aber so tust, daß Du behauptest,
für Dich wäre »heilige Mitte«, was früher
unendlich hinausschiebbare Beschränkung
gewesen wäre, so trifft das jedenfalls für
die Lehre von der Grenzsituation, wie sie von
Jaspers und mir entwickelt ist, nicht nur zu,
sondern dreht den Tatbestand geradezu um: Und
das muß Dir selbst bewußt gewesen sein, als
Du von der bürgerlichen Haltung schriebst:
»Sie sieht nur die eine Seite, das Ja; sie
kennt ihn (Gott) nur als Grund, nicht als
Grenze, sie bleibt in bürgerlicher
Religiosität. Das die Welt vor Gott in Frage
stellende unbedingte Gericht ist ihr ein …
anstößiger Gedanke.« Diese Sätze beweisen,
daß Deine »heilige Grenze« eine Übersetzung
des »Abgrundes« in der Formel »Grund und
Abgrund« ist, daß also Deine »Grenze« als
»heilige Mitte, die zugleich tragend und
unbedingt richtend ist«, genau das
wiedergibt, was wir in schwerem Kampf dem
bürgerlichen Neukantianismus abgerungen
hatten. Vollends deutlich wird das durch die
hier plötzlich und einmalig auftretende
soziologische Bezugnahme auf die bürgerlidte
Gesellsdtaft, die Du in vollem Einklang mit
der religiös-sozialistischen Kritik als
Träger einer Religiosität ohne
Abgrunderlebnis und Grenzsituation
kennzeichnest.
Entscheidend ist Deine Zustimmung zur
Kairos-Lehre, im Prinzip und in den
Konsequenzen. Warum Du das griechische Wort
vermeidest, ist sachlich nicht zu
verstehen, nachdem Du den Stapelschen
»Nomos« aufgenommen und die Grenze
mit »Horos« übersetzt hast. Du
sprichst statt dessen von der »gegenwärtigen
Stunde«, von dem »Aufbruch«, den sie
bedeutet, von der »besonderen Verantwortung,
die sie für Theologie und Philosophie
enthält«, von dem »religiösen Sinn unseres
geschichtlichen Augenblicks«, von dem
»Bekenntnis des Heiligen in der Lage des
Augenblicks«, von »Erschlossenheit für die
Forderung der Geschichtsstunde«, von der
Forderung, das »durch die Stunde vom Herrn
der Geschichte Aufgegebene« zu erkennen usw.
Aus der Rezeption der Kairos-Idee
ergeben sich die grundlegenden
Übereinstimmungen in Philosophie und
Theologie. Du bemühst Dich um eine
existentielle Geschichtsphilosophie, um das,
was ich in meiner letzten deutschen Vorlesung
als »Existentialgeschichtliche Methode« zu
entwickeln versucht habe. Ein Satz wie der:
»Die Existenz des Philosophierenden wird Maß
der geschichtlichen Existentialität der
Philosophie« ist die fast wörtliche
Wiedergabe eines Grundgedankens aus
»Gläubiger Realismus«. [Gesammelte Werke, Bd.
VI.] Und der Satz: »Philosophie muß sich
hüten, den Anspruch strenger Wissenschaft aus
Geschichtsgelöstheit zu ihrem eigenen zu
machen", ist eine Wiedergabe des Gedankens,
daß der philosophische Logos die
Askese gegenüber dem Kairos aufgeben
müsse. »Selbstaufhellung der neuen deutschen
Wirklichkeit nach ihrer existentiellen Tiefe«
war das Bemühen des Religiösen Sozialismus
von seinem ersten bis zu seinem letzten Wort.
Keine unserer Schriften hatte im Grunde einen
anderen Inhalt. Wir haben, wie Du es
forderst, versucht, »in unserer letzten
großen Entscheidungsfrage die Stunde in uns
mächtig werden zu lassen, um unsere Aufgabe
nicht zu verfehlen«.
Aber weißt Du auch, was Du mit dieser
Forderung existentialgeschichtlichen Denkens
tust? Erstens negativ: Du brichst
entschlossen mit der Gogartschen Form der
Dialektik und kannst nur in Selbsttäuschung
eine enge Verwandtschaft zwischen Dir und ihm
statuieren. Gogarten hat in seinem Buch »Ich
glaube an den dreieinigen Gott« die
Kairos-Philosophie als »Pest der
Geschichtsphilosophie« angegriffen. Wird er
Deine Abart derselben wegen Eures politischen
Bündnisses mit mehr Gnade aufnehmen? Ich
zweifle! Statt dessen hast Du Dich mit der
Bejahung des existential geschichtlichen
Denkens zu jemand gestellt, zu dem Du Dich
von allen Toten und Lebenden am wenigsten
gern stellst, zu dem jungen Marx. Während das
Verständnis von Existenz bei Kierkegaard, auf
den Du Dich berufst, so wie bei Heidegger,
den Du ablehnst, und bei Jaspers, den Du
nicht erwähnst, von der Existenz des
Einzelnen her gewonnen ist, hat der junge
Marx in Formeln, die den Kierkegaardschen oft
zum Verwechseln ähnlich sehen, gegenüber
Hegel und mehr noch gegenüber Feuerbach ein
existentialgeschichtliches Denken gefordert.
Der Religiöse Sozialismus, der in dieser
Beziehung wirklich religiöser Marxismus war,
hat als einziger diese Forderung
aufgenommen und nach seinen Kräften
verwirklicht. Von ihr und damit vom jungen
Marx bist Du abhängig, wenn Du
existentialgeschichtliches Denken verlangst.
Und Du und wir und Marx und jeder, der
geschichtlich-existentiell denkt, ist
abhängig von der altjüdischen Prophetie,
deren Haltung im existentialgeschichtlichen
Denken in die Philosophie eindringt. An
diesem Punkt stehst Du offenkundig in der
Tradition (prophetisches) Judentum und
(religiöser) Marxismus.
Folgenreich ist die Kairos-Lehre bei
Dir wie bei uns vor allem in der Auffassung
des Wahrheitsgedankens. Der entscheidende
Satz bei dir lautet: »Vernunft ist der sich
als Logos geistig verstehende und
entfaltende Nomos bestimmten
menschlich-geschichtlichen Lebens selbst, und
Wissenschaft ist nichts als Zucht und
Rechenschaft dieses wirklichkeitsbestimmten
Logos vor sich selbst über die ihn
bestimmende Wirklichkeit.« Ohne hier schon
auf Deine Formulierungen einzugehen, möchte
ich Dich erinnern, daß das Problem, das Du
mit ihnen stellst, das Thema aller Arbeiten
war, die sich um die philosophische
Begründung der Kairos-Lehre
bemühten, daß die Lösungen weit über unseren
Kreis hinausgewirkt haben, daß wir seit jener
Zeit von einer »dynamischen Wahrheit«
gesprochen und eine »dynamische Methode« zu
entwickeln versucht haben? Muß ich Dich daran
erinnern? Und wenn nicht, warum erinnerst Du
nicht die daran, die es heute nötig hätten,
an den ursprünglichen Sinn dieser Lehre
erinnert zu werden, wenn sie im Namen der
dynamischen Wahrheit die »Wahrheit« der
»Dynamik« opfern.
Alle weiteren Konsequenzen, die Du mit Recht
aus dem dynamischen Wahrheitsgedanken
ableitest, sind in ausführlichen Darlegungen
vom Religiösen Sozialismus gezogen worden:
Für den Wagnischarakter des Erkennens
verweise ich auf die Ausführungen über
Erkenntnis als Schicksal und Wagnis in
»Kairos und Logos«.
[Gesammelte Werke, Bd. IV.] Für die
Forderung, daß Erkennen, um frei schwebender
Willkür zu entgehen, aus der Gemeinschaft und
für die Gemeinschaft geschehen müsse, zeugte
der Religiöse Sozialismus durch seine
Existenz. Er suchte innerhalb des Volkes den
Ort der größten »Geschichtsmächtigkeit« zu
finden, und aus der Gemeinschaft mit dieser
Gruppe heraus die geschichtliche Existenz des
Volkes und des Kulturkreises zu erhellen.
Endlich haben wir die Konsequenzen für
Wissenschaftsbetrieb und Universität nicht
weniger radikal aus unserem Wahrheistgedanken
gezogen, als Du es tust. Unsere Kämpfe mit
der Reaktion in Fakultäten und Senaten gingen
durchweg um diesen Punkt. Ein Aufsatz über
die Universitätsreform hat den ganzen älteren
Humanismus gegen uns aufgebracht. Im Juli
1932, am Tage, bevor die politische Reaktion
uns jede Möglichkeit der Verwirklichung
raubte, verteidigten wir in HeideIberg
gegenüber dem älteren Humanismus den
versuchsweisen Aufbau einer Universität, in
der die neue existentielle Haltung maßgebend
sein und der Kampf gegen die von uns
aufgewiesene Verderbnis der Universität
aufgenommen werden sollte.[Siehe
»Fachhochschulen und Universität«, Gesammelte
Werke, Bd. XIII.]
Deine Geschichtskonstruktion ist bestimmt
durch den Gegensatz autonomer und theonomer
Zeitalter, also die Grundvoraussetzung des
Religiösen Sozialismus. Die Spätantike
kennzeichnest Du als »Gottentfremdung der
Spätkultur«, die Gott nur als das
ungeschichtliche Jenseits des Seins kennt,
das bürgerliche Zeitalter als
Selbstmächtigkeit von Vernunft und Freiheit,
das vorchristliche Heidentum als ungebrochene
Theonomie, nämlich als einfache Einheit des
geschichtlichen und des heiligen
Horos; und beides, die heidnische
Theonomie und die Autonomie, nennst Du
dämonisch. Demgegenüber charakterisierst Du
die wahre Theonomie so, daß Du sagst: »Der
geschichtliche Horos ist zugleich
der heilige Horos, und doch ist der
heilige Horos wiederum auch mit der
Macht des Ewigen der den geschichtlichen als
vergänglich verzehrende.« Wir sprachen von
Theonomie als »Durchbruch von tragendem und
verzehrendem Grund und Abgrund«, einbrechend
in die Formen des geschichtlichen Lebens.
Selbst die Heteronomie kennst Du, wenn Du von
der »Zerknickung der Gewissen durch
widernatürlichen Zwang sprichst« und Dich zu
zeigen bemüht bist, daß so etwas in der neuen
Theonomie nicht beabsichtigt sei.
Deine Beschreibung der protestantischen
Theologie, ihrer Entwicklung und ihrer
Aufgabe enthält fast alle entscheidenden
Gedanken, um deretwillen die Theologie des
Religiösen Sozialismus von den kirchlichen
Theologen verketzert wurde. Die »evangelische
Wendung wider sich selbst« und die damit
verbundene Ungesichertheit als Grundhaltung
evangelisch-protestantischer Theologie, die
so überraschende Zustimmung zu der Lehre von
der grundsätzlichen Identität der Theologie
mit einer theonomen Philosophie (vgl. darüber
das »System der Wissenschaften« [Gesammelte
Werke, Bd. I.] und »Die religiöse
Verwirklichung«), die Vollmacht einer solchen
Theologie oder Philosophie, die »bewegenden
Grundmächte des gemeinsamen Lebens zu
erkennen« (vgl. die kleine Programmschrift
»Über die Idee einer Theologie der Kultur«
[Gesammelte Werke, Bd. IX.] und ihre
Ausführung in den Kairos-Bänden) die
Überwindung des Historismus durch das
Verständnis der Geschichte von Christus aus
als »Mitte der Geschichte« (vgl. diese Formel
in dem Aufsatz »Christologie und Geschichte«
[Gesammelte Werke, Bd. VI.]), die Bedeutung
Feuerbachs für die Theologie (vgl. die Formel
vom »konstanten Ideologieverdacht der
Religion gegen sich selbst«), der Protest
gegen die Benutzung des Glaubens zur
»Erhebung von geschichtlichen Tatbeständen«
und die daraus sich ergebende Freiheit zu
radikaler historischer Kritik, die
Charakterisierung der Barthschen
Geschichtstranszendenz als indirekter
Unterstützung der Dämonien der Zeit (S. 119
bei Dir, an vielen Stellen bei uns) und
endlich, was mich gleichfalls überraschte,
die Behauptung, daß der
Rechtfertigungsgedanke auch auf das Denken
anzuwenden sei, wogegen Du bisher immer
protestiert hast. Und wenn Du dann gegen ein
»geschichtsüberlegenes Eigenwesen der Kirche«
Stellung nimmst, also unsere Auffassung über
Protestantismus und Profanität bejahst, wenn
Du die Theologie davor bewahren willst, »den
Menschen eine überkommene theologische
Begrifflichkeit wie einen Sack über den Kopf
zu werfen«, also eine unermüdlich von allen
Religiösen Sozialisten an die Kirche
gestellte Forderung wiederholst, dann weiß
ich . schlechterdings nicht, wie Du Dich zu
Gogarten statt zu uns stellen kannst. Ich
kann das nur als Folge der furchtbaren
Verwirrung aller Fronten im gegenwärtigen
geistigen Kampf erklären. Aber zur Entwirrung
viel beizutragen, hättest Du die geistigen
Mittel gehabt. Und daß Du es durch Dein
Schweigen über Dein wirkliches Verhältnis zur
Arbeit des Religiösen Sozialismus nicht getan
hast, das ist es, was ich Dir um der
geistigen Lage willen zum Vorwurf mache. Ich
bin selbst überrascht und erschüttert, wenn
im diesen Nachweis überblicke. Nicht so sehr
wegen des Maßes Deiner Abhängigkeit von der
religiössozialistischen Gedankenarbeit –
obgleich sie sehr viel größer ist, als ich
erwartet hatte –, sondern wegen der realen
Übereinstimmung im Grundprinzip und in fast
allen Einzelheiten; und ich frage Dich: Wie
kannst Du schreiben: »Es ist die Macht der
gegenwärtigen Stunde in Volk und Staat, daß
wir nun alle miteinander ins echte,
ursprüngliche Fragen hineingerissen worden
sind«, wenn alle echten und ursprünglichen
Fragen, die Du stellst, in den Jahren vorher
von denen, die Du Deine schärfsten Gegner
nennst, gestellt und von ihnen so beantwortet
sind, daß Du ihre Antworten zur Grundlage
Deiner eignen machen konntest? Die Älteren
wissen noch von diesen Dingen und schütteln
den Kopf. Wie kannst Du es aber vor den
Jüngeren, die von allem dem nichts mehr
wissen, verantworten, daß Du ihnen ein Bild
von der Entwicklung gibst, das ihnen jeden
Zugang zum Verständnis der wirklichen
Entwicklung von vornherein verbaut?
2. Doch Du wirst erwidern,
daß das Entscheidende nicht die Kategorien,
sondern die konkrete Anwendung ist, und daß
die Verschiedenheit der Anwendungen es
rechtfertige, wenn Du den Umfang unserer
gemeinsamen Grundlagen verschweigst. Ich kann
diese Verteidigung nicht anerkennen; anstatt
Dich von dem ersten Vorwurf zu entlasten,
belastet sie Dich mit dem zweiten, daß Du die
benutzten Kategorien teils entleerst, teils
umbiegst, um sie für Deinen Zweck dienstbar
zu machen, und dadurch die
Kairos-Lehre bei Deinen
theologischen Gegnern um den Kredit bringst,
den sie in weiten theologischen Kreisen
hatte. Und das ist der tiefere Grund, warum
ich so nachdrücklich und ausführlich auf Dein
Doppelverhältnis zur Kairos-Lehre
eingehe.
Vielleicht erinnerst Du Dich an unsere
Unterscheidung von sakramentaler und
prophetischer Haltung. Es ist die
Unterscheidung zwischen der Heiligsprechung
eines in Raum und Zeit Gegebenen und dem
Heiligen, das im Sinne der
Reichsgottesverkündigung Jesu »nahe
herbeigekommen ist«, also zugleim verheißen
und gefordert ist. Dieses eschatOlogische
Moment gehört unabtrennbar zur
Kairos-Lehre, im Urchristentum wie
im Religiösen Sozialismus. Es verbindet uns
mit Barth, insofern wir mit ihm die greifbare
Gegenwart des Göttlichen in einem endlichen
Sein oder Geschehen bestreiten; es trennt uns
von Barth, weil das Eschatologische bei ihm
supra-naturalen, bei uns paradoxen Charakter
hat. Wir stellen das Transzendente nicht in
einen undialektischen Gegensatz zur
Geschichte, sondern glauben, daß es als echte
Transzendenz nur verstanden werden kann, wenn
es als das verstanden wird, was je und je in
die Geschichte hereinbricht, sie erschüttert
und wendet. In dieser Auffassung stehen Du
und wir zusammen. Die Theologie des
Kairos steht genau in der Mitte
zwischen der Theologie des jungen nationalen
Luthertums und der dialektischen Theologie.
Sie betrachtet die zweite als eine Abweichung
ins Abstrakt-Transzendente, die erste als
eine Abweichung ins Dämonisch-Sakramentale.
Gegen beide vertritt sie die
prophetisch-urchristliche Paradoxie, daß das
Reich Gottes in der Geschichte kommt
und doch über der Geschichte bleibt.
Es ist klar, daß eine solche dialektische
Haltung weder geeignet war, noch geeignet ist
für die undialektischen Notwendigkeiten des
kirchenpolitischen Kampfes. Aber ich kann die
Hoffnung nicht aufgeben, daß sich in beiden
Lagern Theologen und Nichttheologen finden,
die in der unverzerrten Kairos-Idee
einen Ausweg aus den Sackgassen finden
werden, in die auf die Dauer Du wie Barth
Theologie und Kirche hineinführen müssen.
Solange freilich der Kampf tobt, stehen wir
auf derjenigen Seite, die das Eschatologische
gegenüber dem Angriff eines dämonisierten
Sakramentalismus verteidigt. Wenn auch ein
hoher Preis an supranaturaler Verengung und
orthodoxer Verhärtung dafür gezahlt werden
muß, es ist besser so als die Preisgabe des
Eschaton an ein absolut gesetztes
Endliches.
Nach diesen Bemerkungen kann ich meine Kritik
an Deinem Buche in den Satz zusammenfassen:
Du verkehrst die
prophetisch-eschatologisch gedachte
Kairos-Lehre in priesterlich-sakramentale
Weihe eines gegenwärtigen Geschehens.
Das kann an allen Punkten gezeigt werden, in
denen Du der Kairos-Lehre und den
aus ihr folgenden Gedanken des Religiösen
Sozialismus zustimmst.
Du hast Dich in Deinem Buche auf den Boden
der religiös-sozialistischen Deutung des
bürgerlichen Zeitalters gestellt. Aber mit
dem entscheidenden Unterschied, daß wir die
Gegenwart als ein Ringen um das Kommende
verstanden haben, in dem es für die Theonomie
mehr Niederlagen als Siege gab und in dem ein
gläubiger Realismus uns davor bewahrte,
romantisierend in irgend einem Ereignis die
Erfüllung zu sehen. Unsere ganze Darstellung
ist an diesem Kanon orientiert. Du richtest
Dich zuerst nach ihm, verlässest ihn dann
aber zuerst für das Jahr 1918, dann für das
Jahr 1933. Im ersten Falle im Sinne einer
ungebrochenen Negativität, im zweiten Falle
im Sinne einer ungebrochenen Positivität. Du
erhebst damit absolute Wertungen, wie sie in
der politischen Propaganda unentbehrlich sein
mögen, zu theologischer Gültigkeit. Da das
aber unmöglich ist, weil kein Endliches unter
einem unbedingten Ja oder Nein steht, so
verleugnest Du in Deiner Gegenwartsdeutung
tatsächlich die theologische Ebene zugunsten
der propagandistischen. Das Zeitalter der
»Verwirrung und Verführung«, »Abgrund des
Volkes und Geschichtsendes«, ein »zu Tode
erkranktes Volk und Staat«, eine »zu Tode
erkrankte Nation«, »Not- und Kampfeszeit«,
»furchtbare Krise des Geschichtszeitalters,
die vielleicht alles verschlingen würde«,
»Anerkennung der Lage der Zersetzungszeit«,
»Todeskrise unseres Volks«, »Säkularismus,
Unglaube und Aberglaube«, »entartete
öffentliche Ordnung«, »Fluch der
Geschichtskrise« – es ist, was Fichte
»Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit«
nannte. Ein solches Zeitalter aber gibt es
nicht. Und kein Zeitalter hat das religiöse
und theologische Recht, ein anderes so zu
kennzeichnen. »Richtet nicht, auf daß Ihr
nicht gerichtet werdet«, gilt auch für
Zeitalter und Völker. Ein Urteil, wie Du es
gibst, ist nur möglich auf dem Boden der
Selbstgewißheit, daß man selbst im Zeitalter
der vollendeten Begnadetheit lebt; denn nur
in ihm hat man die Erkenntnismöglimkeit für
vollendete Sündhaftigkeit. Und eben dieses
Gefühl kommt in jedem Deiner Worte zum
Ausdruck. Am deutlichsten, wo Du dem
gegenwärtigen Geschehen Heiligkeitsqualität
zusprichst. »Der neue Wille … ist als ein
heiliger Sturm über uns gekommen und hat uns
ergriffen.« Unsere jüngste Geschichte hat uns
in die »segnende Macht dunklen Verhängnisses
getaucht«. »Hier ist das Werk des
Allmächtigen Herrn zu spüren, dem wir
wesentlich Werkzeuge zu sein haben.« »Der
heilige Frühling der Nation«, »von diesem
Gott gewirkten Aufbruch und Umbruch«. Am
schärfsten ist die theologische Weihe des
Gegenwärtigen ausgesprochen in dem Abschnitt:
»Die gegenwärtige Stunde der Theologie.« Hier
müßte ich fast jeden Satz zitieren.
Protestantische Theologie ist für Dich nur
möglich »im ganzen inneren Sich-Aufschließen
für das Große und Neue, das mit der
nationalsozialistischen Bewegung
durchgebrochen ist. Ihre Weltanschauung soll
der tragende, natürlich geschichtliche
Lebensgrund für deutsche Menschen
evangelischen Glaubens sein«. Und endlich von
Dir selbst gesperrt: »… die Befreiung
unseres Volkes, der Aufbruch des neuen
Geschichtsalters (ist) auch Befreiung und
Aufbruch des evangelischen
Christentums.« Damit hast Du das Jahr
»1933« dem Jahre »33« so angenähert, daß es
für Dich heilsgeschichtliche Bedeutung
gewonnen hat.
Diese absoluten Wertungen, die negativen wie
die positiven, stehen in klarem Widerspruch
zur Kairos-Idee und sind von der
Theologie des Religiösen Sozialismus niemals
angewandt worden. Wir haben die unmittelbar
vorausgegangene sogenannte wilhelminische
Epoche niemals als Zeitalter vollendeter
Sündhaftigkeit bezeichnet, obgleich wir
politisch-propagandistisch allen Anlaß dazu
gehabt hätten, da wir sie für den verlorenen
Krieg und als seine Folgen bis zur Gegenwart
verantwortlich gemacht haben. Aber daraus ein
theologisches, also absolutes Werturteil zu
machen, wäre uns nicht in den Sinn gekommen.
Wir haben niemals Zeitalter sündhaft, sondern
wir haben Mächte dämonisch genannt. Und was
wichtiger ist: Wir haben das Dämonische [Vgl.
»Das Dämonische« in Band VI der Gesammelten
Werke] dialektisch verstanden: Es ist nie nur
zerstörerisch, sondern immer auch
schöpferisch und tragend. Hättest Du diese
Dialektik beachtet, so hättest Du den
Einwand, den Du Dir selbst machst, ernster
genommen, als Du es tust: Du fragst, ob das
gegenwärtige Geschehen nicht doch eine
verhüllte Form der Rettung des
kapitalistischen Systems sei. Du antwortest
darauf unter Verzicht auf jede Analyse der
wirklichen Vorgänge mit dem Hinweis auf die
paradoxe Einheit von Ursprünglichkeit und
Reflexion in der gegenwärtigen Bewegung. Das
ist aber in keiner Weise eine Antwort auf die
gestellte Frage. Statt dieses Ausweichens
hättest Du weiter fragen sollen, ob überhaupt
eine politische Bewegung in einem einzelnen
Land, und mag sie sich noch so machtvoll
durchsetzen, imstande ist, im ersten Anlauf
eine Gesellschaftsstruktur, in die sie
verflochten ist und von der sie lebt, zu
beseitigen. Freilich wenn man Personen,
Gruppen, Richtungen dämonisch nennt, und zwar
ganz undialektisch im Sinne von verwerflich,
dann hat man es leicht, nach ihrer
Beseitigung den Sieg über »zusammengeballte
Dämonien« triumphierend festzustellen. Aber
damit zeigt man nur, daß man von der wahren
Tiefe und Macht des Dämonischen nichts
verstanden hat. Und das werfe ich Dir
allerdings vor und stelle zugleich fest, daß
wir im Wissen um die dämonische Dialektik die
Heiligsprechung auch des uns wichtigsten und
wertvollsten Geschehens vermieden haben.
Kairos war es für uns, weil die
Dämonie des Kapitalismus enthüllt war, weil
der Widerstand gegen ihn sich aus der
Weltkatastrophe voller Verheißungen und
Forderungen erhob. Mehr haben wir nicht
gesagt. Mehr kann und darf aus dem
Kairos-Gedanken nicht gefolgert
werden. Aus Verheißung und Forderung können
und dürfen wir nicht heraus. Das ist der
gläubige Realismus, der zur Theologie des
Kairos gehört. Es ist kein Zufall,
daß Du diese Kategorie des
religiös-sozialistischen Denkens fast als
einzige nicht verwendet hast. Mit Recht von
Dir aus: Denn anstelle des gläubigen
Realismus steht bei Dir ein bruchloser
Enthusiasmus, der Dir den kritischen Blick
und das kritische Wort raubt, die wir von Dir
als protestantischem Theologen und Künder der
gegenwärtigen geistigen Lage erwarten mußten.
3. Laß mich das jetzt an je
zwei Beispielen aus Theologie und Philosophie
zeigen. Als wir uns der sozialistischen
Bewegung anschlossen. war uns sofort klar,
daß wir an einem entscheidenden Punkt als
unnachgiebige Kritiker und Umgestalter
auftreten mußten. Jeder
prophetisch-eschatologischen Bewegung haftet
die Gefahr des Utopismus an. Utopismus aber
ist Absolutsetzung einer endlichen
Möglichkeit, wenn auch einer solchen, die in
der Erwartung liegt. Wir mußten dem
entgegentreten; aber wir durften und wollten
nicht die Wucht der Forderung und die
Leidenschaft der Erwartung brechen. In dieser
Not – ich erinnere mich genau der Tage –
wurde die Kairos-Idee gefunden. Sie
ist, was vielleicht mancher nicht weiß, im
Ringen mit dem Problem der Utopie gefunden
worden. Damit war eine Position gegeben, von
der aus wir die Möglichkeit hatten, die
Bedeutung des geschichtlichen Augenblicks für
die Gestaltung der Zukunft zu würdigen, ohne
doch Utopisten zu werden. Denn am Ende jedes
utopischen Enthusiasmus steht Enttäuschung
und Verzweiflung. Und ich meine, es wäre
Deine Aufgabe als Theologe in der nun
siegreichen Bewegung gewesen, die gleiche
Haltung, die wir dem utopischen Enthusiasmus
gegenüber einnahmen, dem ideologischen
Enthusiasmus gegenüber einzunehmen, der die
Gefahr jeder siegreichen Macht ist. Hier
hätte die wahre theologische Aufgabe gelegen.
Dein Buch zeigt mir, daß Du sie nicht gesehen
und nicht erfüllt hast. Die Denkmittel der
Theologie des Kairos hätten Dir die
Möglichkeit dazu gegeben. Du hast sie aber
nur formal übernommen, und da, wo Du sie für
Deine besondere Lage hättest anwenden müssen,
hast Du sie umgebogen. Ein ungebrochener
Sakramentalismus des Gegebenen ist die Folge.
Statt den ideologischen Enthusiasten
theologisch zu brechen und ihn in einen
gläubigen Realismus zu wandeln, verstärkst Du
ihn und machst Dich dadurch mitverantwortlich
für die Verzweiflungskrise, die bei jedem
einzelnen angeblichen oder wirklichen
Mißlingen ausbrechen muß. Du gibst zu, daß
solch Mißlingen im Bereich der Möglichkeit
liegt. Du bist nicht berauscht genug, um
diese Möglichkeiten nicht zu sehen, aber Du
bist auch nicht nüchtern genug, um das
theologische Wort zu finden, das die
Berauschten nüchtern macht, ohne ihnen den
Mut und das Wagnis zu nehmen.
Ein weiteres Beispiel für den Unterschied
unserer theologischen Haltung! Du sprichst
von dem »Schmutz des ökonomischen
Materialismus«. Ich sehe daraus zweierlei,
erstens in der Wahl des Bildes das
komplexhafte Unterdrücken einer Sache, mit
der Du innerlich nicht fertig geworden bist,
zweitens die einfache Unkenntnis der
Tatsache, daß ökonomischer Materialismus eine
Forschungsmethode ist, die entstanden ist im
Kampf mit dem metaphysischen Materialismus
Feuerbachs und im Zusammenhang mit einem
hochfliegenden, zum Märtyrertum bereiten
ethischen Idealismus. Im übrigen ist diese
Methode in alle historischen Wissenschaften
übergegangen und kann in keiner tiefer
dringenden Untersuchung entbehrt werden.
Dennoch hast Du insofern ein Recht zur
Kritik, als am Ende des vorigen Jahrhunderts
eine Welle von metaphysischem Materialismus
sich aus dem Bürgertum in die
Arbeiterbewegung ergossen hatte und der
Religiöse Sozialismus infolgedessen einer
antireligiösen Front gegenüber stand. Wieder
war es unsere Aufgabe, mit scharfer Kritik
dagegen aufzutreten, ohne in das von Dir
gerügte Pharisäertum »kirchlicher« Theologen
zu verfallen. Aus der Not dieser Lage ist der
Gedanke der »gläubigen Profanität« und der
»latenten Kirche« geboren. Für Dich gab es
keinen Kampf gegen metaphysischen
Materialismus oder Religionsfeindlichkeit.
Das Bekenntnis zum positiven Christentum
gehört zu Deinem politischen Programm. Aber
hättest Du nun nicht als Theologe die Aufgabe
gehabt, das mit jedem politischen Bekenntnis
zur Religion verbundene Verhängnis zu
enthüllen und unter eine gleich scharfe
Kritik zu stellen, wie wir den Materialismus?
Und hättest Du nicht zu diesem Zweck aus dem
»Schmutz des ökonomischen Materialismus« das
Gold der Ideologie-Lehre herausholen müssen?
Du hättest sie freilich auch bei Luther
finden können, der gegen den selbstgemachten
Gott kräftig genug zu Felde gezogen ist; aber
das kann als Sache der persönlichen
Frömmigkeit abgetan werden. Nicht so die
Ideologie-Lehre bei Feuerbach, der sie auf
den Menschen in seiner natürlichen
Verfassung, oder bei dem jungen Marx, der sie
auf die Klassengesellschaft, oder bei Freud,
der sie auf die Einzelpsyche, oder bei Jung,
der sie auf die Massenpsyche anwendet. Hier
überall findet die uralte Forderung des
γνϖϑι
σαυτόν eine methodische Erfüllung von
unausweichlicher Schärfe. Es wäre Deine
theologische Pflicht gewesen, diese
Denkmittel zu benutzen, und mit ihrer Hilfe
den ideologischen Mißbrauch aufzudecken, der
von Reaktion und Kleinbürgertum in ihrem
antiproletarischen Klassenkampf mit dem
religiösen Bekenntnis getrieben worden ist.
Es ist doch so, daß hinter dem theologischen
Theismus sich oft ein – nun wirklich
schmutziger – praktischer Materialismus
verhüllt, während hinter dem
materialistischen Atheismus ein heroischer
Idealismus stehen kann. Ich kann mir kaum
eine wichtigere, konkret theologische Aufgabe
in der gegenwärtigen Stunde denken, als das
herauszuarbeiten. Du aber nimmst jede
Ideologie, die negative wie die positive, bei
dem, was sie sagt, statt bei dem, was sie
ist. Auch hier kritisch ungebrochener
Enthusiasmus gegen gläubigen Realismus,
priesterliche Weihe statt prophetischer
Enthüllung.
4. Du stellst auch
Forderungen an die neue Philosophie, die im
Zusammenhang mit der Theologie des
Kairos stehen. Ich muß Dir auch hier
folgen und zeigen, wie Du die ursprünglichen
Intentionen der neuen Philosophie infolge
Deiner sakramentalen Grundhaltung umbiegst.
Als erstes Beispiel erwähne ich Deine Kritik
an Heidegger. In der Tat, Heidegger muß vom
Standpunkt existentialphilosophischen Denkens
aus kritisiert werden. Er verdeckt mit der
abstrakten Verwendung des Begriffs
Geschichtlichkeit die konkrete
Geschichtsgebundenheit seiner Begriffe. Nicht
aber kann er als Existentialphilosoph um
seiner Negativität willen angegriffen werden.
Denn das ist ein Angriff auf die
Existentialphilosophie selbst, zu der Du Dich
ja formal bekennst. Sie ist
Existentialphilosophie, weil sie im Gegensatz
zum Idealismus die Existenz außer halb der
Idee voraussetzt und zum Thema macht. Das,
was die Existenz zur Existenz macht, ist das,
wodurch sie nicht in der Idee, im Wesen
steht. So sah es der zweite Schelling, als er
im Anschluß an seine Lehre vom Bösen den
Gegensatz beider Philosophen entdeckte; so
Kierkegaard, als er das menschliche
Grundexistential in der Verzweiflung fand; so
Marx, als er gegen Feuerbachs Lehre vom
Menschen die Entmenschlichung in der
proletarischen Existenz zum Ausgangspunkt
nahm; so ]aspers, wenn er das Scheitern zur
letzten existentiellen Möglichkeit des
Menschen macht; so Heidegger, wenn er den
radikal Fragenden vor den Abgrund des Nichts
stellt. So versuchte ich, existential
geschichtliche Kategorien aus einer Analyse
der Bedrohtheit unserer geschichtlichen
Existenz zu erheben. Diese existentielle
Bedrohtheit ist nicht dadurch aufgehoben, daß
eine geschichtliche Gruppe sich machtvoll
konzentriert hat. Wäre es darum nicht die
Aufgabe des Existentialphilosophen in der
gegenwärtigen Lage, die existentielle
Bedrohtheit jeder geschichtlichen
Wirklichkeit, auch wenn sie Verheißungen in
sich birgt, allgemein und in konkreter
Anwendung herauszuarbeiten? In Deiner Kritik
an Heidegger, sowie in Deiner eigenen
philosophischen Haltung zeigst Du Dich als
enthusiastischer Idealist, nicht als
Existentialphilosoph. Du weihst, statt zu
enthüllen.
Von da aus habe ich Deine Forderung einer
neuen Sokratik in Frage zu stellen.
Historisch spricht alles gegen sie: Sokrates
am Ende einer gebundenen Periode der
Geschichte, durch seine Entdeckung des
Begriffs Träger der ihm folgenden rationalen
und autonomen Entwicklung, Dialektiker im
echten Sinne dessen, der Gespräche führt,
nicht über diese oder jene Durchklärung,
sondern über die Begründung menschlicher und
politischer Existenz im Denken. Demgegenüber
unsere Lage: Am Ende einer rationalen und
autonomen Entwicklung, im Übergang zu einer
neuen gebundenen Periode, unter den
Notwendigkeiten spätkapitalistischer
Massenorganisation, die ein freies Gespräch
über die Grundlagen immer mehr unmöglich
macht – wie es ja auch von Dir ausdrücklich
ausgeschlossen wird. Bleibt allein übrig, was
Kierkegaard im Unterschied von den
Systematikern an Sokrates als existentiell
empfand, ein Fragen, bei dem es um den
Fragenden selbst geht. Das aber ist weder das
ausschließliche noch das hervorragendste
Merkmal der Sokratik. Du nimmst das
Kierkegaardsche Symbol, nicht den wirklichen
Sokrates. Und das hat tiefere Gründe: Du
verdeckst damit, daß Du in Wirklichkeit auf
Seiten Nietzsches und seiner Bekämpfung des
Sokrates stehst. Was Du über Nietzsche sagst,
enthält ein solches Maß von historischer
Ungerechtigkeit, daß es nur aus Deinem
entschlossenen Willen verstanden werden kann,
die Weihe des gegenwärtigen Geschehens nicht
durch Erinnerungen an seine Väter stören zu
lassen. Denn nichts hätte Dich mehr darin
gestört als die kaum zu überschätzende
Bedeutung, die Nietzsche für die Entstehung
des Fühlens und Denkens der jüngeren
Generation gehabt hat und für die neue
politische Dogmenbildung noch immer hat. Und
zwar gerade durch seinen Protest gegen die
Sokratik auf allen Gebieten des Geistigen und
Politischen. Es ist ebenso leicht, zu zeigen,
daß die meisten von Dir verteidigten Ideen
bei Nietzsche im Keim oder entwikkelt
vorhanden sind, wie zu zeigen, daß jede
dieser Ideen ausdrücklich antisokratisch ist.
Ich schreibe das nicht, um der verletzten
historischen Wahrheit zu ihrem Recht zu
verhelfen, sondern ich schreibe es, um Dir
noch einmal zu zeigen, wie sehr Du um Deiner
enthusiastisch-weihenden Haltung willen die
erste, nämlich kritische Pflicht des
Philosophen verleugnest. Sonst hättest Du
Dich dem ungebrochenen Strom des Vitalismus,
Irrationalismus, Voluntarismus ebenso
entgegensetzt, wie wir versucht haben, einem
entleerten Rationalismus, Intellektualismus,
Mechanismus entgegenzutreten. Wir hatten die
Bedeutung des Vitalen, des Eros und des
Willens mit solchem Nachdruck
herausgearbeitet, daß wir uns immer wieder
den Vorwurf des Faschismus zugezogen haben.
Im sehe nicht, daß Du die entsprechende
umgekehrte Aufgabe von der Philosophie
gefordert oder selbst in Angriff genommen
hättest.
Damit komme ich auf Deine Lehre von Wahrheit,
Nomos und Logos. Es könnte
scheinen, als wäre sie eine – sehr
geistreiche – Weiterentwicklung unserer Lehre
von der dynamischen Wahrheit. Aber das ist
nicht der Fall. Du raubst dem Logos
die kritische Kraft, die er trotz engster
Bindung an den Kairos behalten muß.
Das geschieht in drei Schritten. Erstens
bindest Du ihn an den Nomos einer
geschichtlichen Wirklichkeit; er sei ihr
wissenschaftliches Selbstbewußtsein. Zweitens
kennst Du allein den Nomos eines
Volkes. Drittens ist dieser Nomos
veränderlich und abhängig von den Handlungen
der politischen Gestalter des Volkes. Auf
diese Weise ergibt sich notwendig, daß der
Logos abhängig ist von der
jeweiligen machttragenden Gruppe in einem
Volk. Es ist das wissenschaftlich genormte
Selbstbewußtsein über das, was diese Gruppe
aus dem Nomos des Volkes zu machen
entschlossen ist. Praktisch heißt das, Du
gibst denen recht, die in großem Chor mit
Nietzsche sagen, daß Wahrheit Ausdruck der
tragenden Machtgruppe und ihres Seins ist. Zu
allem Sokratischen steht das in
unauflöslichem Widerspruch. Aber auch zur
Kairos-Lehre, die sim bemühte, über
das Sokratische hinauszustoßen. Erstens war
das, was Du Nomos nennst und was als
Gestaltgesetz der platonischen Idee nahe
steht, als Einheit von Einheit und
Unerschöpflichkeit verstanden worden. Um des
Einheitsmomentes willen ist logische
Erkenntnis möglich, um der Unerschöpflichkeit
willen kann sie nicht statisch sein. Das
Verhältnis beider Elemente ist in jedem
Erkenntnisgebiet verschieden, in keinem aber
fehlt die Möglichkeit kritischer Kontrolle.
Dies das eine, das ich hier nicht weiter
ausführen kann. Zweitens haben wir den
Logos nicht an das Gestaltgesetz
eines Volkes gebunden, sondern an die Gestalt
einer historischen Konstellation, in der das
Volk einen entscheidenden Platz einnehmen
kann, aber Gestalt nur in einem
übergreifenden Gestaltzusammenhang hat und
Logos nur in ihm finden kann. Wie
wichtig diese Einsicht methodisch ist, wird
sich weiter unten bei der Behandlung einiger
historisch-soziologischer Fragen zeigen.
Grundsätzlich ist vor allem zu sagen, daß auf
diese Weise die Bindung der Wahrheit an die
Macht insoweit beseitigt ist, als jede Macht
in der Gesamtkonstellation ihre Grenzen
findet. Keine einzelne Gestalt kann den
Logos an sich binden, wie kein Volk
Gott an sich binden kann. Die erste Einsicht
verdanken wir Plato, die zweite Amos. Von
beiden mußte der Philosoph und Theologe
zeugen, in einer »Geschichtsstunde«, in der
der übergreifende kritische Ernst des
Wahrheitsgedankens von einer Flut von Gerede
gegen Objektivität des Erkennens
weggeschwemmt zu werden droht. Drittens haben
wir unter Bindung der Wahrheit an eine
geschichtliche Wirklichkeit niemals
verstanden, daß die Wahrheit nichts als
Ausdruck oder Selbstinterpretation dieser
geschichtlichen Wirklichkeit sein soll. Wir
haben das Verhältnis von »Ausdruck« und
»Geltung« oft behandelt und sind zu der
Auffassung gekommen, daß es für den
Erkennenden nur eine Intention, nämlich die
Geltung geben darf; daß aber gerade dann,
wenn er am meisten und strengsten auf die
Geltung, das An-sich, das Objektive gerichtet
ist, sich die Ausdruckskraft seines Denkens
einstellt. Und zwar um so mehr, je weniger er
sie beabsichtigt und je mehr er doch zugleich
gefüllt ist mit der inneren Mächtigkeit
seiner Gegenwart. Aber nicht diese innere
Mächtigkeit ist das in jedem Erkennen
Gemeinte, sondern die Wahrheit. Du hast diese
Unterscheidung nicht herausgearbeitet, Du
konntest es nicht, da Du selbst mehr um
»Ausdruck« als um »Geltung« bemüht warst und
darum – das ist die richtende Dialektik des
Wahrheitsgedankens – auch den tiefsten
Ausdruck dessen, was geschieht, verfehlt
hast. Durch die theologischen und
philosophischen Beispiele und ihre kritische
Behandlung glaube ich genügend bewiesen zu
haben, daß Du die Kairos-Lehre, in
deren Kategorien Du denkst, bis ins volle
Gegenteil ihres Sinnes umgebogen hast. Ich
bestreite, daß die Begriffe selbst die
Möglichkeit solcher Anwendung darbieten. Du
mußtest aus jedem ein entscheidendes Element
herausbrechen, um sie in den Dienst Deines
theologischen und philosophischen Wollens zu
zwingen. Dagegen mußte ich mich wehren und
will mich weiter wehren, indem ich auf
einzelne Probleme eingehe.
II.
1. Es wird bei Dir
theologisch durchaus nicht klar, wie Du
eigentlich in strengen Begriffen das
Verhältnis von Zeitgeschehen und neuer
Theologie auffassest. Ist das Zeitgeschehen
eine Offenbarungsquelle neben den biblischen
Urkunden? Fast scheint es so bei Dir. Wenn es
so wäre, so wären die, die das Zeitgeschehen
anders beurteilen als Du, von einer
Offenbarungsquelle ausgeschlossen, und zwar
auf Grund eines politischen Urteils über
politisches Geschehen. Sie könnten in der
»Deutsch-Evangelischen» Kirche ebenso wie die
Judenchristen nur Glieder minderen Rechtes
sein. Und ihrer Theologie würde eine
religiöse Erkenntnisquelle fehlen, die denen
mit anderem politischen Urteil offen stünde.
Ich frage mich, ob solche Auffassung
irgendwie durch den Kairos-Gedanken
gerechtfertigt werden kann. Ich sehe nicht
wie, aber ich gebe zu, daß wir die Probleme,
die sich hier ergeben, in den letzten Jahren
nicht genügend verfolgt haben und daß darum
solche Abwege der Interpretation nicht klar
genug ausgeschlossen wurden. Insofern das
Zeitgeschehen und sein Niederschlag in Deinem
Buch zur Klärung dieser Probleme zwingen, bin
ich trotz aller Kritik dankbar dafür. Der
Offenbarungsbegriff hat zwei Seiten, die klar
geschieden werden müssen. Einmal ist
Offenbarung Wirklichkeit nur als
»Offenbarungskorrelation«. Offenbarung ist
kein Begriff objektivierenden Denkens. Sie
ist nur, insofern sie als Offenbarung für
jemand sich verwirklicht. Aber, und das ist
die andere Seite: Wenn sie ist, d. h. sich
korrelativ verwirklicht, ist sie exklusiv. Es
kann neben ihr nicht andere Offenbarungen
geben, sondern nur andere Situationen, von
denen der Mensch in die
Offenbarungskorrelation eintritt. Jede neue
Lage verändert die Korrelation, verändert
aber nicht die Offenbarung. Wenn ich die
Sache ohne das Wort Offenbarung ausdrücken
wollte, so würde ich von dem Ort reden, von
dem her unsere Existenz ihren unbedingten und
exklusiven, zugleich tragenden und richtenden
Sinn empfängt. Offenbarung ist das, dem ich
als letztem Kriterium meines Denkens und
Handelns mich unbedingt unterworfen weiß. Der
Kairos, die geschichtliche Stunde,
kann darum nie von sich aus Offenbarung sein.
Sie kann nur den Eintritt einer neuen
Offenbarungskorrelation anzeigen. Sie
bezeichnet den Augenblick, in dem der Sinn
der Offenbarung sich neu erschließt für
Erkennen und Handeln, in dem z. B. das letzte
Kriterium der Wahrheit einer
Zeitkonstellation gegenüber von neuem
sichtbar wird, also etwa das Kreuz Christi
gegenüber der kapitalistischen oder
nationalistischen Dämonie. Wenn Du das Ja zu
solchem Sich-neu-Erschließen der Offenbarung
»Wagnis« nennst, so stimme ich Dir zu mit der
doppelten Voraussetzung, daß Du das Stehen in
der Offenbarungskorrelation selbst nicht
Wagnis nennst, und daß Du die Relativierung
des Gewagten in allen Konsequenzen
anerkennst. Offenbarung ist Prius, nicht
Gegenstand des Wagnisses. Sie ist das, was
mich vor jedem wagenden Handeln je schon
ergriffen hat. Sie wäre weder exklusiv noch
unbedingt, wenn sie von meinem Wagnis
abhinge. »Es auf Christus oder auf Gott
wagen« ist eine Formel, die mir immer etwas
gotteslästerlich geklungen hat.
Dagegen hat Wagnis im Kairos seinen
Platz. Daraus folgt, daß die
Offenbarungsgemeinschaft nicht abhängig ist
von der Wagnisgemeinschaft. In jeder
geschichtlichen Stunde liegt mehr, als daß
eine Ausdeutung sie erschöpfen könnte. Darum
wird zwar eine theologische Gruppe der
anderen gegenüber das tiefere Stehen im
Kairos in Anspruch nehmen, aber sie
wird die andere nicht von dem gemeinsamen
Stehen in der Offenbarungskorrelation
ausschließen. Wagnis trägt das Bewußtsein
möglichen Scheiterns in sich. Es ist weder
unbedingt noch exklusiv. So z. B. in unserem
Fall: Für Dich und andere ist Kairos
das) was Du als »deutsche Stunde«
bezeichnest, für uns war es das, was man als
»Stunde des Sozialismus« bezeichnen könnte
und wovon nach unserer Auffassung das
deutsche Geschehen ein Teil ist, der in
Isolierung von dem Ganzen überhaupt nicht
verstanden werden kann. Für Barth, der darin,
ohne zu wollen, dem Kairos seinen
Tribut zahlt, ist es die Befreiungsstunde der
Kirche von den in den bürgerlichen
Jahrhunderten in sie eingedrungenen säkularen
Elementen, was ja nur möglich ist, weil der
Säkularismus als geschichtliche Erscheinung
in sich selbst brüchig geworden ist. Alle
drei Deutungen des Kairos sind
Wagnis. Schließst Du nun die beiden, die Du
nicht bejahst, von der vollgültigen Arbeit
der deutschen evangelischen Theologie aus?
Anstatt mit ihnen um die beste und wahrste
Deutung zu ringen? Ist deutsche Theologie
nicht eine machtvolle geistige Tradition, die
sich längst auch jenseits der Grenzen
Deutschlands ein vielfaches Bett gegraben hat
und die, auch wenn sie wenig vom
gegenwärtigen Geschehen berührt ist, an
zahlreichen theologischen Problemen in der
Vollmacht dieser ihrer Tradition
weiterarbeiten kann? Entscheidend ist – und
die klare Einsicht darin verdanke ich dem
Widerspruch zu Deinem Buch –, daß Offenbarung
und Kairos) reines Ergriffensein und
Wagnis, Exklusivität des Kriteriums und
Relativität der konkreten Entscheidung auf
verschiedenen Ebenen liegen. Die Richtung auf
das erste macht den Theologen zum Theologen,
sie gibt ihm das letzte Kriterium; das Stehen
im zweiten gibt ihm die Gegenwartsnähe und
Geschichtsmächtigkeit. Du hast das erste um
des zweiten willen in Deinem Buche unsichtbar
gemacht, und zwar in einem Augenblick, wo
infolge des Hervorbrechens der
Ursprungsmächte das Kreuz als Kriterium
machtvoller herausgehoben werden mußte denn
seit Jahrhunderten.
2. Wie Deine theologische,
so muß ich auch Deine wissenschaftliche
Haltung angreifen. Kannst Du es im Ernst
wissenschaftlich verantworten, ein Buch über
die gegenwärtige geistige Lage zu schreiben,
ohne eine soziologische Analyse der Gruppen
und Schichten zu geben, von denen bestimmte
geistige Tendenzen getragen werden? Ich habe
diese Dinge bei der Besprechung des
theologischen Sinnes der Ideologie-Forschung
erwähnt, ich komme jetzt auf sie im
Zusammenhang meiner
wissenschaftlich-historischen Kritik. Eine
Reihe Deiner historischen Urteile sind
überhaupt nur zu verstehen, weil Du Dich
bewußt oder unbewußt gegen die
offenkundigsten soziologischen Einsichten
gesperrt hast. Und das wieder ist nur zu
erklären, weil Soziologie eine der schärfsten
Waffen gegen ungebrochenen Enthusiasmus ist.
Einige Beispiele! Du rühmst Dich, gegen den
»die Breite des öffentlichen Lebens
bedeckenden Strom« gestanden zu haben. Ist
Dir nie aufgegangen, daß auf den
Universitäten, in der sogenannten höheren
Gesellschaft, im Mittelstand, im Bauerntum
von einem solchen Strom nichts zu bemerken
war, wohl aber von dem gerade
entgegengesetzten? Nun, wenn Du es nicht
bemerkt hast, so kann ich Dir
mitteilen, daß wir, die wir in diesen Gruppen
hoffnungslos allein standen, auf Schritt und
Tritt zu fühlen bekamen, welches der
wirkliche Strom war: Die Reaktion aller
bürgerlichen Schichten gegen die Beteiligung
der Arbeiterschaft am Staatsaufbau! Hättest
Du das mit soziologisch geschärftem Blick
gesehen, so würdest Du Dich auch nicht
rühmen, den Nachkriegsstaat »ausgehöhlt« und
ihm so viel wie möglich an Autorität genommen
zu haben. Das ist durch das Bürgertum viel
wirksamer geschehen. Weiter hättest Du, wenn
das so und nicht anders ist, nicht vergessen
dürfen, die Weltwirtschaftskrise zu erwähnen
und die mit ihr eingetretene akute Bedrohung
des Mittelstandes und den von ihr
geschaffenen, neuen sozialen Typus des
dauernd Arbeitslosen. Du hättest bei der
Weltweite dieser Erscheinungen und bei der
Ähnlichkeit der Reaktion in vielen Ländern
eher das Bild eines Spätherbstes als eines
Frühlings benutzen müssen, und zwar ohne
Beschränkung auf Deutschland. Wie kann ein
Kulturkreis, der seine Klassik hinter sich
hat, also die Zeit seiner Blüte, gleich
wieder mit dem Frühling anfangen? Diese
Einsichten hätten Dein positives Urteil über
das gegenwärtige Geschehen nicht zu ändern
brauchen. Aber sie hätten ihm das
wissenschaftliche Gewicht gegeben, was ihm
jetzt fehlt. Man kann ebensowenig vom
Enthusiasmus wie vom Glauben aus Tatsachen
deduzieren. Wenn Du als theologischer
Historiker die geistige Lage der Gegenwart
aufzeigen wolltest, so hättest Du allein
einen großen Dienst leisten können, wenn Du
auf andere soziologische Zusammenhänge
aufmerksam gemacht hättest als auf
diejenigen, die wir sehen, und wenn Du die
gegenwärtige soziologische Struktur in
Mitteleuropa als Hintergrund der
gegenwärtigen geistigen Lage aufgezeigt
hättest. Dann hättest Du den ungeheueren und
im geschichtsphilosophischen Sinne
bedrohlichen Spannungsreichtum innerhalb der
gegenwärtigen politischen Einheit sichtbar
machen können und hättest damit eine echte,
konkret-existential geschichtliche Analyse
gegeben.
Eine solche vom wissenschaftlichen Standpunkt
unbedingt geforderte Bemühung hätte Dich
weiter davor bewahrt, auslandsfeindliche
Seitenhiebe im Stil der »höheren Bierbank« zu
machen: Daß die ausländische Philosophie
wesentlich »untermenschlich-naturalistische
Bestimmungen des letztlich Gültigen« gab, daß
der Kulturimperialismus eine »spezifisch
welsche« Idee ist, daß das »auktoritäre
Regiment welsch« ist, daß das außerdeutsche
evangelische Christentum sich ohne das
deutsche aus eigener Kraft nicht evangelisch
erhalten könnte, ganz zu schweigen von Deinen
Urteilen über Rußland, die auch, wenn sie
noch so scharf sind, doch wenigstens
sachhaltig sein müssen: Das treibt mich zu
der Frage: Ist diese Anleitung zu
unkontrollierten Urteilen über andere Völker
wirklich ein theologischer Dienst am eigenen?
Und wenn Du über die »Lüge des Weltgewissens«
und das »schuldhafte Schweigen der Kirchen zu
Versailles« mit Recht empört bist, so hättest
Du zum mindesten die Empörung erwähnen
müssen, die das Schweigen der deutschen
Kirchen beispielsweise zum Tage des
Judenboykotts in Kirchen und Nichtkirchen der
ganzen Welt hervorgerufen hat! Gerade weil Du
aus philosophischen und theologischen Gründen
zu der Rassengesetzgebung stehst, wäre es
ethische Pflicht der Stunde und religiöse
Verantwortung unserem Volk gegenüber gewesen,
wenn Du von der Rassengesetzgebung den
Rassenhaß ebenso scharf unterschieden
hättest, wie wir von der strukturellen
Notwendigkeit des Klassenkampfes im
Kapitalismus den Klassenhaß unterschieden und
bekämpft haben. Wieder ist es Dein
ungebrochener Sakramentalismus, der Dich
hindert, zu sehen, was Du hättest sehen
müssen und können.
3. Über Volk, Staat und
Kirche mit Dir zu reden, erfordert mehr Raum,
als die Grenzen dieses Briefes zulassen. So
will ich mich auf das beschränken, was im
Rahmen meiner Gesamtkritik Deines Buches
unentbehrlich ist. Um die Absolutsetzung des
nationalen Kairos zu ermöglichen,
beschränkst Du den Horos, das
schöpferische Dunkel, auf die Begrenztheit
menschlicher Existenz durch Volk und Blut. Du
nennst sie im Anschluß an den Sprachgebrauch
meines letzten Buches: »Die sozialistische
Entscheidung« [Gesammelte Werke, Bd. II.] das
»Ursprüngliche« und beantwortest meine dort
systematisch gestellte Frage, wie Reflexion
Ursprünglichkeit schaffen könne, durch die
Behauptung, das wäre Paradoxie und Geheimnis.
An keiner Stelle Deines Buches scheint mir
nun soviel Konstruktion vorzuliegen wie hier.
Weder ist bewiesen die Identität von heiligem
Horos und Ursprung, noch die
Identität von Ursprung und Volk, noch die
Identität von Volk und Blutbund. Diese drei
Identifizierungen sind aber das Gerüst Deines
ganzen Gedankenganges. Ohne sie würde die
entscheidende Voraussetzung des ganzen Buches
hinfällig werden. »Am Ganzen unseres
menschlich geschichtlichen Lebens ist die
Grenze mächtig. Überall in ihm offenbart sie
sich … ihr Schein des Denkens Licht, ihre
Glut des Lebens Blut«, sagst Du in
Übereinstimmung mit dem, was wir über den
Abgrund, die Unerschöpflichkeit, den
sinngebenden Gehalt unserer Existenz
gegenüber einer rationalistischen
Turmphilosophie gesagt haben. Aber warum
beschränkst Du dann den Horos, der
am Ganzen unseres geschichtlichen Lebens
mächtig sein soll, auf den Ursprung? Ist er
nicht auch mächtig in den geschaffenen
Formen, in denen der Mensch über den Ursprung
hinausschafft, ist er nicht mächtig in dem
»Wozu«, durch das im geschichtlichen Leben
das »Woher« transzendiert wird? Ist des
»Denkens Licht« in Platos oder Laotses Denken
nur der sie begrenzende Ursprung? Wie könnte
es dann durch Zeiten und Räume leuchten, die
nichts mit ihrem Ursprung zu tun haben? Ist
das nicht nur zu verstehen, weil die
transzendente, sinngebende Mitte gerade darin
ihre Kraft zeigt, daß sie durch die
Ursprungsgrenzen durchbricht? Und gilt nicht
das Gleiche wie vom Denken so auch vom Leben?
Die heilige Grenze als »des Lebens Blut«
glüht in Franziskus und Buddha nicht mit der
Macht ihres Ursprungs, sondern in der Macht
eines ausdrücklichen Bruches mit ihrem
Ursprung. Zwar weißt Du darum, daß der
heilige Horos den
natürlich-geschichtlichen verzehren kann,
aber nirgends wird bei Dir angedeutet, daß er
ihn transzendieren kann, daß er zu einer
neuen geschichtlichen aber nicht mehr
ursprungsgebundenen Verwirklichung führen
kann. So z. B. teilweise die exilische oder
uneingeschränkt die urchristliche Gemeinde.
Hier ist das »Wozu« und nicht das »Woher«
existenzgründend. Daher die Notwendigkeit für
Dich, Dich so stark von der
neutestamentlichen Haltung zu distanzieren
und die religiöseste Periode der
Menschengeschichte »Gottentfremdung der
Spätkultur« zu nennen. Freilich war es eine
Zeit der Entfremdung vom Ursprung. Die
Autonomie war vorangegangen und die Krisen
der Autonomie. Aber eine neue Theonomie war
hereingebrochen, und die Urkunde dieses
Einbruches ist das Neue Testament. Wenn
Entfremdung von Ursprungsfrömmigkeit
Gottentfremdung überhaupt ist, dann gibt es
kein gottentfremdeteres Buch als das Neue
Testament.
Konkret ist der Ursprung für Dich das Volk.
Leider gibst Du keine klare
Begriffsbestimmung. Doch wenn man die
verschiedenen bei Dir genannten Momente
(natürlich, geschichtlich, bluthaft,
staatlich) zusammennimmt, so kommt als
idealtypisches Bild der europäische
Nationalstaat heraus, wie er von der
Französischen Revolution im Gegensatz zum
feudalen und dynastischen Staat geschaffen
ist. Nun kann kein Zweifel sein, daß
Nationalstaat in diesem Sinne heute die
unmittelbar geschichtsmächtige Wirklichkeit
ist. Und ich würde Dir zugeben, daß der
Religiöse Sozialismus in seinem Interesse an
der sozialen Ordnung der Gesellschaft dem
nationalen Staat und den in ihm
konzentrierten Ursprungsmächten zu wenig
Aufmerksamkeit zugewandt hat (ich selbst erst
in meinem letzten Buch). Ich gebe Dir auch
weiter zu, daß es Augenblicke in der
Geschichte geben kann, in denen das Schicksal
eines Volkes nicht nur für es selbst, sondern
auch für die Welt einen Kairos, eine
religiös zu deutende, überragende
geschichtliche Stunde, eine Verheißung und
Forderung bedeuten kann. Hätte Dein Buch nur
dieses gesagt, so hätte ich mir die folgende
Kritik sparen können. Aber es sagt sehr viel
mehr und sehr viel anderes. Es sagt z. B.,
daß Ursprung und Volk identisch sind. Aber
wie ist das zu rechtfertigen, außer wenn Volk
der Name für jede natürlich-geschichtliche
Gruppe überhaupt wird: Also Sippe, Stamm,
Blutsgruppe, Rassengruppe, Landschaftsgruppe,
Standesgruppe, Sprachgruppe, Staatsgruppe.
All diese Gruppen können sich verbinden und
sich ausschließen. In ihnen allen sind
Ursprungskräfte. Aber Volk mit den von Dir
angegebenen Merkmalen ist weder der
dynastische Staat noch die Sprachgruppe noch
der Stand (z. B. das ursprungsmächtige
mittelalterliche Rittertum, das einen
Querschnitt durch die Länder der Christenheit
darstellte), noch die Rasse usw. Volk in dem
von Dir umgrenzten Sinne ist eine einmalige
kaum hundertfünfzig Jahre alte Erscheinung.
Wenn das aber so ist, so wird ihre
metaphysische Absolutsetzung als
Ursprungsmacht überhaupt und damit als
einzige Verwirklichung des heiligen
Horos überaus zweifelhaft. Ja, ich
muß Dir gestehen, daß mir von hier aus auch
der verlockende Begriff des völkischen
Nomos (Gestaltgesetz) und der
weniger verlockende des völkischen
Logos (begriffenes Gestaltgesetz)
zweifelhaft geworden ist. Denn was bedeutet
ein Gesetz, das nicht nur wechselnde
Erscheinungen begreift, sondern, wie Du
vielfach aussprichst, selbst im ständigen
Wechsel steht? Wenn geschichtliches Handeln
die Nomoi der Völker in jedem
Augenblick wandelt, was heißt dann noch:
Gemäß dem Gestaltgesetz handeln? Wenn ich es
wandle durch mein Tun, so ist es ja nicht
mehr Gesetz für mein Tun. Und so ist es doch
tatsächlich. Zur Zeit wird durch stärkste
Willensanspannung eine neue Gestalt des
deutschen Volkes geschaffen, aber was soll es
konkret bedeuten, daß ein vorher vorhandenes
Gestaltgesetz verwirklicht wird, wo Du
gleichzeitig sagst, daß das kommende
Gestaltgesetz erst geschaffen wird? Was ist
ein Begriff wert, für den es keinerlei
konkrete Anwendungsmäglichkeiten gibt? In der
feierlichen und rituell-priesterlichen
Sprache mögen solche Worte einen Sinn haben,
fruchtbare wissenschaftliche Erkenntnis
vermitteln sie nicht.
Und nun die dritte Identifizierung, die ganz
in die Sphäre des Mystismen führt, die
Gleichsetzung von Volk und Blutbund. Du gibst
dieser Identifikation das größte Gewicht,
indem Du behauptest, daß durch die Idee des
Blutbundes dem Sturz der »euramerikanischen
Kultur von Klippe zu Klippe« das »Bis hierher
und nicht weiter« entgegengerufen wird. Die
Idee des Blutbundes hat also geradezu
Heilsbedeutung für einen Teil der Menschheit.
Umso wichtiger wäre es, klar
herauszuarbeiten, um was es sich dabei
handelt. Offenbar meinst Du nicht die
Rassengesetzgebung, die ja praktisch nur
gegen die Juden gerichtet ist und nicht gegen
die übrigen Völker des euramerikanischen
Kulturkreises. Blutbund muß also etwas
Engeres meinen, entweder die spezifische
Blutsbeschaffenheit des sogenannten
nordischen Menschen, die aber einerseits
nichtdeutsche Völker umfaßt, andererseits für
große Gruppen des deutschen Volkes nicht
zutrifft. So bliebe also nur das deutsche
Volk selbst und die Forderung, jede
Blutsvermischung über seine Grenzen hinaus zu
verhindern und Träger schon vorhandener
Blutsmischungen dieser Art im Sinne der
Rassengesetzgebung zu entrechten. Derartiges
würde die Zerreißung der mehr als
tausendjährigen Tradition bedeuten, daß die
christlich-abendländische Welt eine
einheitliche Völkerfamilie darstellt, eben
weil sie von ihren geschichtlichen Anfängen
an gemeinsam durch das Christentum geformt
ist. Willst gerade Du als Theologe der
deutschen Führung zu einem solchen Schritt
raten, den sie offenbar selbst nicht in
Aussicht genommen hat? Bist gerade Du als
Theologe berufen, der sakramentalen
Blutsgemeinschaft der Christenheit, die durch
das Abendmahl gegeben ist, die
natürlich-geschichtliche Blutsgemeinschaft
überzuordnen? Und wieder frage ich, wie schon
so oft: Wäre es nicht Deine Aufgabe als
Theologe gewesen, gerade wenn Du die
Ursprungsmacht des Blutes so stark
hervorheben wolltest, die Grenze seiner Macht
mit Hilfe der Abendmahlssymbolik
herauszuarbeiten?
Das Originelle an Deiner Staatslehre ist Dein
Begriff des »verborgenen Souverain«. Ich gehe
auf ihn ein, weil er auch ins Theologische
hineinreicht. Du gebrauchst ihn, um dem Staat
den Inhalt zu geben, den er als totaler nötig
hat, und zugleich um gegenüber der älteren
lutherischen Lehre das Revolutionsrecht zu
begründen. Ich beginne mit dem zweiten. Hast
Du Dir nie die Frage vorgelegt, die mir so
oft begegnet ist, die so viele an der
Ehrlichkeit unseres Kirchentums irre gemacht
hat und die so nahe liegt: Wie ist es
möglich, daß eine Kirche, die sich
Jahrhunderte hindurch unter jede, auch die
volksverderbendste feudal-dynastische
Obrigkeit gebeugt hat und bedingungslosen
Gehorsam gerade gegenüber diesen »schlechten
Obrigkeiten« gelehrt hat, in dem Augenblick
diese Lehre vergaß, wo ein Staat geschaffen
wurde, in dem andere als die alten Schichten
die Obrigkeit repräsentierten? In dem
Augenblick, als bestimmte Gruppen ihre
ererbten Privilegien verloren hatten,
entwickelte das Luthertum, vertreten durch
die jungnationale lutherische Theologie, eine
Lehre vom »bedingten Gehorsam«. Wäre hier
nicht die Frage nach dem ideologischen
Charakter beider Lehren am Platze gewesen?
Unter diesem Gesichtspunkt packt mich fast
ein Grauen, wenn Du schreibst: »Es mußte …
dem damalig bestehenden Staat möglichst viel
an Gestaltungsvollmacht entwunden … werden.«
Wessen unbewußtes Werkzeug warst Du, als Du
das tatest und theologisch rechtfertigtest?
Und was für Folgen muß es haben, wenn
das dann theologische Lehre wird?
Der »verborgene Souverain« ist eine mystische
Realität, wenn er eine Realität ist. Niemand
kann aus ihm eine konkrete Entscheidung
ableiten. Jeder kann behaupten und bis zur
Selbstaufopferung sich dafür einsetzen, daß
der je gegenwärtige offene Souverain dem
verborgenen ungehorsam ist. Weder die
altcalvinistische Lehre vom Widerstandsrecht
der unteren Obrigkeiten, noch die
sozialistische vom Klassencharakter des
kapitalistischen Staates gibt ein so
uneingeschränktes, so von allen objektiven
Normen freies Revolutionsrecht wie diese
Lehre. Oder sollte sie nur einmal zur
Anwendung kommen und nie wieder? Aber
verdient sie dann noch den Namen einer Lehre?
Ferner, was bedeutet die Idee des verborgenen
Souverain für das staatliche Handeln selbst?
Sie gibt ihm die Aufgabe, das
natürlich-geschichtliche Volkstum zu bewahren
und zu entfalten, eine im nationalen Staat
selbstverständliche Forderung; aber es ist
schlechterdings nicht einzusehen, wieso die
Idee des verborgenen Souverain darüber hinaus
Neues bringt. Ich vermute darum, sie hat eine
dritte, Dir wohl wichtigste Aufgabe zu
erfüllen: Anstelle des Gottesgnadentums
einerseits, der Volkssouveränität
andererseits soll sie für die Herrschenden
eine Bindung und Verantwortlichkeit schaffen.
Das ist in der Tat in einem Staate, in dem
der Wille eines Menschen einziges Gesetz ist,
von größter Bedeutung. Aber wieder frage ich:
Ist der verborgene Souverain dazu geeignet?
Das Gottesgnadentum gab ein Korrektiv gegen
Willkür, sofern der christliche Gottesgedanke
bestimmte, entfaltete Züge hatte, an denen
das Gewissen des Herrschers sich orientieren
und das Volk die Handlungen des Herrschers
messen konnte. Und die Souveränität des
Volkes stellte sich in meßbarer Form als
Mehrheitswille dar. Der verborgene Souverain
hat keinerlei solche Bestimmtheit. Er gewinnt
sie nach Deiner eigenen Auffassung durch das
jeweilige historische Schicksal, vor allem
durch das Handeln der Herrschenden, denen er
doch Souverain sein soll. Was aber ist ein
Souverain, der von denen geschaffen und
gewandelt wird, die ihm unterworfen sind?
Treibt Dich Dein Wunsch, den autokratischen
Konsequenzen der Zerstörung der Demokratie,
die Du selber fürchtest, zu entgehen, nicht
in einen Mystizismus, aus dem konkret nichts
folgt? Wäre hier nicht gerade ein Realismus,
der wirkliche antiautokratische Korrektive
sucht, richtiger und ehrlicher gewesen als
ein Enthusiasmus, der erklärt, die Rückkehr
zur Autokratie wäre »unwahrscheinlich«. Was
für eine Lehre vom Menschen kann Dich als
Theologen zu einer solchen Erwartung
veranlassen? Und was hat die Kategorie des
»Wahrscheinlichen« in einer grundsätzlichen
Staatslehre zu suchen? Du fühlst selbst die
Schwäche dieses Auswegs in Deiner Erörterung
über Führertum. Du weißt aus der
Kirchengeschichte, daß charismatisches
Führerturn eine Gabe der geschichtlichen
Stunde ist, und zwar, wie Du mit Recht sagst,
bei den Führern und bei den Geführten. Du
weißt auch, daß das Charismatische nach
einsichtigen Gesetzen in das Institutionelle
übergehen muß. Wenn das aber so ist, so kann
Autokratie auf keine andere Weise verhindert
werden als durch Einschaltung von Korrektiven
aristokratischen oder demokratischen
Charakters. Damit aber ist die neue
Staatslehre an dem Punkt angekommen, an den
die religiös-sozialistische Staatslehre
längst gelangt war, nämlich zu dem Satz, daß
Demokratie nicht Konstitutiv, sondern nur
Korrektiv im Staatsaufbau sein kann. (Vgl.
meinen Aufsatz »Der Staat als Erwartung und
Forderung« [Gesammelte Werke, Bd. IX.].) Kann
Dein verborgener Souverain leisten, was die
konkreten Korrektive der Autokratie in aller
höheren Entwicklung der Menschheit geleistet
haben und in Zukunft leisten müssen? Hat
Hegel so ganz unrecht, wenn er in seiner
Geschichtsphilosophie den
christlich-germanischen Freiheitsgedanken dem
asiatisch-vorchristlichen Prinzip der
Despotie entgegenstellt? Und ist nicht in dem
demokratischen Ideal neben dem
stoisch-epikuräischen das
christlich-germanische Element enthalten, die
Wertung des einzelnen Menschen im Unterschied
von seiner völligen Bedeutungslosigkeit im
asiatischen Denken? Wäre z. B. die gesetzlich
uneingeschränkte Verfügungsgewalt eines
Einzelnen über Leben und Tod jedes
Einzelnen aus der christlich-germanischen
Tradition zu rechtfertigen? Hättest Du als
christlich-deutscher Geschichtsphilosoph
nicht die Aufgabe gehabt, auf diese Tradition
historisch und systematisch aufmerksam zu
machen, anstatt ohne jede kritische
Einschränkung eine Haßerklärung gegen alles
Demokratische von Dir zu geben? Auch bei
Deinen Ausführungen über Gleichheits- und
Ungleichheitsgerechtigkeit, denen ich formal
zustimmen kann, hast Du vergessen, zu zeigen,
was Gerechtigkeit in der Ungleichheit
bedeutet. Wäre nicht das ein theologisches
Wort »aus der Stunde« gewesen?
Du schilderst mit begeisterter Zustimmung den
Totalitätsanspruch des von Dir als ideal
gesehenen Staates. (Der wirkliche Staat ist
wesentlich zurückhaltender, z. B. in der
Wirtschaft. Deine Schilderung trifft nur auf
Rußland ganz zu.) Mir ist Deine Zustimmung
besonders interessant, weil ich gerade an
einem Aufsatz [»Der totale Staat und der
Anspruch der Kirchen«, Gesammelte Werke, Bd.
X.] arbeite, in dem ich die Entstehung der
Idee des totalen Staates in Ost- und
Mitteleuropa aus der spätkapitalistischen
Krisensituation (geistig, gesellschaftlich
und ökonomisch) in Ländern ohne
alt-demokratische Durchformung verständlich
zu machen suche, nämlich aus der
Notwendigkeit der »Reintegration« der in
wachsendem Maße desintegrierten Massen. Vor
allem ist mir wichtig, daß auch Du meinst,
für eine solche totale Durchformung müsse
eine Weltanschauung die Grundlage geben; ich
sage dafür, weniger intellektualistisch und
dem gegenwärtigen Sprachgebrauch
angemessener: ein Mythos. Sobald das aber
eingesehen ist (und wir scheinen hier von
verschiedenen Standorten ähnliche
Notwendigkeiten zu sehen), entsteht eine
Reihe schwerer Probleme.
Zunächst ein staatspolitisch-dialektisches.
Der totale Staat muß getragen werden von
Persönlichkeiten, die in »schöpferischer
Verantwortlichkeit« entscheiden. Wie kann es
zu solchen Persönlichkeiten kommen? Wohl
nicht ohne das, was Du selbst »Widerspannung«
gegen die verfestigten Formen nennst. Du
selbst bekennst von Dir, im Widerstand gegen
die staatlichen und geistigen Mächte der
letzten Periode stark geworden zu sein. Die
Demokratie gab Raum, sicher zu viel Raum, zu
solchem Widerstand. Immerhin hat sie nach Dir
der Entwicklung einer einmaligen Fülle von
Führerpersönlichkeiten Raum gegeben. Wie
aber, wenn jeder solcher Raum geistig und
machtmäßig besetzt ist? Wie, wenn keinerlei
Ausweichmöglichkeit da ist, weder innerlich
noch äußerlich? Können Persönlichkeiten
überhaupt, können Führerpersönlichkeiten
insbesondere entstehen, ohne daß ein Raum da
ist, in dem sie durch existentielle
Entscheidung zu der Vollmacht heranreifen,
für andere zu entscheiden? War nicht die
europäische Geschichte von Anfang an so reich
und schöpferisch, weil zu allen Zeiten ein
genügender Ausweichraum da war? Und diese
Frage gilt weiter für das Geistige. Ich
vermisse schmerzlich in einem Buch über die
gegenwärtige geistige Lage einen Abschnitt
über die gegenwärtige Lage des Geistes. Ich
gebe zu, daß dem Geist die Existenz seiner
Träger als bürgerlich gesicherte Lehrbeamte
oder als verhätschelte Literaten sehr
schlecht bekommen ist. Die wirklichen Träger
des Geistes sind darum seit einem Jahrhundert
beiden Existenzformen freiwillig oder
unfreiwillig fern geblieben. Ich behaupte im
Gegensatz zu manchen Liberalen, daß
Unsicherheit, Verfolgung, Heimatlosigkeit,
Gefängnis und Todesdrohung dem wirklichen
Geist nie haben schaden können und ihm auch
jetzt dienen werden. Aber es gibt hier eine
Grenze. Um bedroht und verfolgt zu werden,
muß der Geist erst einmal da sein; und um da
zu sein, muß er einen Raum haben, in dem er
durch Nein-sagen zum Ja-sagen kommen kann. Es
ist der erste Schritt alles Geistes, nein zu
sagen zum unmittelbar Gegebenen. Widerspricht
es nicht der Totalitätsidee, wie Du sie
schilderst, Raum für die Entwicklung eines
existentiellen Nein zu geben? Es hat Staaten
gegeben, die dem Geist diesen Raum versagt
und ihn in sich zerstört haben. Hat Dich der
Ernst dieser Frage nie gestört in Deiner
enthusiastischen Schilderung des totalen
Staates und in der Forderung rücksichtslosen
Zugreifens, das besser sei als überreden?
Gibt es nicht zwischen beiden die Kategorie
des »Überzeugens« – nicht durch Worte,
sondern auch durch das Herstellen
symbolkräftiger Wirklichkeiten? Wo bleiben
solche Erwägungen bei jemandem, der sich
gleichzeitig auf Sokrates beruft?
4. Einen Ausweichraum
braucht vor allem die Kirche. Was wäre aus
Urchristentum und Protestantismus geworden,
wenn sie ihn von Anfang an nicht gehabt
hätten und nicht hätten reifen können bis zu
den Entscheidungsschlachten gegen die Mächte,
die beiden ihren Raum wieder nehmen wollten?
Nun überläßt Du der katholischen Kirche
diskussionslos einen solchen Raum. Du
sprichst ihr geschichtliche
Lebensmöglichkeiten zu, die unabhängig sind
vom Schicksal des deutschen Volkes, und Du
greifst diese Lebensmöglichkeiten nicht an,
wenn Du sie wohl auch bedauerst. Der
evangelischen Kirche sprichst Du eine solche
unabhängige Lebensmöglimkeit ab. Die
Todeskrise des Volkes war auch Todeskrise der
Kirche. Die »Morgensonne des Volks schießt
ihre Strahlen« auch für die Kirche. Nun waren
wir darin einig, daß ein totaler Staat mit
seinem Anspruch an den ganzen Menschen nur
möglich ist in der Kraft einer
Weltanschauung, die alle Seiten des
Menschlichen ergreift, eines Mythos. Man
darf, sagst Du mit Recht, den
Nationalsozialismus nicht als eine bloße
Bewegung betrachten, der nur ein »Teil des
menschlichen Daseins überantwortet« ist. Denn
nur religiös gefüllte, nicht rational
produzierte Weltanschauung hat solche Kraft.
Wenn es sich aber um einen Mythos handelt, so
ist die Frage, die Du selbst stellst,
allerdings sehr ernst, ob dieser Mythos »der
tragende, natürlich geschichtliche
Lebensgrund und Schaffensraum ist für
deutsche Menschen evangelischen Glaubens und
evangelischen Geistes«, ob das neue Bild des
deutschen Menschen und das alte Bild des
Christenmenschen zusammenstimmen. Ich habe
nicht zu untersuchen, ob sie es tun. Ich habe
mich, wie in diesem ganzen Brief, nur um das
Methodische, um das theologische Prinzip zu
bemühen. Und da frage ich nun: Wer hat das zu
entscheiden? Eine ernsthafte Entscheidung ist
nur eine solche, in der das Nein möglich ist.
Ist der Anspruch des totalen Staates
berechtigt, so hat sich ihm die
protestantische Theologie zu unterwerfen, da
ihr ja nach Dir eine eigene geschichtliche
Existenz fehlt. Sagt nun der Staat: Nein, sie
stimmen nicht zusammen, so hätte sich die
Kirche aufzugeben zugunsten des neuen, die
Totalität des Staates konstituierenden
Mythos. Die Gefahr, daß er offen nein sagt,
ist groß. Wie aber, wenn er versteckt,
vielleicht unbewußt nein sagt, wenn
maßgebende Führer bestimmte Züge aus dem
Bilde des Christenmenschen auswischen oder
übermalen, die mit dem neuen Bilde des
deutschen Menschen nicht übereinstimmen?
Warum hast Du diese Möglichkeit, die doch
schon vielfach Wirklichkeit geworden ist,
nicht zum eigentlichen Problem gemacht? Aber
auch die andere Möglichkeit ist da, daß
Kirche und Theologie die Übereinstimmung
beider Bilder in Frage stellen. Gewährst Du
ihnen dann den gleichen Ausweichraum wie der
katholischen Kirche? Und wenn Du es tätest,
was würde dann aus dem staatlichen
Totalitätsanspruch, da doch auch die Kirchen
den ganzen Menschen beanspruchen? An dieser
Stelle liegen die Probleme, die bei dem
überall aufbrechenden Totalitätsanspruch des
Staates für Protestantismus und Christentum
entscheidend sein werden und an denen Du in
Deinem Buch – ja, ich muß es sagen –
enthusiastisch vorbeiredest. Oder willst Du
eine Lösung andeuten, wenn Du die
uneinheitIiche, Deinen Forderungen
widerstrebende protestantische Theologie mit
folgenden Worten bedrohst: »Muß erst ein
Zwingherr kommen und gebietende Lehre über
uns alle setzen, so zerbräche in uns das
Reformatorische.« Bist Du geneigt, den
Zwingherrn zu rufen, wenn die Theologie nein
zu der von Dir vorausgesetzten Einheit sagt?
Bist Du bereit, das Protestantische dafür zu
opfern? Du sprichst hier, wie der Religiöse
Sozialismus hätte sprechen müssen, wenn er
Religiöser Bolschewismus gewesen wäre. Er
sprach nicht so. Aber wenn auch Du nicht so
sprechen wolltest, was bedeutet dann dieser
Drohsatz, was bedeutet dann Deine
ungebrochene Anerkennung des staatlichen
Totalitätsanspruchs über das hinaus, was der
wirkliche Staat tut? Was bedeutet die
Aufopferung eines eigenen geschichtlichen
Raumes des deutschen und sogar des
Weltprotestantismus?
In Deinen weiteren Ausführungen über die
Kirche kann ich eine erfreuliche
übereinstimmung zwischen Barth, Dir und mir
feststellen. Wir bedauern alle nicht, daß der
Staat der Kirche eine Reihe sozialer und
kultureller Werke abgenommen hat und daß sie
sich nun besser auf ihr eigenes Werk besinnen
kann. Aber über Deine positiven
Formulierungen waren wir im Berneuchener
Kreis schon längst hinaus. Wir gaben der
Kirche außer Wortverkündigung und Meditation
die Aufgabe, in sich symbolisch-repräsentativ
den christlichen Liebesgedanken in sozialen
Gestaltungen zu verwirklichen und so für den
Staat ein eindrucksvoller Hinweis auf die
Grenzen alles erzwingbaren Handelns und auf
eine Wirklichkeit höherer Ordnung zu sein.
Doch könnten wir uns hierüber vielleicht
einigen, wenn Du einen Raum für solch
christlich-repräsentatives Handeln im totalen
Staat zugestehen würdest. Keinerlei Einigung
ist aber möglich mit folgenden Sätzen von
Dir: »Allein Führung als heißer Wille …, die
Verkündiger und die kirchlichen Helfer und
Arbeiter und alle lebendigen Frommen mit
allem, was sie an Gut und Arbeit und Gaben
haben, in die werdenden Formen und
Gestaltungen volkhaft-staatlichen Lebens
hinüberzureißen, kann unsere Kirche davor
bewahren, jetzt eine tote Kirche zu werden …«
Hierzu kann ich nur sagen: Zunächst
verwechselst Du die Aufgabe der staatlichen
und der kirchlichen Führung. Der Staat wird
das Interesse haben, wie jeder seiner Bürger,
so auch die kirchlichen Verkünder und
Arbeiter seinem Leben aktiv einzuordnen. Aber
selbst der Staat kann wenig Interesse an
einer Kirche haben, deren Führung ihm das
nachmacht – mit unvollkommeneren Mitteln, als
er es kann –, anstatt ihre eigene Aufgabe zu
erfüllen und ihre Verkünder und Helfer in das
kommende Reich Gottes »hereinzureißen«. Ob
die Kirche eine lebendige oder tote ist,
hängt davon ab, mit welcher Kraft sie das
Reich Gottes erwartet und der Stunde gemäß
hinweisend zu verwirklichen sucht, von nichts
anderem. Das Urteil darüber, welches die
Stunde ist und wie sie aussieht, ist Wagnis.
Und es kann ein Zeichen höchster Lebendigkeit
sein, wenn verschiedene Wagnisse in der
gleichen Kirche unternommen werden und
miteinander ringen. Wenn Du eine Kirche für
tot erklärst, die Dein Wagnis nicht einmütig
mitmacht, so beanspruchst Du, daß es mehr ist
als ein Wagnis, so stellst Du Dich mit Deinem
Wagnis nicht unter das Kreuz, sondern erhebst
es zu dem Range einer Offenbarung neben dem
Kreuz.
5. In meinen »Grundlinien
des Religiösen Sozialismus« [Gesammelte
Werke, Bd. II.] habe ich ein
»Reservatum« und ein »Obligatum
religiosum« unterschieden. Das
Reservatum entspricht der Haltung
der neutestamentlichen Zeit, die insofern,
wie Du mit Recht sagst, einseitig und
zeitbedingt war, als sie kein direktes
Obligatum für Volk, Staat, Kultur,
Gesellschaft fühlen konnte. Das
Obligatum ohne Reservatum
ist Deine Haltung. Du gibst zwar dem
Einzelnen ein Reservatum, das
persönliche Verhältnis zu Gott; nicht aber
der Kirche, der Du einen selbständigen
geschichtlichen Ort bestreitest. Damit aber
hebst Du sie auf, machst sie ohnmächtig
gegenüber den Weltanschauungen oder Mythen,
die den totalen Staat tragen. Und es ist
nicht angängig, obwohl es ein alter Ausweg
ist, diese Wehrlosigkeit, wie Du es nennst,
in eine Kraft umzudeuten. Der Protestantismus
ist auch ohnedies wehrlos genug. Gäbe es aber
kein Reservatum, auf das er sich vor
den geschichtlichen Mächten zurückziehen
könnte, so wäre er nicht nur wehrlos, so wäre
er längst nicht mehr da. Der Religiöse
Sozialismus wußte, als er die Lehre vom
Reservatum religiosum annahm, daß er
das Religiöse niemals in das Sozialistische
auflösen darf, daß die Kirche etwas ist, auch
abgesehen von dem Kairos, d. h. von
der Verheißung und Forderung, die er in dem
weithin sichtbaren Anbruch sozialer und
geistiger Neuordnung der Gesellschaft sah. Du
hast das Obligatum übernommen, aber
das Reservatum preisgegeben – der
Vorwurf, der im Grunde das Thema meines
ganzen Briefes ist. Du kannst ihm nicht so
entgehen, wie Du es in Deinem letzten Brief
an mich versuchst und im Buche wiederholt
andeutest. Du bestreitest, ein
Reservatum gegenüber dem
Zeitgeschehen nötig zu haben, weil Dein
persönliches Gottesverhältnis Dir den Mut
geben könne, mit ungebrochenem Ja in eine
geschichtliche Bewegung hineinzugehen. Ich
zitiere den entsprechenden Satz Deines
Buches: »Wo wir aus dem diese Wahrheit (des
Evangeliums) gehorchenden Glauben heraus den
Mut haben, mit unserem Ja in ein
Menschlich-Geschichtliches hinein zu gehen,
da geht die unergründliche Hoheit der
Wahrheit mit uns und waltet nun nach ihrer
Weise an diesem Menschlich-Geschichtlichen.«
Zu dem ganzen Gedankengang kann ich nur
sagen, daß nicht nur ich, sondern auch andere
von ihm erschreckt und zurückgestoßen waren.
Daß jeder von uns sein Wagnis, sich für diese
endliche Möglichkeit entschieden zu haben,
tragen und vor der Ewigkeit verantworten muß
und daß wir dabei, wie in all unserem Tun,
auf Gnade angewiesen sind, steht für den
Christen fest. Aber daraus das Recht
abzuleiten, zu dieser Endlichkeit ein
ungebrochenes religiöses und theologisches Ja
zu sagen, kann daraus nicht nur nicht
abgeleitet werden, sondern steht in vollem
Widerspruch zu unserer menschlichen
Situation. Wir sollen und müssen hineingehen
in Endlichkeiten, in
Menschlich-Geschichtliches. Wenn wir aber im
Bewußtsein »der unergründlichen Hoheit der
Wahrheit«, also als Christen, als Theologen
hineingehen, so ist es uns mehr als jedem
anderen, der nicht von diesem Bewußtsein
erfüllt ist, verwehrt, einem Enthusiasmus zu
verfallen, der ja sagt, wo nie anders als ja
und nein zugleich gesagt werden darf. Falsch
wäre es, wollten wir uns um deswillen
überhaupt nicht entscheiden, auch religiös
und theologisch im Sinne des Wagnisses
entscheiden, um in unserer Theologie dem
Gericht zu entgehen, das über alles
Menschlich-Geschichtliche ergeht. Weder Du
noch wir haben versucht, ihm zu entgehen. Das
verbindet uns. Du aber hast ja gesagt,
während wir nur im Zusammenhang mit
vielfachem nein ja sagen konnten; nicht weil
wir unsere Sache für schlechter hielten, sie
war ja unser Wagnis, sondern weil wir
glaubten, daß vom Ewigen her nie anders über
ein Endliches und zu einem Endlichen
gesprochen werden darf.
Du hast mir einmal geschrieben, daß ich ein
Buch schreiben solle, das Deutschland in
seiner gegenwärtigen Lage nützen könnte. Ich
wage zu glauben, daß dieser Brief ihm mehr
nützen kann als Dein Buch und viele
seinesgleichen von geringerem Wert. Denn wenn
die Gedanken dieses Briefes tief in das
Bewußtsein vieler Deutscher eindringen
würden, wenn aus Enthusiasten gläubige
Realisten würden, so würde die ungeheure
Gefahr eingeschränkt werden, die Du vermehrt
hast, daß Enthusiasmus im Kleinen oder Großen
umschlägt in Enttäuschung. Und davor das
schicksalsbedrängte deutsche Volk zu
bewahren, wäre der größte Dienst, der ihm
heute geleistet werden könnte und der alle
anderen philosophischen und theologischen
Dienste einschlösse.
Mit herzlichem Gruß
Dein Paul.
Aus: Theologische Blätter, 13.
Jahrgang, Nr. 11, November 1934
BCAB-05998-0
W e r n e r S c h ü s s l e r : P a u l T i l l i c h

Werke: Die
religionsgeschichtliche Konstruktion in
Schellings positiver Philosophie, ihre
Voraussetzungen und Prinzipien, 1910 (zugl.
phil. Diss. Breslau); Mystik und
Schuldbewußtsein in Schellings
philosophischer Entwicklung, 1912 (zugl.
theol. Diss. Halle); Der Begriff des
Übernatürlichen, sein dialektischer Charakter
und das Prinzip der Identität, dargestellt an
der supranaturalistischen Theologie vor
Schleiermacher, 1915 (zugl. theol. Habil.
Halle, Teildruck); Über die Idee einer
Theologie der Kultur, in:
Religionsphilosophie der Kultur. Zwei
Entwürfe von Gustav Radbruch und Paul
Tillich, 1919 (19212), 29-52;
Christentum und Sozialismus, in: Das neue
Deutschland, 8, 1919, 106-110; Masse und
Religion, in: Blätter für Religiösen
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