E X A C T E V E R L A G S U N F Ä H I G K E I T
Walter
Benjamin
Kairos. Schriften zur Philosophie
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Ralf
Konersmann. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2007
(suhrkamp taschenbücher wissenschaft ; Bd. 1842); 355
S., € 13,00. ISBN : 978-3-518-29442-0
(Erscheinungsdatum: 13. oder 22. oder 27.08.2007)
κ α ι ρ ό ς
Vom Bildhauer Lysippos wird er als blühender
Jüngling mit geflügelten Schuhen dargestellt, dem
eine Haarlocke in die Stirn fällt, während er am
Hinterkopf nur spärliche Anzeichen von Haarwuchs
erkennen lässt. Die Redensart, »die Gelegenheit
beim Schopf« zu packen, wird auf diese Darstellung
des Gottes zurückgeführt. Dementsprechend
bezeichnet man in der Psychologie die Angst,
Entscheidungen zu fällen, als Kairophobie.
Manchmal wird er in Gegensatz zu seinem Großvater
Kronos, lat. Saturn gestellt, aber »Kronos« ist
nicht identisch mit Chronos, dem Gott der Zeit. Im
biblischen Sprachgebrauch ist Kairos der richtige
Zeitpunkt im Gegensatz zu Chronos, der Zeit im
Allgemeinen.
Reste eines Kairos-Reliefs befinden sich im
Benediktiner-Kloster der kroatischen Hafenstadt
Trogir.
Im Christentum wird daher auch gerne Jesus Christus
als kairos im Sinne der »erfüllten Zeit«
bezeichnet.
κ α ι ρ ό ς : Z u r G e s c h i c h t e d e s B e g r i f f s

Pandaros hat
to kairio,
die richtige, nämlich eben tödliche Stelle am
Körper des Menelaos nicht getroffen; er hat
den
kairos verfehlt.
Apollon, nicht nur Gott der Künstler und der
Dichter, sondern auch derjenige, der durch seine
Pfeile, von einem silbernen Bogen abgeschossen, den
Männern den Tod bringt, hat das Geschoß nicht ins
Ziel gelenkt. Athene allerdings hat ihr Ziel
erreicht. Sie hat durch ihre Intervention den
Augenblick, in dem sich die Heere gegenüber stehen,
in dem die Zeit zu stocken scheint, weil er der
Augenblick der Entscheidung über Krieg oder Frieden
ist, in ihrem Sinne genutzt.
Der Krieg bricht aus. Sein Klang ist die dröhnende
Sehne des Bogens und sein Symbol der geschärfte
Pfeil, der in die Lücke der stockenden Zeit
springt. Apollon hat sein Instrument, die
Leier
(lyra) umgedreht.
Aus ihr ist ein Bogen
(biós) geworden.
»Nun ist der Bogen dem Namen nach Leben
(bíos),
in der Tat aber Tod
(thanatos)«.
[05]

Kairos heißt also: die richtige Stelle, die, die man treffen muß, und meinte ursprünglich »die dreieckige Öffnung (…), die beim Weben entsteht, wenn die Kettfäden gehoben bzw. gesenkt werden, um den Schußfaden oder Einschlag hindurchzulassen«. [06]
Ein Gewebe, das kairoeis ist, ist gut gekettet, fest gewebt. Die beim Weben entstehende Lücke ist räumlich klein und zeitlich begrenzt. So verbindet sich hier die Bedeutung der richtigen Stelle bereits mit dem richtigen Moment. Doch das Gewebe, das so entsteht, ist für die Griechen das Werk, das Wirken der beiden streitenden Brüder Zeus und Poseidon: »Siehe, das Seil des mächtigen Streits und des verheerenden Krieges spannten sie wechselnd aus um beide kämpfenden Völker, unzerreißbar, unlöslich, das viele riß ins Verderben«. [07]
An das von Göttern gewirkte Gewebe des Schicksals bleiben die Menschen gebunden. Der kairos ist also wertneutral: Was für den einen ein vollkommenes Gelingen darstellt, kann für den anderen Tod und Verderben bringen.
Kairos ist über keiro (abschneiden) mit krinein verwandt. Das heißt scheiden, trennen, unterscheiden, aber auch entscheiden, ein Urteil fällen. Das Substantiv dazu heißt krisis. Die krisis ist die Trennung, der Einschnitt, bedeutet aber auch Entscheidung eines Wettkampfes, eines Streites, auch eines Rechtsstreites, und dann heißt krisis Gericht.
Kairos ist also in seiner temporalen Bedeutung eine Krise der Zeit. Im kairos werden die Zeiten unterschieden. Der Pfeil des Pandaros unterscheidet Friedenszeit und Kriegszeit, er entscheidet über Krieg und Frieden und scheidet damit die Zeit (chronos) in zwei Hälften, eine davor und eine danach. Dadurch, daß kairos die Mitte der Zeiten ist, wird er zum Maß (metrion) der Zeit.
Eine Zeit dauert von kairos zu kairos bzw. von krisis zu krisis, nicht etwa, wie z. B. Zenon schon und später Augustinus meinten von nyn zu nyn, jetzt zu jetzt, denn dem Jetzt fehlt eben das Entscheidende, die Unterscheidung, das kriterion.
Jedes Jetzt ist genau gleichwertig zu jedem anderen Jetzt, so wie die Punkte einer Geraden gleichwertig und unendlich an der Zahl sind. Jeder Mensch weiß, daß er nicht unendlich viele Gelegenheiten bekommen wird, etwas zu tun. Und jeder weiß auch, daß diese Gelegenheiten nicht gleich gut sein werden, sondern daß man eben die richtige, den kairos finden muß. Dieser kairos, als Krise des chronos, ist das Maß der Zeit, im Sinne von kriterion und metrion: Er mißt die Zeitspanne, ist das Maß und daher selbst nicht meßbar.
Daher hat der kairos für die Griechen nicht nur praktische, sondern auch ästhetische Bedeutung: Als Maß erzeugt er Symmetrie, Schönheit, zusammenstimmen der Teile, harmonia.
Wie der richtige, der goldene Schnitt in der Proportion nicht meßbar, berechenbar ist, so ist der Schnitt in der Zeit auch unberechenbar. Er ist als Maß der Zeit selbst nicht in der Zeit sondern überzeitlich, so daß sich Platon verwundern konnte: «Dieses wunderbare Wesen (atopos), der Augenblick (eksaiphnês), liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als außer aller Zeit seiend, und in ihm und aus ihm geht das bewegte über zur Ruhe, und das ruhende zur Bewegung«. [08]
Es ist dieses erstaunliche Moment des Anfangs oder Endes, das eben kein Übergang sondern ein Ur-sprung ist, der dem griechischen Denken eigentlich fremd ist: Das Anheben der Stimme zum Sprechen, das plötzliche Abbrechen der Musik, das die folgende Stille noch stiller zu machen scheint, der Umschlag von Sein in Nichtsein oder vom Nichtsein in Sein, in dem der kairos (oder die krisis) die Achse (harmos) ist. A-topos heißt wörtlich ›nicht am Ort‹, ›fehl am Platz‹, ›unanständig‹.
Mit solchem Ursprung, Anfang im Anheben der Stimme beginnt die Geschichte des Volkes Israel: »Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht«. [09]
Der zum Sprechen nötige, kaum hörbare, die Stille unterbrechende Hauch im Anheben der Stimme (a-spiration), das ist der Odem des Lebens, Hauch, Wind, Klang und Geist pneuma, spiritus.
Im kairos des Anfangs wird er in die Welt hinein gesprochen und dem Menschen eingehaucht. Auf den kairos der Schöpfung antwortet die freie Tat des Menschen: Der Fall, die krisis der Vertreibung. Dies ist nach biblischem Verständis der Beginn der Lebenszeit (aion) der Welt, dieser Welt, unserer Zeit, der Geschichte.
Es ist der Beginn von Werden und Vergehen, der Zeit (chronos) als Kronos, der seine Kinder auffrißt. Seitdem ist dieser Wind in der Geschichte, »ein Sturm weht vom Paradiese her«, der sich in den Flügeln des Engels der Geschichte verfangen hat, »und der so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann«. [10]
Benjamins Geschichtsengel ist eine von Paul Klees »Angelus Novus« und Albrecht Dürers »Melencolia I« ausgehende Abwandlung der Allegorie der Zeit. Die Zeit hat Flügel, verfliegt und hinter (unter) ihr häufen sich die Trümmer der vergänglichen Dinge. Die geflügelte Zeit wird zur wissenden Melancholie: Sie blickt zurück, sie kann den Blick von der Trümmerlandschaft nicht abwenden. Sie bleibt stehen, aber der Wind treibt sie weiter.
Die Melancholie ist die Krankheit der Dichter, der Künstler und der Philosophen: »Ach! Was ist alles diß / was wir vor köstlich achten / als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub und Wind; Als eine Wisen-Blum / die man nicht wider findt«. [11]
Der Dichter benutzt die biblischen Bilder, die Metaphern des alten Testaments, der Propheten Jesaja und des Predigers Kohelet: »Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich«. [12]
Der Odem, der Hauch des Lebens, Seele und Geist, ist hier zum Sturm der Zeit geworden. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des hebräischen Textes, sagt an beiden Stellen: pneuma: Wind, Hauch, Geist. »Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger«, »ta panta mataiotês«, es ist alles vergänglich. »Und ich richtete mein Herz darauf, daß ich lernte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr, daß auch dies ein Haschen nach Wind (pneuma) ist«. [13]
Der Prediger Kohelet ist einer der großen Melancholiker der Weltliteratur, aber er weiß, was das Fallen der Zeit mißt, woran der Wind sich bricht, was den gefräßigen Kronos innehalten läßt. Nicht auf- oder anhalten kann man die Zeit, aber zum Stocken bringen: »Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde (kairos): geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit«. [14]
Alles, was man tun kann, hat seinen kairos, seinen richtigen Moment. Dieser Moment ist ein Einschnitt im Fließen des chronos. Er teilt die Zeit, rhythmisiert sie und macht sie so zur Harmonie: Zusammenstimmung des Gegenstrebigen. [15]
Den kairos aber bestimmen, herbeiführen oder berechnen zu wollen ist »Haschen nach Wind« (proairesis pneumatos): Niemand weiß die Stunde der Geburt oder des Todes. Nur das, daß sie kommt, kann man wissen. Man weiß und muß wissen, daß man sterblich ist.
Hier zeigt sich das jüdisch-christliche Verständnis von Geschichte: Zeit heißt Frist, Zeit ist immer nur von kairos zu kairos und vom Anfang auf das Ende (eschaton) hin. Genauer: Geschichte kann sich immer nur verstehen vom Ende her.
Das meinte der Psalmist, wenn er sagte, Gott sei «von Ewigkeit zu Ewigkeit« [16], von aion zu aion nämlich, von einem Weltalter zum anderen, vom kairos der Schöpfung zur krisis, dem Gericht, von diesem aion zum kommenden aion und noch darüber hinaus.
Das gesamte neue Testament erzählt eigentlich nur vom kairos der Inkarnation, vom bereits gekommenen Messias und der jetzt bevorstehenden Krise des Gerichts, der Apokalypse. »Die Zeit ist erfüllt kairos, und das Reich Gottes ist herbeigekommen«. [17]
Daher die Rede vom kairos als Fülle der Zeit bzw. vom Einbruch der Ewigkeit in die Zeit, das heißt Menschwerdung Gottes, Inkarnation und Erlösung.
Dieses biblische Verständnis von Geschichte (= unserer, dieser Zeit) ist zwar in seiner Radikalität, die in der unmittelbaren Erwartung des Endgerichts und dem Anbruch des neuen aion liegt, im Laufe der Jahrhunderte sehr abgeschwächt worden, aber es ist doch für unser europäisches Denken immer noch bestimmend geblieben.
An dessen Beginn konnte Augustinus sagen: »Denn was Zeitspanne ist, messen wir nur von einem Anfang bis zu einem Ende« [18] und nur vorsichtig vermuten, daß dann, weil sonst nichts zu messen da sei, die Zeit in der Ausdehnung des Geistes (distentionem animi) bestehen müsse. [19]
Geist oder Seele, lateinisch animus, kommt vom griechischen anemos und heißt Lufthauch, Wind, Sturm.
Bei Hegel kann man sowohl den kairos im Sinne des plötzlichen Umschlagens als »Moment« der Geschichte, in der Aufhebung nämlich, wiederfinden, als auch die Beschreibung der Zeit als »Sein, das, indem es ist, nicht ist, und indem es nicht ist, ist: Das angeschaute Werden« [20], sowie den Gedanken der zum Ende kommenden Geschichte.
Heidegger dagegen greift Augustinus wieder auf, um zu behaupten, das Dasein, als das »Seiende, das wir je selbst sind« [21] sei eigentlich »Sein zum Tode« als »Vorlaufen in ein Seinkönnen des Seienden, dessen Seinsart das Vorlaufen selbst ist«. [22]
Von ihm ungesehen blieb gleichsam, daß in der Ausdehnung des Geistes in die Zukunft als Möglichkeit des Seinkönnens, die Heidegger »Vorlaufen« nennt, der Geist nicht nur der jemeinige ist, sondern der Atem der Geschichte selbst.
Die Entscheidung des Todes wird fallen, aber nicht als meine eigene. Das Ich kann die Last der Eigentlichkeit nur bedingt ertragen. Deshalb ist Heideggers Philosophie als Philosophie der Zeit auch eine der Angst, und nicht des Maßes – während Benjamins Geschichtsengel ein Engel der misslichen Melancholie ist.
Der kairos aber hat in den letzten 150 Jahren Geistes(!)geschichte eine rasante Karriere gemacht, um dann fast völlig zu verschwinden.
Vielleicht war der letzte große Denker des kairos der Jurist Carl Schmitt, der allerdings versuchte, den Einschnitt selbst noch einmal zu scheiden und ihn der Politik zu unterwerfen: Freund und Feind mit ihm zu unterscheiden. Er unterscheidet occasio (die günstige Gelegenheit, gute Umstände) von decisio (die Entscheidung, der Abschluß, dazu das Verb decidere: abschneiden, abhauen).
Seinen Feinden wirft er vor, sie seien »Occasionalisten«, Romantiker, diskutierendes, träges Gesindel. Er selbst stellt sich in die Tradition der »Dezisionisten«: Pascal, Kierkegaard, Donoso Cortés. Ihm entging allderdings, daß Gelegenheit und Entscheidung zwei Seiten derselben Medaille sind: kairos und krisis.
Seit der letzten großen Krise, dem 2. Weltkrieg, der wider Erwarten keine Apokalypse war, obwohl zeitweise der Antichrist entfesselt schien, ist die Rede vom kairos fast völlig verstummt. Kein Schnitt mehr gliedert die Zeit. Kein Maß mehr, um Symmetrie in den gleichgültigen Ablauf zu bringen. Nur selten noch Hoch-Zeiten: Feste und Spiele, die dann auch kairoi, Aus-zeiten sind. Stattdessen chronos phagos, Kronos der Fresser, ungehemmter Zeitverbrauch, Konsum, Hektik und postmoderne Langeweile.
Beruhigend nur, daß die Zeit »bloß nichts zu nichts bringen« kann, sie kann »nur das Sterbliche zum Tode verurteilen«. [23]
Und sie frißt nicht nur ihre Kinder, sie zehrt an sich selbst, sie ist im Grunde Autophagus: Nichts »als Schatten / Staub und Wind; als eine Wisen-Blum / die man nicht wider findt«.
Anmerkungen:
[01] Homer, Illias IV, übers. v. Hans Rupé, München 1961 [02] ebd., IV, 100ff [03] ebd., IV, 125f [04] ebd., IV, 184ff
[05] Heraklit, Fragment B 48 (Diels/Kranz), übers. v. Bruno Snell, München/Zürich 8/1983
[06] Manfred Kerkhoff, Zum antiken Begriff des Kairos, in: Zeitschr. f. philos. Forsch., 27 (1973), S. 259
[07] Homer, Illias XIII, 358ff
[08] Platon, Parmenides 156 d-e, übers. von Friedrich Schleiermacher [09] 1. Mose 1,3
[10] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. II·2, Frankfurt am Main 1977, S. 432
[11] Andreas Gryphius, Gedichte. Eine Auswahl, hg. v. Adalbert Elschenbroich, Stuttgart 1968, S. 5
[12] Jes. 40, 6-8
[13] Pred.1,17
[14] Pred. 3, 1-4
[15] Vgl. Heraklit, Fragment B 51
[16] Ps. 90,2
[17] Mk. 1, 15
[18] Augustinus, Bekenntnisse XI, übers. v. Joseph Bernhart, Frankfurt a. M. 1987
[19] ebd., 26, 33
[20] G.W.F. Hegel, Encyclopädie der philos. Wissenschaften § 258 (Theorie-Werkausgabe Bd. 9, S. 48)
[21] Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 17/1993, S. 7
[22] ebd., S. 262
[23] Massimo Cacciari, Zeit ohne Kronos. Essays, Klagenfurt 1986, S. 16
S p u r e n B e n j a m i n s
Martin Blobel
POLIS UND KOSMOPOLIS
Band
1
Nachrevolutionärer Totenkult und Politikbegriff in
Benjamins frühem »Passagenwerk«.
Band 2
Politik im Kairos.
Kritische Revision der politischen Bewegungen im
Paris des neunzehnten Jahrhunders in Walter Benjamins
mittlerem »Passagenwerk«.
Band 3
Selbstbehauptung in Gesten der autonomen Kunst und
des Tricksters.
Zur politologischen Interpretation der Poetik
Baudelaires in Walter Benjamins spätem
»Passagenwerk«.
Würzburg : Königshausen & Neumann, 1999-2000;
250, 259; 191 S. (Epistemata. Würzburger
wissenschaftliche Schriftenreihe, Reihe
Literaturwissenschaft, 292; 311; 312).
***
Zur besonderen Rezeption von Benjamins
Geschichtsphilosophie
– und dessen weitreichender Exegese des Kairos –
im Werk des Schriftstellers und Filmemachers
Alexander Kluge siehe den Aufsatz
Christian
Schulte
KAIROS
UND AURA
Spuren Benjamins im Werk Alexander
Kluges
[PDF-Dokument · 15 Seiten]
1 9 3 4
PAUL TILLICH
Die Theologie des Kairos und die gegenwärtige geistige Lage
Offener Brief an Emanuel Hirsch, Göttingen, von Paul Tillich, z. Zt. New York

New York, am 1.
Oktober 1934.
Union Theological Seminary.
Lieber Emanuel!
Die spannungsreiche
Einheit unserer persönlichen Freundschaft und
sachlichen Gegnerschaft ist mir nie stärker zum
Bewußtsein gekommen als beim Lesen Deines neuen
Buches: »Die gegenwärtige geistige Lage im
Spiegel philosophischer und theologischer
Besinnung«. Ich stimme dem Urteil Karl Barths
über seine Bedeutung zu und glaube darüber hinaus
fühlen zu können, um was es Dir geht. Zugleich weiß
ich mich verpflichtet, ihm mit der sachlichen
Schärfe entgegenzutreten, die unsere
wissenschaftlichen Gespräche immer gehabt haben und
die in diesem Augenblick, wo das Ganze unserer
geistigen Existenz in Frage steht, nötiger ist denn
je. Während die Briefform den Willen ausdrückt, den
Gesprächscharakter unserer Auseinandersetzung
aufrecht zu erhalten, bedeutet die Öffentlichkeit,
zu der mich die Öffentlichkeit Deines Buches
zwingt, daß wir nicht ein Privatgespräch zu führen,
sondern um die widerstreitenden Prinzipien, die
seit Jahren mit unseren Namen verbunden sind, zu
ringen haben. In diesem doppelten Sinne bitte ich
Dich, diesen Brief aufzufassen, der mir schwerer
geworden ist als je ein anderer.
Dein letztes Buch hat ein großes Erstaunen bei mir
und anderen ausgelöst. (Vgl. den Bericht von
Pfarrer Aé in der »Jungen Kirche«, sowie
verschiedene Briefe, die ich erhalten habe.) Das
Erstaunen gründet sich auf die Tatsache, daß Du, um
die neue Wendung der deutschen Geschichte
theologisch zu deuten, alle entscheidenden Begriffe
des vierzehn Jahre lang von Dir bekämpften und nun
äußerlich überwundenen Gegners gebrauchst. Nun
könnte mich das freuen als ein Beweis für die
geistige Kraft unserer religiös-sozialistischen
Gedankenarbeit, von der auch der siegreiche Gegner
leben muß. Aber diese Freude ist durch ein
Doppeltes getrübt: einmal durch die Tatsache, daß
Du Deine Übereinstimmung mit den
religiös-sozialistischen Kategorien geflissentlich
verhüllst, und zweitens durch die Tatsache, daß
Deine Verwendung dieser Kategorien sie um ihren
tiefsten Sinn bringst. Aus diesen beiden Gründen
schreibe ich diesen Brief. So gern ich persönlich
für lange Zeit geschwiegen hätte, der Gebrauch und
Mißbrauch der mit meinem Namen verknüpften
Kairos-Lehre durch Dein Buch zwingt mich
zum Reden.
Das, was ich zuerst sagen möchte, hält sich im
Rahmen dieser persönlichen Einleitung. Es ist mir
das Schwerste, aber es muß gesagt werden und muß
klar und offen gesagt werden. Denn es betrifft das
entscheidende Verhältnis der wissenschaftlichen
Wahrhaftigkeit zu den Erfordernissen des
politischen Kampfes. Mir scheint in einer Zeit, in
der da Politische – bei uns allen – eine nie
geahnte, alles überragende Bedeutung bekommen hat,
in der nach Lage der Welt wenig Aussicht besteht
daß es in absehbarer Zeit diese Bedeutung verlieren
wird, in der nicht zufällig »der Feind« zu der
existentiellen Kategorie geschichtlichen Denkens
erhoben ist, in solcher Zeit scheint es mir nötig
zu sein, daß man sich über das Verhältnis des
wissenschaftlichen zum politische Ethos zum
mindesten für sein eigenes Verhalten klar wird. Nun
muß ich gestehen, daß im – und nicht ich allein –
das Gefühl habe, daß Du Dir nicht darüber
klargeworden bist, als Du Dein Buch schriebst, oder
wenn, dann in einer Richtung, die ich tief bedauern
würde. Ich habe schwer unter Deinem Buch gelitten,
nicht um der sachlichen Inhalte willen, die mich zu
recht kräftigem Angriff begeistert haben, sondern
wegen Deiner Haltung, die ich unserer Arbeit
gegenüber mit geistiger Wahrhaftigkeit nicht
vereinigen kann. Als eine Verletzung derselben
empfinde ich es, wenn Deine Darstellung nichts
davon merken läßt, daß die Arbeit, die von uns
geleistet ist, die methodische Grundlage für die
vor Dir geforderte neue Haltung in Theologie und
Philosophie geschaffen hat. Du behandelst sie mit
Respekt und läßt wenigstens ahnen, daß Du ihr
allerhand verdankst. Gleichzeitig aber erfindest Du
für sie den Namen »Religiöser Marxismus«, der nach
dem propagandistischen Gebrauch des Wortes
Marxismus in den letzten zehn Jahren für Deine
Leser lediglich diffamierenden Charakter ohne
sachlichen Inhalt haben muß. Doch nicht auf diese
Erwähnung kommt es an, sondern darauf, daß Deine
Darstellung anders hätte aussehen müssen, wenn Du
Dich offen zu der Arbeit derer bekannt hättest,
deren Gedanken in jedem Deiner Sätze mitklingen.
Dann hättest Du nicht verheimlichen können, daß das
Gefühl der Wende, der Krise des bürgerlichen
Zeitalters und des neuen Aufbruchs, der Hoffnung
auf geistige, gesellschaftliche und politische
Neuschöpfung Deutschlands und dadurch Europas, beim
Entstehen unserer Bewegung genau so lebendig war
wie jetzt, daß die Kritik der autonomen
Jahrhunderte, die Erwartung einer theonomen
Existenz der christlichen Völker nach Überwindung
der Klassendämonie, daß die Spannung von Ewigkeit
und Zeit und die daraus folgende Lehre vom
erfüllten Augenblick, daß das
existentialgeschichtliche Denken und seine
Konsequenzen für Philosophie und Theologie von
denen zuerst erlebt und gefunden sind, die sich der
deutschen Arbeiterbewegung anschlossen, weil sie
glaubten, daß hier der Ansatzpunkt für jede
wirkliche Wandlung liegen müßte. Du glaubst, daß
die konservativen und
mittelständisch-revolutionären Kräfte ein besserer
Ansatz sind, ja im Prinzip die Erfüllung gebracht
haben. Aber kann diese Verschiedenheit des
politisch-soziologischen Urteils ein Grund sein,
die Gemeinsamkeit in jener Grundhaltung und in
allen aus ihr fließenden Begriffen zu verleugnen?
Du hättest unsere Anwendung dieser Begriffe
kritisieren, die Ursachen unseres Mangels an
praktischer Durchschlagskraft aufweisen, Dich auf
diese Weise distanzieren können, aber nichts von
alledem findet sich in Deinem Buche, das doch die
gegenwärtige geistige Lage aus der vergangenen
verstehen will.
Und das ist nun die Frage, die mich bewegt und
bedrückt: Ist es eine unbewußte Verdrängung, die
Dich hinderte, die Wahrheit über Dein Verhältnis zu
uns zu erkennen; ist es halbbewußte Sorge vor den
Folgen, die Dich hinderte, sie auszusprechen? Oder
(dann hätte Deine Haltung prinzipielle Bedeutung):
ist es die Überordnung des politischen Wertes über
den der Wahrhaftigkeit (nicht nur in Diplomatie und
Propaganda, sondern auch) in der historischen und
theologischen Arbeit? Wäre es so, so hätten wir zum
mindesten ein Recht, zu verlangen, daß diese
Umwertung der Werte in dem Buch selbst eine offene
Darlegung und Begründung gefunden hätte. Der
lutherischen Sozialethik ist Macchiavellismus ja
auch schon früher nachgesagt worden. Du hättest
diese angebliche oder wirkliche Tradition erneuern
und ihre Anwendung von dem »principe« auf
den »philosophus« übertragen können. Dann
wäre eine klare Lage geschaffen gewesen. Jetzt
stehe ich vor einer Wand, und der Schmerz, durch
sie nicht mehr zu Dir durchstoßen zu können, hat
mir diese Worte abgezwungen.
Doch nun genug davon und zur Sache selbst! Sie
stellt mir zwei Aufgaben, die ineinander verwoben
sind. Die eine ist, zu zeigen, wie Du die tragenden
Begriffe des religiös-sozialistischen Denkens,
insbesondere der Kairos-Lehre übernommen
und zugleich durch Ausscheidung ihres
prophetisch-eschatologischen Elements umgebogen
oder entleert hast. Und zweitens sachliche Kritik
an Deiner theologischen Methode zu geben durch
Erörterung Deiner Grundhaltung sowie zahlreicher
Einzellösungen. Eins ist nicht möglich ohne das
andere. Doch soll die erste Aufgabe im ersten, die
zweite im zweiten Teil überwiegen.
I.
1.
Es ist überraschend, in welchem Maße Du Begriffe
und Gedanken des Religiösen Sozialismus im
Allgemeinen und der Kairos-Lehre im
Besonderen übernimmst und Deine
Gegenwartsdarstellung methodisch darauf gründest.
Ich will den Nachweis dafür so eingehend wie
möglich führen – vielleicht, daß es Dich dann
selbst überrascht. Dabei kommt es nicht darauf an,
ob dieser oder jener Gedanke sich gleichzeitig und
unabhängig bei Dir und uns entwickelt hat, sondern
darauf, daß Du die methodische Grundhaltung unseres
Denkens angenommen hast. Und selbst wenn Du auch
sie gleichzeitig und unabhängig von uns geschaffen
hättest, so würde die übereinstimmung nur noch
erstaunlicher sein und hätte Dich erst recht zu
einer ganz anderen Darstellung zwingen müssen.
Als ich Dir vor etwa neun Jahren meine »Religiöse
Lage der Gegenwart« [Gesammelte Werke, Bd. X.]
schickte, da fragtest Du etwas ironisch, warum ich
mich in die Rolle des Zuschauers begeben hätte. Ich
frage nicht so, nachdem Du mir Deine »Gegenwärtige
geistige Lage« hast schicken lassen. Denn ich
glaube zu wissen und sagen zu müssen, daß ohne eine
die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassende
Selbstorientierung die Forderung des »Denkens aus
der Stunde« nicht erfüllbar ist. Schon der Titel
Deines Buches ist ein Zeichen, daß Du dem
religiös-sozialistischen Einsatz in Theologie und
Philosophie sehr viel näher gekommen bist, als Du
es früher warst. Aber nicht nur formal gilt das;
sondern auch inhaltlich; gibst Du doch den gleichen
Rhythmus wieder, in dem wir seit 1919 die
abendländische Entwicklung sehen und der der
Leitstern aller unserer konkreten Geschichtsdeutung
gewesen ist: Der großartige Versuch der autonomen
Vernunft, nach Zerstörung der religiös getragenen
Einheitskultur des Mittelalters von sich aus den
geistigen und politischen Neubau einer Gesellsmaft
zu leisten, die Katastrophe des »weltgestaltenden
Willens« der ratio im Weltkrieg mit seinen
Folgen; die Gegenwart als entscheidende
Krisenperiode, das Ringen um eine neue tragende
Substanz. Auch Einzelmomente, die wir hervorgehoben
haben, kehren bei Dir wieder: Die Bedeutung von
Reformation und Gegenreformation für die Entstehung
des autonomen Denkens, die Dreiheit von
Wissenschaft, Technik, Wirtschaft als Symbole des
Zeitalters, rationale Naturbeherrschung und
rationaler Gesellschaftsaufbau, der Kampf um die
Menschenrechte, das Versagen des Idealismus, die
überragende Bedeutung von Karl Marx und Friedrich
Nietzsche für das 19. Jahrhundert – also die
religiös-sozialistische Schau des geschichtlichen
Ablaufs bis zur Gegenwartskrise im Ganzen und im
Einzelnen.
Die gleiche Übereinstimmung zeigt sich bei den
tragenden Begriffen. Ich gebe nur kurze Hinweise.
Für die Kennzeichnung gewisser
schöpferisch-zerstörerischer Kräfte verwendet der
Religiöse Sozialismus den Begriff des Dämonischen
in einer religions-philosophisch genau definierten
Weise. Du übernimmst diesen Zentralbegriff und
deutest das deutsche Geschehen als Überwindung der
im Krisenzeitalter zusammengeballten Dämonien.
(Womit Du übrigens mit Daquée, Leese und vielen
anderen unter das Urteil Ernst Kriecks in »Volk im
Werden« fällst, der von dem »Hereinfall auf
Tillichs schwindelhafte Dämonologie« spricht und
den Stoßseufzer druckt: »Auf was fielen deutsche
Gelehrte nicht herein«.)
Bei der Einführung des Begriffs der Grenze hast Du
selbst das Gefühl, seine Übernahme aus älteren
Lehren rechtfertigen zu müssen, wenn Du es aber so
tust, daß Du behauptest, für Dich wäre »heilige
Mitte«, was früher unendlich hinausschiebbare
Beschränkung gewesen wäre, so trifft das jedenfalls
für die Lehre von der Grenzsituation, wie sie von
Jaspers und mir entwickelt ist, nicht nur zu,
sondern dreht den Tatbestand geradezu um: Und das
muß Dir selbst bewußt gewesen sein, als Du von der
bürgerlichen Haltung schriebst: »Sie sieht nur die
eine Seite, das Ja; sie kennt ihn (Gott) nur als
Grund, nicht als Grenze, sie bleibt in bürgerlicher
Religiosität. Das die Welt vor Gott in Frage
stellende unbedingte Gericht ist ihr ein …
anstößiger Gedanke.« Diese Sätze beweisen, daß
Deine »heilige Grenze« eine Übersetzung des
»Abgrundes« in der Formel »Grund und Abgrund« ist,
daß also Deine »Grenze« als »heilige Mitte, die
zugleich tragend und unbedingt richtend ist«, genau
das wiedergibt, was wir in schwerem Kampf dem
bürgerlichen Neukantianismus abgerungen hatten.
Vollends deutlich wird das durch die hier plötzlich
und einmalig auftretende soziologische Bezugnahme
auf die bürgerlidte Gesellsdtaft, die Du in vollem
Einklang mit der religiös-sozialistischen Kritik
als Träger einer Religiosität ohne Abgrunderlebnis
und Grenzsituation kennzeichnest.
Entscheidend ist Deine Zustimmung zur
Kairos-Lehre, im Prinzip und in den
Konsequenzen. Warum Du das griechische Wort
vermeidest, ist sachlich nicht zu
verstehen, nachdem Du den Stapelschen
»Nomos« aufgenommen und die Grenze mit
»Horos« übersetzt hast. Du sprichst statt
dessen von der »gegenwärtigen Stunde«, von dem
»Aufbruch«, den sie bedeutet, von der »besonderen
Verantwortung, die sie für Theologie und
Philosophie enthält«, von dem »religiösen Sinn
unseres geschichtlichen Augenblicks«, von dem
»Bekenntnis des Heiligen in der Lage des
Augenblicks«, von »Erschlossenheit für die
Forderung der Geschichtsstunde«, von der Forderung,
das »durch die Stunde vom Herrn der Geschichte
Aufgegebene« zu erkennen usw.
Aus der Rezeption der Kairos-Idee ergeben
sich die grundlegenden Übereinstimmungen in
Philosophie und Theologie. Du bemühst Dich um eine
existentielle Geschichtsphilosophie, um das, was
ich in meiner letzten deutschen Vorlesung als
»Existentialgeschichtliche Methode« zu entwickeln
versucht habe. Ein Satz wie der: »Die Existenz des
Philosophierenden wird Maß der geschichtlichen
Existentialität der Philosophie« ist die fast
wörtliche Wiedergabe eines Grundgedankens aus
»Gläubiger Realismus«. [Gesammelte Werke, Bd. VI.]
Und der Satz: »Philosophie muß sich hüten, den
Anspruch strenger Wissenschaft aus
Geschichtsgelöstheit zu ihrem eigenen zu machen",
ist eine Wiedergabe des Gedankens, daß der
philosophische Logos die Askese gegenüber
dem Kairos aufgeben müsse.
»Selbstaufhellung der neuen deutschen Wirklichkeit
nach ihrer existentiellen Tiefe« war das Bemühen
des Religiösen Sozialismus von seinem ersten bis zu
seinem letzten Wort. Keine unserer Schriften hatte
im Grunde einen anderen Inhalt. Wir haben, wie Du
es forderst, versucht, »in unserer letzten großen
Entscheidungsfrage die Stunde in uns mächtig werden
zu lassen, um unsere Aufgabe nicht zu verfehlen«.
Aber weißt Du auch, was Du mit dieser Forderung
existentialgeschichtlichen Denkens tust? Erstens
negativ: Du brichst entschlossen mit der
Gogartschen Form der Dialektik und kannst nur in
Selbsttäuschung eine enge Verwandtschaft zwischen
Dir und ihm statuieren. Gogarten hat in seinem Buch
»Ich glaube an den dreieinigen Gott« die
Kairos-Philosophie als »Pest der
Geschichtsphilosophie« angegriffen. Wird er Deine
Abart derselben wegen Eures politischen Bündnisses
mit mehr Gnade aufnehmen? Ich zweifle! Statt dessen
hast Du Dich mit der Bejahung des existential
geschichtlichen Denkens zu jemand gestellt, zu dem
Du Dich von allen Toten und Lebenden am wenigsten
gern stellst, zu dem jungen Marx. Während das
Verständnis von Existenz bei Kierkegaard, auf den
Du Dich berufst, so wie bei Heidegger, den Du
ablehnst, und bei Jaspers, den Du nicht erwähnst,
von der Existenz des Einzelnen her gewonnen ist,
hat der junge Marx in Formeln, die den
Kierkegaardschen oft zum Verwechseln ähnlich sehen,
gegenüber Hegel und mehr noch gegenüber Feuerbach
ein existentialgeschichtliches Denken gefordert.
Der Religiöse Sozialismus, der in dieser Beziehung
wirklich religiöser Marxismus war, hat als
einziger diese Forderung aufgenommen und
nach seinen Kräften verwirklicht. Von ihr und damit
vom jungen Marx bist Du abhängig, wenn Du
existentialgeschichtliches Denken verlangst. Und Du
und wir und Marx und jeder, der
geschichtlich-existentiell denkt, ist abhängig von
der altjüdischen Prophetie, deren Haltung im
existentialgeschichtlichen Denken in die
Philosophie eindringt. An diesem Punkt stehst Du
offenkundig in der Tradition (prophetisches)
Judentum und (religiöser) Marxismus.
Folgenreich ist die Kairos-Lehre bei Dir
wie bei uns vor allem in der Auffassung des
Wahrheitsgedankens. Der entscheidende Satz bei dir
lautet: »Vernunft ist der sich als Logos
geistig verstehende und entfaltende Nomos
bestimmten menschlich-geschichtlichen Lebens
selbst, und Wissenschaft ist nichts als Zucht und
Rechenschaft dieses wirklichkeitsbestimmten Logos
vor sich selbst über die ihn bestimmende
Wirklichkeit.« Ohne hier schon auf Deine
Formulierungen einzugehen, möchte ich Dich
erinnern, daß das Problem, das Du mit ihnen
stellst, das Thema aller Arbeiten war, die sich um
die philosophische Begründung der
Kairos-Lehre bemühten, daß die Lösungen
weit über unseren Kreis hinausgewirkt haben, daß
wir seit jener Zeit von einer »dynamischen
Wahrheit« gesprochen und eine »dynamische Methode«
zu entwickeln versucht haben? Muß ich Dich daran
erinnern? Und wenn nicht, warum erinnerst Du nicht
die daran, die es heute nötig hätten, an den
ursprünglichen Sinn dieser Lehre erinnert zu
werden, wenn sie im Namen der dynamischen Wahrheit
die »Wahrheit« der »Dynamik« opfern.
Alle weiteren Konsequenzen, die Du mit Recht aus
dem dynamischen Wahrheitsgedanken ableitest, sind
in ausführlichen Darlegungen vom Religiösen
Sozialismus gezogen worden: Für den Wagnischarakter
des Erkennens verweise ich auf die Ausführungen
über Erkenntnis als Schicksal und Wagnis in
»Kairos und Logos«. [Gesammelte
Werke, Bd. IV.] Für die Forderung, daß Erkennen, um
frei schwebender Willkür zu entgehen, aus der
Gemeinschaft und für die Gemeinschaft geschehen
müsse, zeugte der Religiöse Sozialismus durch seine
Existenz. Er suchte innerhalb des Volkes den Ort
der größten »Geschichtsmächtigkeit« zu finden, und
aus der Gemeinschaft mit dieser Gruppe heraus die
geschichtliche Existenz des Volkes und des
Kulturkreises zu erhellen.
Endlich haben wir die Konsequenzen für
Wissenschaftsbetrieb und Universität nicht weniger
radikal aus unserem Wahrheistgedanken gezogen, als
Du es tust. Unsere Kämpfe mit der Reaktion in
Fakultäten und Senaten gingen durchweg um diesen
Punkt. Ein Aufsatz über die Universitätsreform hat
den ganzen älteren Humanismus gegen uns
aufgebracht. Im Juli 1932, am Tage, bevor die
politische Reaktion uns jede Möglichkeit der
Verwirklichung raubte, verteidigten wir in
HeideIberg gegenüber dem älteren Humanismus den
versuchsweisen Aufbau einer Universität, in der die
neue existentielle Haltung maßgebend sein und der
Kampf gegen die von uns aufgewiesene Verderbnis der
Universität aufgenommen werden sollte.[Siehe
»Fachhochschulen und Universität«, Gesammelte
Werke, Bd. XIII.]
Deine Geschichtskonstruktion ist bestimmt durch den
Gegensatz autonomer und theonomer Zeitalter, also
die Grundvoraussetzung des Religiösen Sozialismus.
Die Spätantike kennzeichnest Du als
»Gottentfremdung der Spätkultur«, die Gott nur als
das ungeschichtliche Jenseits des Seins kennt, das
bürgerliche Zeitalter als Selbstmächtigkeit von
Vernunft und Freiheit, das vorchristliche Heidentum
als ungebrochene Theonomie, nämlich als einfache
Einheit des geschichtlichen und des heiligen
Horos; und beides, die heidnische
Theonomie und die Autonomie, nennst Du dämonisch.
Demgegenüber charakterisierst Du die wahre
Theonomie so, daß Du sagst: »Der geschichtliche
Horos ist zugleich der heilige
Horos, und doch ist der heilige
Horos wiederum auch mit der Macht des
Ewigen der den geschichtlichen als vergänglich
verzehrende.« Wir sprachen von Theonomie als
»Durchbruch von tragendem und verzehrendem Grund
und Abgrund«, einbrechend in die Formen des
geschichtlichen Lebens. Selbst die Heteronomie
kennst Du, wenn Du von der »Zerknickung der
Gewissen durch widernatürlichen Zwang sprichst« und
Dich zu zeigen bemüht bist, daß so etwas in der
neuen Theonomie nicht beabsichtigt sei.
Deine Beschreibung der protestantischen Theologie,
ihrer Entwicklung und ihrer Aufgabe enthält fast
alle entscheidenden Gedanken, um deretwillen die
Theologie des Religiösen Sozialismus von den
kirchlichen Theologen verketzert wurde. Die
»evangelische Wendung wider sich selbst« und die
damit verbundene Ungesichertheit als Grundhaltung
evangelisch-protestantischer Theologie, die so
überraschende Zustimmung zu der Lehre von der
grundsätzlichen Identität der Theologie mit einer
theonomen Philosophie (vgl. darüber das »System der
Wissenschaften« [Gesammelte Werke, Bd. I.] und »Die
religiöse Verwirklichung«), die Vollmacht einer
solchen Theologie oder Philosophie, die »bewegenden
Grundmächte des gemeinsamen Lebens zu erkennen«
(vgl. die kleine Programmschrift Ȇber die Idee
einer Theologie der Kultur« [Gesammelte Werke, Bd.
IX.] und ihre Ausführung in den
Kairos-Bänden) die Überwindung des
Historismus durch das Verständnis der Geschichte
von Christus aus als »Mitte der Geschichte« (vgl.
diese Formel in dem Aufsatz »Christologie und
Geschichte« [Gesammelte Werke, Bd. VI.]), die
Bedeutung Feuerbachs für die Theologie (vgl. die
Formel vom »konstanten Ideologieverdacht der
Religion gegen sich selbst«), der Protest gegen die
Benutzung des Glaubens zur »Erhebung von
geschichtlichen Tatbeständen« und die daraus sich
ergebende Freiheit zu radikaler historischer
Kritik, die Charakterisierung der Barthschen
Geschichtstranszendenz als indirekter Unterstützung
der Dämonien der Zeit (S. 119 bei Dir, an vielen
Stellen bei uns) und endlich, was mich gleichfalls
überraschte, die Behauptung, daß der
Rechtfertigungsgedanke auch auf das Denken
anzuwenden sei, wogegen Du bisher immer protestiert
hast. Und wenn Du dann gegen ein
»geschichtsüberlegenes Eigenwesen der Kirche«
Stellung nimmst, also unsere Auffassung über
Protestantismus und Profanität bejahst, wenn Du die
Theologie davor bewahren willst, »den Menschen eine
überkommene theologische Begrifflichkeit wie einen
Sack über den Kopf zu werfen«, also eine
unermüdlich von allen Religiösen Sozialisten an die
Kirche gestellte Forderung wiederholst, dann weiß
ich . schlechterdings nicht, wie Du Dich zu
Gogarten statt zu uns stellen kannst. Ich kann das
nur als Folge der furchtbaren Verwirrung aller
Fronten im gegenwärtigen geistigen Kampf erklären.
Aber zur Entwirrung viel beizutragen, hättest Du
die geistigen Mittel gehabt. Und daß Du es durch
Dein Schweigen über Dein wirkliches Verhältnis zur
Arbeit des Religiösen Sozialismus nicht getan hast,
das ist es, was ich Dir um der geistigen Lage
willen zum Vorwurf mache. Ich bin selbst überrascht
und erschüttert, wenn im diesen Nachweis
überblicke. Nicht so sehr wegen des Maßes Deiner
Abhängigkeit von der religiössozialistischen
Gedankenarbeit – obgleich sie sehr viel größer ist,
als ich erwartet hatte –, sondern wegen der realen
Übereinstimmung im Grundprinzip und in fast allen
Einzelheiten; und ich frage Dich: Wie kannst Du
schreiben: »Es ist die Macht der gegenwärtigen
Stunde in Volk und Staat, daß wir nun alle
miteinander ins echte, ursprüngliche Fragen
hineingerissen worden sind«, wenn alle echten und
ursprünglichen Fragen, die Du stellst, in den
Jahren vorher von denen, die Du Deine schärfsten
Gegner nennst, gestellt und von ihnen so
beantwortet sind, daß Du ihre Antworten zur
Grundlage Deiner eignen machen konntest? Die
Älteren wissen noch von diesen Dingen und schütteln
den Kopf. Wie kannst Du es aber vor den Jüngeren,
die von allem dem nichts mehr wissen, verantworten,
daß Du ihnen ein Bild von der Entwicklung gibst,
das ihnen jeden Zugang zum Verständnis der
wirklichen Entwicklung von vornherein verbaut?
2. Doch Du wirst erwidern, daß das
Entscheidende nicht die Kategorien, sondern die
konkrete Anwendung ist, und daß die Verschiedenheit
der Anwendungen es rechtfertige, wenn Du den Umfang
unserer gemeinsamen Grundlagen verschweigst. Ich
kann diese Verteidigung nicht anerkennen; anstatt
Dich von dem ersten Vorwurf zu entlasten, belastet
sie Dich mit dem zweiten, daß Du die benutzten
Kategorien teils entleerst, teils umbiegst, um sie
für Deinen Zweck dienstbar zu machen, und dadurch
die Kairos-Lehre bei Deinen theologischen
Gegnern um den Kredit bringst, den sie in weiten
theologischen Kreisen hatte. Und das ist der
tiefere Grund, warum ich so nachdrücklich und
ausführlich auf Dein Doppelverhältnis zur
Kairos-Lehre eingehe.
Vielleicht erinnerst Du Dich an unsere
Unterscheidung von sakramentaler und prophetischer
Haltung. Es ist die Unterscheidung zwischen der
Heiligsprechung eines in Raum und Zeit Gegebenen
und dem Heiligen, das im Sinne der
Reichsgottesverkündigung Jesu »nahe herbeigekommen
ist«, also zugleim verheißen und gefordert ist.
Dieses eschatOlogische Moment gehört unabtrennbar
zur Kairos-Lehre, im Urchristentum wie im
Religiösen Sozialismus. Es verbindet uns mit Barth,
insofern wir mit ihm die greifbare Gegenwart des
Göttlichen in einem endlichen Sein oder Geschehen
bestreiten; es trennt uns von Barth, weil das
Eschatologische bei ihm supra-naturalen, bei uns
paradoxen Charakter hat. Wir stellen das
Transzendente nicht in einen undialektischen
Gegensatz zur Geschichte, sondern glauben, daß es
als echte Transzendenz nur verstanden werden kann,
wenn es als das verstanden wird, was je und je in
die Geschichte hereinbricht, sie erschüttert und
wendet. In dieser Auffassung stehen Du und wir
zusammen. Die Theologie des Kairos steht
genau in der Mitte zwischen der Theologie des
jungen nationalen Luthertums und der dialektischen
Theologie. Sie betrachtet die zweite als eine
Abweichung ins Abstrakt-Transzendente, die erste
als eine Abweichung ins Dämonisch-Sakramentale.
Gegen beide vertritt sie die
prophetisch-urchristliche Paradoxie, daß das Reich
Gottes in der Geschichte kommt und doch
über der Geschichte bleibt. Es ist klar,
daß eine solche dialektische Haltung weder geeignet
war, noch geeignet ist für die undialektischen
Notwendigkeiten des kirchenpolitischen Kampfes.
Aber ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, daß sich
in beiden Lagern Theologen und Nichttheologen
finden, die in der unverzerrten
Kairos-Idee einen Ausweg aus den
Sackgassen finden werden, in die auf die Dauer Du
wie Barth Theologie und Kirche hineinführen müssen.
Solange freilich der Kampf tobt, stehen wir auf
derjenigen Seite, die das Eschatologische gegenüber
dem Angriff eines dämonisierten Sakramentalismus
verteidigt. Wenn auch ein hoher Preis an
supranaturaler Verengung und orthodoxer Verhärtung
dafür gezahlt werden muß, es ist besser so als die
Preisgabe des Eschaton an ein absolut
gesetztes Endliches.
Nach diesen Bemerkungen kann ich meine Kritik an
Deinem Buche in den Satz zusammenfassen: Du
verkehrst die prophetisch-eschatologisch gedachte
Kairos-Lehre in priesterlich-sakramentale Weihe
eines gegenwärtigen Geschehens. Das kann an
allen Punkten gezeigt werden, in denen Du der
Kairos-Lehre und den aus ihr folgenden
Gedanken des Religiösen Sozialismus zustimmst.
Du hast Dich in Deinem Buche auf den Boden der
religiös-sozialistischen Deutung des bürgerlichen
Zeitalters gestellt. Aber mit dem entscheidenden
Unterschied, daß wir die Gegenwart als ein Ringen
um das Kommende verstanden haben, in dem es für die
Theonomie mehr Niederlagen als Siege gab und in dem
ein gläubiger Realismus uns davor bewahrte,
romantisierend in irgend einem Ereignis die
Erfüllung zu sehen. Unsere ganze Darstellung ist an
diesem Kanon orientiert. Du richtest Dich zuerst
nach ihm, verlässest ihn dann aber zuerst für das
Jahr 1918, dann für das Jahr 1933. Im ersten Falle
im Sinne einer ungebrochenen Negativität, im
zweiten Falle im Sinne einer ungebrochenen
Positivität. Du erhebst damit absolute Wertungen,
wie sie in der politischen Propaganda unentbehrlich
sein mögen, zu theologischer Gültigkeit. Da das
aber unmöglich ist, weil kein Endliches unter einem
unbedingten Ja oder Nein steht, so verleugnest Du
in Deiner Gegenwartsdeutung tatsächlich die
theologische Ebene zugunsten der
propagandistischen. Das Zeitalter der »Verwirrung
und Verführung«, »Abgrund des Volkes und
Geschichtsendes«, ein »zu Tode erkranktes Volk und
Staat«, eine »zu Tode erkrankte Nation«, »Not- und
Kampfeszeit«, »furchtbare Krise des
Geschichtszeitalters, die vielleicht alles
verschlingen würde«, »Anerkennung der Lage der
Zersetzungszeit«, »Todeskrise unseres Volks«,
»Säkularismus, Unglaube und Aberglaube«, »entartete
öffentliche Ordnung«, »Fluch der Geschichtskrise« –
es ist, was Fichte »Zeitalter der vollendeten
Sündhaftigkeit« nannte. Ein solches Zeitalter aber
gibt es nicht. Und kein Zeitalter hat das religiöse
und theologische Recht, ein anderes so zu
kennzeichnen. »Richtet nicht, auf daß Ihr nicht
gerichtet werdet«, gilt auch für Zeitalter und
Völker. Ein Urteil, wie Du es gibst, ist nur
möglich auf dem Boden der Selbstgewißheit, daß man
selbst im Zeitalter der vollendeten Begnadetheit
lebt; denn nur in ihm hat man die
Erkenntnismöglimkeit für vollendete Sündhaftigkeit.
Und eben dieses Gefühl kommt in jedem Deiner Worte
zum Ausdruck. Am deutlichsten, wo Du dem
gegenwärtigen Geschehen Heiligkeitsqualität
zusprichst. »Der neue Wille … ist als ein heiliger
Sturm über uns gekommen und hat uns ergriffen.«
Unsere jüngste Geschichte hat uns in die »segnende
Macht dunklen Verhängnisses getaucht«. »Hier ist
das Werk des Allmächtigen Herrn zu spüren, dem wir
wesentlich Werkzeuge zu sein haben.« »Der heilige
Frühling der Nation«, »von diesem Gott gewirkten
Aufbruch und Umbruch«. Am schärfsten ist die
theologische Weihe des Gegenwärtigen ausgesprochen
in dem Abschnitt: »Die gegenwärtige Stunde der
Theologie.« Hier müßte ich fast jeden Satz
zitieren. Protestantische Theologie ist für Dich
nur möglich »im ganzen inneren Sich-Aufschließen
für das Große und Neue, das mit der
nationalsozialistischen Bewegung durchgebrochen
ist. Ihre Weltanschauung soll der tragende,
natürlich geschichtliche Lebensgrund für deutsche
Menschen evangelischen Glaubens sein«. Und endlich
von Dir selbst gesperrt: »… die Befreiung
unseres Volkes, der Aufbruch des neuen
Geschichtsalters (ist) auch Befreiung und Aufbruch
des evangelischen Christentums.« Damit hast Du
das Jahr »1933« dem Jahre »33« so angenähert, daß
es für Dich heilsgeschichtliche Bedeutung gewonnen
hat.
Diese absoluten Wertungen, die negativen wie die
positiven, stehen in klarem Widerspruch zur
Kairos-Idee und sind von der Theologie des
Religiösen Sozialismus niemals angewandt worden.
Wir haben die unmittelbar vorausgegangene
sogenannte wilhelminische Epoche niemals als
Zeitalter vollendeter Sündhaftigkeit bezeichnet,
obgleich wir politisch-propagandistisch allen Anlaß
dazu gehabt hätten, da wir sie für den verlorenen
Krieg und als seine Folgen bis zur Gegenwart
verantwortlich gemacht haben. Aber daraus ein
theologisches, also absolutes Werturteil zu machen,
wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Wir haben
niemals Zeitalter sündhaft, sondern wir haben
Mächte dämonisch genannt. Und was wichtiger ist:
Wir haben das Dämonische [Vgl. »Das Dämonische« in
Band VI der Gesammelten Werke] dialektisch
verstanden: Es ist nie nur zerstörerisch, sondern
immer auch schöpferisch und tragend. Hättest Du
diese Dialektik beachtet, so hättest Du den
Einwand, den Du Dir selbst machst, ernster
genommen, als Du es tust: Du fragst, ob das
gegenwärtige Geschehen nicht doch eine verhüllte
Form der Rettung des kapitalistischen Systems sei.
Du antwortest darauf unter Verzicht auf jede
Analyse der wirklichen Vorgänge mit dem Hinweis auf
die paradoxe Einheit von Ursprünglichkeit und
Reflexion in der gegenwärtigen Bewegung. Das ist
aber in keiner Weise eine Antwort auf die gestellte
Frage. Statt dieses Ausweichens hättest Du weiter
fragen sollen, ob überhaupt eine politische
Bewegung in einem einzelnen Land, und mag sie sich
noch so machtvoll durchsetzen, imstande ist, im
ersten Anlauf eine Gesellschaftsstruktur, in die
sie verflochten ist und von der sie lebt, zu
beseitigen. Freilich wenn man Personen, Gruppen,
Richtungen dämonisch nennt, und zwar ganz
undialektisch im Sinne von verwerflich, dann hat
man es leicht, nach ihrer Beseitigung den Sieg über
»zusammengeballte Dämonien« triumphierend
festzustellen. Aber damit zeigt man nur, daß man
von der wahren Tiefe und Macht des Dämonischen
nichts verstanden hat. Und das werfe ich Dir
allerdings vor und stelle zugleich fest, daß wir im
Wissen um die dämonische Dialektik die
Heiligsprechung auch des uns wichtigsten und
wertvollsten Geschehens vermieden haben.
Kairos war es für uns, weil die Dämonie
des Kapitalismus enthüllt war, weil der Widerstand
gegen ihn sich aus der Weltkatastrophe voller
Verheißungen und Forderungen erhob. Mehr haben wir
nicht gesagt. Mehr kann und darf aus dem
Kairos-Gedanken nicht gefolgert werden.
Aus Verheißung und Forderung können und dürfen wir
nicht heraus. Das ist der gläubige Realismus, der
zur Theologie des Kairos gehört. Es ist
kein Zufall, daß Du diese Kategorie des
religiös-sozialistischen Denkens fast als einzige
nicht verwendet hast. Mit Recht von Dir aus: Denn
anstelle des gläubigen Realismus steht bei Dir ein
bruchloser Enthusiasmus, der Dir den kritischen
Blick und das kritische Wort raubt, die wir von Dir
als protestantischem Theologen und Künder der
gegenwärtigen geistigen Lage erwarten mußten.
3. Laß mich das jetzt an je zwei
Beispielen aus Theologie und Philosophie zeigen.
Als wir uns der sozialistischen Bewegung
anschlossen. war uns sofort klar, daß wir an einem
entscheidenden Punkt als unnachgiebige Kritiker und
Umgestalter auftreten mußten. Jeder
prophetisch-eschatologischen Bewegung haftet die
Gefahr des Utopismus an. Utopismus aber ist
Absolutsetzung einer endlichen Möglichkeit, wenn
auch einer solchen, die in der Erwartung liegt. Wir
mußten dem entgegentreten; aber wir durften und
wollten nicht die Wucht der Forderung und die
Leidenschaft der Erwartung brechen. In dieser Not –
ich erinnere mich genau der Tage – wurde die
Kairos-Idee gefunden. Sie ist, was
vielleicht mancher nicht weiß, im Ringen mit dem
Problem der Utopie gefunden worden. Damit war eine
Position gegeben, von der aus wir die Möglichkeit
hatten, die Bedeutung des geschichtlichen
Augenblicks für die Gestaltung der Zukunft zu
würdigen, ohne doch Utopisten zu werden. Denn am
Ende jedes utopischen Enthusiasmus steht
Enttäuschung und Verzweiflung. Und ich meine, es
wäre Deine Aufgabe als Theologe in der nun
siegreichen Bewegung gewesen, die gleiche Haltung,
die wir dem utopischen Enthusiasmus gegenüber
einnahmen, dem ideologischen Enthusiasmus gegenüber
einzunehmen, der die Gefahr jeder siegreichen Macht
ist. Hier hätte die wahre theologische Aufgabe
gelegen. Dein Buch zeigt mir, daß Du sie nicht
gesehen und nicht erfüllt hast. Die Denkmittel der
Theologie des Kairos hätten Dir die
Möglichkeit dazu gegeben. Du hast sie aber nur
formal übernommen, und da, wo Du sie für Deine
besondere Lage hättest anwenden müssen, hast Du sie
umgebogen. Ein ungebrochener Sakramentalismus des
Gegebenen ist die Folge. Statt den ideologischen
Enthusiasten theologisch zu brechen und ihn in
einen gläubigen Realismus zu wandeln, verstärkst Du
ihn und machst Dich dadurch mitverantwortlich für
die Verzweiflungskrise, die bei jedem einzelnen
angeblichen oder wirklichen Mißlingen ausbrechen
muß. Du gibst zu, daß solch Mißlingen im Bereich
der Möglichkeit liegt. Du bist nicht berauscht
genug, um diese Möglichkeiten nicht zu sehen, aber
Du bist auch nicht nüchtern genug, um das
theologische Wort zu finden, das die Berauschten
nüchtern macht, ohne ihnen den Mut und das Wagnis
zu nehmen.
Ein weiteres Beispiel für den Unterschied unserer
theologischen Haltung! Du sprichst von dem »Schmutz
des ökonomischen Materialismus«. Ich sehe daraus
zweierlei, erstens in der Wahl des Bildes das
komplexhafte Unterdrücken einer Sache, mit der Du
innerlich nicht fertig geworden bist, zweitens die
einfache Unkenntnis der Tatsache, daß ökonomischer
Materialismus eine Forschungsmethode ist, die
entstanden ist im Kampf mit dem metaphysischen
Materialismus Feuerbachs und im Zusammenhang mit
einem hochfliegenden, zum Märtyrertum bereiten
ethischen Idealismus. Im übrigen ist diese Methode
in alle historischen Wissenschaften übergegangen
und kann in keiner tiefer dringenden Untersuchung
entbehrt werden. Dennoch hast Du insofern ein Recht
zur Kritik, als am Ende des vorigen Jahrhunderts
eine Welle von metaphysischem Materialismus sich
aus dem Bürgertum in die Arbeiterbewegung ergossen
hatte und der Religiöse Sozialismus infolgedessen
einer antireligiösen Front gegenüber stand. Wieder
war es unsere Aufgabe, mit scharfer Kritik dagegen
aufzutreten, ohne in das von Dir gerügte
Pharisäertum »kirchlicher« Theologen zu verfallen.
Aus der Not dieser Lage ist der Gedanke der
»gläubigen Profanität« und der »latenten Kirche«
geboren. Für Dich gab es keinen Kampf gegen
metaphysischen Materialismus oder
Religionsfeindlichkeit. Das Bekenntnis zum
positiven Christentum gehört zu Deinem politischen
Programm. Aber hättest Du nun nicht als Theologe
die Aufgabe gehabt, das mit jedem politischen
Bekenntnis zur Religion verbundene Verhängnis zu
enthüllen und unter eine gleich scharfe Kritik zu
stellen, wie wir den Materialismus? Und hättest Du
nicht zu diesem Zweck aus dem »Schmutz des
ökonomischen Materialismus« das Gold der
Ideologie-Lehre herausholen müssen? Du hättest sie
freilich auch bei Luther finden können, der gegen
den selbstgemachten Gott kräftig genug zu Felde
gezogen ist; aber das kann als Sache der
persönlichen Frömmigkeit abgetan werden. Nicht so
die Ideologie-Lehre bei Feuerbach, der sie auf den
Menschen in seiner natürlichen Verfassung, oder bei
dem jungen Marx, der sie auf die
Klassengesellschaft, oder bei Freud, der sie auf
die Einzelpsyche, oder bei Jung, der sie auf die
Massenpsyche anwendet. Hier überall findet die
uralte Forderung des γνϖϑι
σαυτόν eine methodische Erfüllung von
unausweichlicher Schärfe. Es wäre Deine
theologische Pflicht gewesen, diese Denkmittel zu
benutzen, und mit ihrer Hilfe den ideologischen
Mißbrauch aufzudecken, der von Reaktion und
Kleinbürgertum in ihrem antiproletarischen
Klassenkampf mit dem religiösen Bekenntnis
getrieben worden ist. Es ist doch so, daß hinter
dem theologischen Theismus sich oft ein – nun
wirklich schmutziger – praktischer Materialismus
verhüllt, während hinter dem materialistischen
Atheismus ein heroischer Idealismus stehen kann.
Ich kann mir kaum eine wichtigere, konkret
theologische Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde
denken, als das herauszuarbeiten. Du aber nimmst
jede Ideologie, die negative wie die positive, bei
dem, was sie sagt, statt bei dem, was sie ist. Auch
hier kritisch ungebrochener Enthusiasmus gegen
gläubigen Realismus, priesterliche Weihe statt
prophetischer Enthüllung.
4. Du stellst auch Forderungen an
die neue Philosophie, die im Zusammenhang mit der
Theologie des Kairos stehen. Ich muß Dir
auch hier folgen und zeigen, wie Du die
ursprünglichen Intentionen der neuen Philosophie
infolge Deiner sakramentalen Grundhaltung umbiegst.
Als erstes Beispiel erwähne ich Deine Kritik an
Heidegger. In der Tat, Heidegger muß vom Standpunkt
existentialphilosophischen Denkens aus kritisiert
werden. Er verdeckt mit der abstrakten Verwendung
des Begriffs Geschichtlichkeit die konkrete
Geschichtsgebundenheit seiner Begriffe. Nicht aber
kann er als Existentialphilosoph um seiner
Negativität willen angegriffen werden. Denn das ist
ein Angriff auf die Existentialphilosophie selbst,
zu der Du Dich ja formal bekennst. Sie ist
Existentialphilosophie, weil sie im Gegensatz zum
Idealismus die Existenz außer halb der Idee
voraussetzt und zum Thema macht. Das, was die
Existenz zur Existenz macht, ist das, wodurch sie
nicht in der Idee, im Wesen steht. So sah es der
zweite Schelling, als er im Anschluß an seine Lehre
vom Bösen den Gegensatz beider Philosophen
entdeckte; so Kierkegaard, als er das menschliche
Grundexistential in der Verzweiflung fand; so Marx,
als er gegen Feuerbachs Lehre vom Menschen die
Entmenschlichung in der proletarischen Existenz zum
Ausgangspunkt nahm; so ]aspers, wenn er das
Scheitern zur letzten existentiellen Möglichkeit
des Menschen macht; so Heidegger, wenn er den
radikal Fragenden vor den Abgrund des Nichts
stellt. So versuchte ich, existential
geschichtliche Kategorien aus einer Analyse der
Bedrohtheit unserer geschichtlichen Existenz zu
erheben. Diese existentielle Bedrohtheit ist nicht
dadurch aufgehoben, daß eine geschichtliche Gruppe
sich machtvoll konzentriert hat. Wäre es darum
nicht die Aufgabe des Existentialphilosophen in der
gegenwärtigen Lage, die existentielle Bedrohtheit
jeder geschichtlichen Wirklichkeit, auch wenn sie
Verheißungen in sich birgt, allgemein und in
konkreter Anwendung herauszuarbeiten? In Deiner
Kritik an Heidegger, sowie in Deiner eigenen
philosophischen Haltung zeigst Du Dich als
enthusiastischer Idealist, nicht als
Existentialphilosoph. Du weihst, statt zu
enthüllen.
Von da aus habe ich Deine Forderung einer neuen
Sokratik in Frage zu stellen. Historisch spricht
alles gegen sie: Sokrates am Ende einer gebundenen
Periode der Geschichte, durch seine Entdeckung des
Begriffs Träger der ihm folgenden rationalen und
autonomen Entwicklung, Dialektiker im echten Sinne
dessen, der Gespräche führt, nicht über diese oder
jene Durchklärung, sondern über die Begründung
menschlicher und politischer Existenz im Denken.
Demgegenüber unsere Lage: Am Ende einer rationalen
und autonomen Entwicklung, im Übergang zu einer
neuen gebundenen Periode, unter den Notwendigkeiten
spätkapitalistischer Massenorganisation, die ein
freies Gespräch über die Grundlagen immer mehr
unmöglich macht – wie es ja auch von Dir
ausdrücklich ausgeschlossen wird. Bleibt allein
übrig, was Kierkegaard im Unterschied von den
Systematikern an Sokrates als existentiell empfand,
ein Fragen, bei dem es um den Fragenden selbst
geht. Das aber ist weder das ausschließliche noch
das hervorragendste Merkmal der Sokratik. Du nimmst
das Kierkegaardsche Symbol, nicht den wirklichen
Sokrates. Und das hat tiefere Gründe: Du verdeckst
damit, daß Du in Wirklichkeit auf Seiten Nietzsches
und seiner Bekämpfung des Sokrates stehst. Was Du
über Nietzsche sagst, enthält ein solches Maß von
historischer Ungerechtigkeit, daß es nur aus Deinem
entschlossenen Willen verstanden werden kann, die
Weihe des gegenwärtigen Geschehens nicht durch
Erinnerungen an seine Väter stören zu lassen. Denn
nichts hätte Dich mehr darin gestört als die kaum
zu überschätzende Bedeutung, die Nietzsche für die
Entstehung des Fühlens und Denkens der jüngeren
Generation gehabt hat und für die neue politische
Dogmenbildung noch immer hat. Und zwar gerade durch
seinen Protest gegen die Sokratik auf allen
Gebieten des Geistigen und Politischen. Es ist
ebenso leicht, zu zeigen, daß die meisten von Dir
verteidigten Ideen bei Nietzsche im Keim oder
entwikkelt vorhanden sind, wie zu zeigen, daß jede
dieser Ideen ausdrücklich antisokratisch ist. Ich
schreibe das nicht, um der verletzten historischen
Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern ich
schreibe es, um Dir noch einmal zu zeigen, wie sehr
Du um Deiner enthusiastisch-weihenden Haltung
willen die erste, nämlich kritische Pflicht des
Philosophen verleugnest. Sonst hättest Du Dich dem
ungebrochenen Strom des Vitalismus,
Irrationalismus, Voluntarismus ebenso
entgegensetzt, wie wir versucht haben, einem
entleerten Rationalismus, Intellektualismus,
Mechanismus entgegenzutreten. Wir hatten die
Bedeutung des Vitalen, des Eros und des Willens mit
solchem Nachdruck herausgearbeitet, daß wir uns
immer wieder den Vorwurf des Faschismus zugezogen
haben. Im sehe nicht, daß Du die entsprechende
umgekehrte Aufgabe von der Philosophie gefordert
oder selbst in Angriff genommen hättest.
Damit komme ich auf Deine Lehre von Wahrheit,
Nomos und Logos. Es könnte
scheinen, als wäre sie eine – sehr geistreiche –
Weiterentwicklung unserer Lehre von der dynamischen
Wahrheit. Aber das ist nicht der Fall. Du raubst
dem Logos die kritische Kraft, die er
trotz engster Bindung an den Kairos
behalten muß. Das geschieht in drei Schritten.
Erstens bindest Du ihn an den Nomos einer
geschichtlichen Wirklichkeit; er sei ihr
wissenschaftliches Selbstbewußtsein. Zweitens
kennst Du allein den Nomos eines Volkes.
Drittens ist dieser Nomos veränderlich und
abhängig von den Handlungen der politischen
Gestalter des Volkes. Auf diese Weise ergibt sich
notwendig, daß der Logos abhängig ist von
der jeweiligen machttragenden Gruppe in einem Volk.
Es ist das wissenschaftlich genormte
Selbstbewußtsein über das, was diese Gruppe aus dem
Nomos des Volkes zu machen entschlossen
ist. Praktisch heißt das, Du gibst denen recht, die
in großem Chor mit Nietzsche sagen, daß Wahrheit
Ausdruck der tragenden Machtgruppe und ihres Seins
ist. Zu allem Sokratischen steht das in
unauflöslichem Widerspruch. Aber auch zur
Kairos-Lehre, die sim bemühte, über das
Sokratische hinauszustoßen. Erstens war das, was Du
Nomos nennst und was als Gestaltgesetz der
platonischen Idee nahe steht, als Einheit von
Einheit und Unerschöpflichkeit verstanden worden.
Um des Einheitsmomentes willen ist logische
Erkenntnis möglich, um der Unerschöpflichkeit
willen kann sie nicht statisch sein. Das Verhältnis
beider Elemente ist in jedem Erkenntnisgebiet
verschieden, in keinem aber fehlt die Möglichkeit
kritischer Kontrolle. Dies das eine, das ich hier
nicht weiter ausführen kann. Zweitens haben wir den
Logos nicht an das Gestaltgesetz eines
Volkes gebunden, sondern an die Gestalt einer
historischen Konstellation, in der das Volk einen
entscheidenden Platz einnehmen kann, aber Gestalt
nur in einem übergreifenden Gestaltzusammenhang hat
und Logos nur in ihm finden kann. Wie
wichtig diese Einsicht methodisch ist, wird sich
weiter unten bei der Behandlung einiger
historisch-soziologischer Fragen zeigen.
Grundsätzlich ist vor allem zu sagen, daß auf diese
Weise die Bindung der Wahrheit an die Macht
insoweit beseitigt ist, als jede Macht in der
Gesamtkonstellation ihre Grenzen findet. Keine
einzelne Gestalt kann den Logos an sich
binden, wie kein Volk Gott an sich binden kann. Die
erste Einsicht verdanken wir Plato, die zweite
Amos. Von beiden mußte der Philosoph und Theologe
zeugen, in einer »Geschichtsstunde«, in der der
übergreifende kritische Ernst des
Wahrheitsgedankens von einer Flut von Gerede gegen
Objektivität des Erkennens weggeschwemmt zu werden
droht. Drittens haben wir unter Bindung der
Wahrheit an eine geschichtliche Wirklichkeit
niemals verstanden, daß die Wahrheit nichts als
Ausdruck oder Selbstinterpretation dieser
geschichtlichen Wirklichkeit sein soll. Wir haben
das Verhältnis von »Ausdruck« und »Geltung« oft
behandelt und sind zu der Auffassung gekommen, daß
es für den Erkennenden nur eine Intention, nämlich
die Geltung geben darf; daß aber gerade dann, wenn
er am meisten und strengsten auf die Geltung, das
An-sich, das Objektive gerichtet ist, sich die
Ausdruckskraft seines Denkens einstellt. Und zwar
um so mehr, je weniger er sie beabsichtigt und je
mehr er doch zugleich gefüllt ist mit der inneren
Mächtigkeit seiner Gegenwart. Aber nicht diese
innere Mächtigkeit ist das in jedem Erkennen
Gemeinte, sondern die Wahrheit. Du hast diese
Unterscheidung nicht herausgearbeitet, Du konntest
es nicht, da Du selbst mehr um »Ausdruck« als um
»Geltung« bemüht warst und darum – das ist die
richtende Dialektik des Wahrheitsgedankens – auch
den tiefsten Ausdruck dessen, was geschieht,
verfehlt hast. Durch die theologischen und
philosophischen Beispiele und ihre kritische
Behandlung glaube ich genügend bewiesen zu haben,
daß Du die Kairos-Lehre, in deren
Kategorien Du denkst, bis ins volle Gegenteil ihres
Sinnes umgebogen hast. Ich bestreite, daß die
Begriffe selbst die Möglichkeit solcher Anwendung
darbieten. Du mußtest aus jedem ein entscheidendes
Element herausbrechen, um sie in den Dienst Deines
theologischen und philosophischen Wollens zu
zwingen. Dagegen mußte ich mich wehren und will
mich weiter wehren, indem ich auf einzelne Probleme
eingehe.
II.
1.
Es wird bei Dir theologisch durchaus nicht klar,
wie Du eigentlich in strengen Begriffen das
Verhältnis von Zeitgeschehen und neuer Theologie
auffassest. Ist das Zeitgeschehen eine
Offenbarungsquelle neben den biblischen Urkunden?
Fast scheint es so bei Dir. Wenn es so wäre, so
wären die, die das Zeitgeschehen anders beurteilen
als Du, von einer Offenbarungsquelle
ausgeschlossen, und zwar auf Grund eines
politischen Urteils über politisches Geschehen. Sie
könnten in der »Deutsch-Evangelischen» Kirche
ebenso wie die Judenchristen nur Glieder minderen
Rechtes sein. Und ihrer Theologie würde eine
religiöse Erkenntnisquelle fehlen, die denen mit
anderem politischen Urteil offen stünde. Ich frage
mich, ob solche Auffassung irgendwie durch den
Kairos-Gedanken gerechtfertigt werden
kann. Ich sehe nicht wie, aber ich gebe zu, daß wir
die Probleme, die sich hier ergeben, in den letzten
Jahren nicht genügend verfolgt haben und daß darum
solche Abwege der Interpretation nicht klar genug
ausgeschlossen wurden. Insofern das Zeitgeschehen
und sein Niederschlag in Deinem Buch zur Klärung
dieser Probleme zwingen, bin ich trotz aller Kritik
dankbar dafür. Der Offenbarungsbegriff hat zwei
Seiten, die klar geschieden werden müssen. Einmal
ist Offenbarung Wirklichkeit nur als
»Offenbarungskorrelation«. Offenbarung ist kein
Begriff objektivierenden Denkens. Sie ist nur,
insofern sie als Offenbarung für jemand sich
verwirklicht. Aber, und das ist die andere Seite:
Wenn sie ist, d. h. sich korrelativ verwirklicht,
ist sie exklusiv. Es kann neben ihr nicht andere
Offenbarungen geben, sondern nur andere
Situationen, von denen der Mensch in die
Offenbarungskorrelation eintritt. Jede neue Lage
verändert die Korrelation, verändert aber nicht die
Offenbarung. Wenn ich die Sache ohne das Wort
Offenbarung ausdrücken wollte, so würde ich von dem
Ort reden, von dem her unsere Existenz ihren
unbedingten und exklusiven, zugleich tragenden und
richtenden Sinn empfängt. Offenbarung ist das, dem
ich als letztem Kriterium meines Denkens und
Handelns mich unbedingt unterworfen weiß. Der
Kairos, die geschichtliche Stunde, kann
darum nie von sich aus Offenbarung sein. Sie kann
nur den Eintritt einer neuen
Offenbarungskorrelation anzeigen. Sie bezeichnet
den Augenblick, in dem der Sinn der Offenbarung
sich neu erschließt für Erkennen und Handeln, in
dem z. B. das letzte Kriterium der Wahrheit einer
Zeitkonstellation gegenüber von neuem sichtbar
wird, also etwa das Kreuz Christi gegenüber der
kapitalistischen oder nationalistischen Dämonie.
Wenn Du das Ja zu solchem Sich-neu-Erschließen der
Offenbarung »Wagnis« nennst, so stimme ich Dir zu
mit der doppelten Voraussetzung, daß Du das Stehen
in der Offenbarungskorrelation selbst nicht Wagnis
nennst, und daß Du die Relativierung des Gewagten
in allen Konsequenzen anerkennst. Offenbarung ist
Prius, nicht Gegenstand des Wagnisses. Sie ist das,
was mich vor jedem wagenden Handeln je schon
ergriffen hat. Sie wäre weder exklusiv noch
unbedingt, wenn sie von meinem Wagnis abhinge. »Es
auf Christus oder auf Gott wagen« ist eine Formel,
die mir immer etwas gotteslästerlich geklungen hat.
Dagegen hat Wagnis im Kairos seinen Platz.
Daraus folgt, daß die Offenbarungsgemeinschaft
nicht abhängig ist von der Wagnisgemeinschaft. In
jeder geschichtlichen Stunde liegt mehr, als daß
eine Ausdeutung sie erschöpfen könnte. Darum wird
zwar eine theologische Gruppe der anderen gegenüber
das tiefere Stehen im Kairos in Anspruch
nehmen, aber sie wird die andere nicht von dem
gemeinsamen Stehen in der Offenbarungskorrelation
ausschließen. Wagnis trägt das Bewußtsein möglichen
Scheiterns in sich. Es ist weder unbedingt noch
exklusiv. So z. B. in unserem Fall: Für Dich und
andere ist Kairos das) was Du als
»deutsche Stunde« bezeichnest, für uns war es das,
was man als »Stunde des Sozialismus« bezeichnen
könnte und wovon nach unserer Auffassung das
deutsche Geschehen ein Teil ist, der in Isolierung
von dem Ganzen überhaupt nicht verstanden werden
kann. Für Barth, der darin, ohne zu wollen, dem
Kairos seinen Tribut zahlt, ist es die
Befreiungsstunde der Kirche von den in den
bürgerlichen Jahrhunderten in sie eingedrungenen
säkularen Elementen, was ja nur möglich ist, weil
der Säkularismus als geschichtliche Erscheinung in
sich selbst brüchig geworden ist. Alle drei
Deutungen des Kairos sind Wagnis.
Schließst Du nun die beiden, die Du nicht bejahst,
von der vollgültigen Arbeit der deutschen
evangelischen Theologie aus? Anstatt mit ihnen um
die beste und wahrste Deutung zu ringen? Ist
deutsche Theologie nicht eine machtvolle geistige
Tradition, die sich längst auch jenseits der
Grenzen Deutschlands ein vielfaches Bett gegraben
hat und die, auch wenn sie wenig vom gegenwärtigen
Geschehen berührt ist, an zahlreichen theologischen
Problemen in der Vollmacht dieser ihrer Tradition
weiterarbeiten kann? Entscheidend ist – und die
klare Einsicht darin verdanke ich dem Widerspruch
zu Deinem Buch –, daß Offenbarung und
Kairos) reines Ergriffensein und Wagnis,
Exklusivität des Kriteriums und Relativität der
konkreten Entscheidung auf verschiedenen Ebenen
liegen. Die Richtung auf das erste macht den
Theologen zum Theologen, sie gibt ihm das letzte
Kriterium; das Stehen im zweiten gibt ihm die
Gegenwartsnähe und Geschichtsmächtigkeit. Du hast
das erste um des zweiten willen in Deinem Buche
unsichtbar gemacht, und zwar in einem Augenblick,
wo infolge des Hervorbrechens der Ursprungsmächte
das Kreuz als Kriterium machtvoller herausgehoben
werden mußte denn seit Jahrhunderten.
2. Wie Deine theologische, so muß
ich auch Deine wissenschaftliche Haltung angreifen.
Kannst Du es im Ernst wissenschaftlich
verantworten, ein Buch über die gegenwärtige
geistige Lage zu schreiben, ohne eine soziologische
Analyse der Gruppen und Schichten zu geben, von
denen bestimmte geistige Tendenzen getragen werden?
Ich habe diese Dinge bei der Besprechung des
theologischen Sinnes der Ideologie-Forschung
erwähnt, ich komme jetzt auf sie im Zusammenhang
meiner wissenschaftlich-historischen Kritik. Eine
Reihe Deiner historischen Urteile sind überhaupt
nur zu verstehen, weil Du Dich bewußt oder unbewußt
gegen die offenkundigsten soziologischen Einsichten
gesperrt hast. Und das wieder ist nur zu erklären,
weil Soziologie eine der schärfsten Waffen gegen
ungebrochenen Enthusiasmus ist. Einige Beispiele!
Du rühmst Dich, gegen den »die Breite des
öffentlichen Lebens bedeckenden Strom« gestanden zu
haben. Ist Dir nie aufgegangen, daß auf den
Universitäten, in der sogenannten höheren
Gesellschaft, im Mittelstand, im Bauerntum von
einem solchen Strom nichts zu bemerken war, wohl
aber von dem gerade entgegengesetzten? Nun, wenn Du
es nicht bemerkt hast, so kann ich Dir
mitteilen, daß wir, die wir in diesen Gruppen
hoffnungslos allein standen, auf Schritt und Tritt
zu fühlen bekamen, welches der wirkliche Strom war:
Die Reaktion aller bürgerlichen Schichten gegen die
Beteiligung der Arbeiterschaft am Staatsaufbau!
Hättest Du das mit soziologisch geschärftem Blick
gesehen, so würdest Du Dich auch nicht rühmen, den
Nachkriegsstaat »ausgehöhlt« und ihm so viel wie
möglich an Autorität genommen zu haben. Das ist
durch das Bürgertum viel wirksamer geschehen.
Weiter hättest Du, wenn das so und nicht anders
ist, nicht vergessen dürfen, die
Weltwirtschaftskrise zu erwähnen und die mit ihr
eingetretene akute Bedrohung des Mittelstandes und
den von ihr geschaffenen, neuen sozialen Typus des
dauernd Arbeitslosen. Du hättest bei der Weltweite
dieser Erscheinungen und bei der Ähnlichkeit der
Reaktion in vielen Ländern eher das Bild eines
Spätherbstes als eines Frühlings benutzen müssen,
und zwar ohne Beschränkung auf Deutschland. Wie
kann ein Kulturkreis, der seine Klassik hinter sich
hat, also die Zeit seiner Blüte, gleich wieder mit
dem Frühling anfangen? Diese Einsichten hätten Dein
positives Urteil über das gegenwärtige Geschehen
nicht zu ändern brauchen. Aber sie hätten ihm das
wissenschaftliche Gewicht gegeben, was ihm jetzt
fehlt. Man kann ebensowenig vom Enthusiasmus wie
vom Glauben aus Tatsachen deduzieren. Wenn Du als
theologischer Historiker die geistige Lage der
Gegenwart aufzeigen wolltest, so hättest Du allein
einen großen Dienst leisten können, wenn Du auf
andere soziologische Zusammenhänge aufmerksam
gemacht hättest als auf diejenigen, die wir sehen,
und wenn Du die gegenwärtige soziologische Struktur
in Mitteleuropa als Hintergrund der gegenwärtigen
geistigen Lage aufgezeigt hättest. Dann hättest Du
den ungeheueren und im geschichtsphilosophischen
Sinne bedrohlichen Spannungsreichtum innerhalb der
gegenwärtigen politischen Einheit sichtbar machen
können und hättest damit eine echte,
konkret-existential geschichtliche Analyse gegeben.
Eine solche vom wissenschaftlichen Standpunkt
unbedingt geforderte Bemühung hätte Dich weiter
davor bewahrt, auslandsfeindliche Seitenhiebe im
Stil der »höheren Bierbank« zu machen: Daß die
ausländische Philosophie wesentlich
»untermenschlich-naturalistische Bestimmungen des
letztlich Gültigen« gab, daß der
Kulturimperialismus eine »spezifisch welsche« Idee
ist, daß das »auktoritäre Regiment welsch« ist, daß
das außerdeutsche evangelische Christentum sich
ohne das deutsche aus eigener Kraft nicht
evangelisch erhalten könnte, ganz zu schweigen von
Deinen Urteilen über Rußland, die auch, wenn sie
noch so scharf sind, doch wenigstens sachhaltig
sein müssen: Das treibt mich zu der Frage: Ist
diese Anleitung zu unkontrollierten Urteilen über
andere Völker wirklich ein theologischer Dienst am
eigenen? Und wenn Du über die »Lüge des
Weltgewissens« und das »schuldhafte Schweigen der
Kirchen zu Versailles« mit Recht empört bist, so
hättest Du zum mindesten die Empörung erwähnen
müssen, die das Schweigen der deutschen Kirchen
beispielsweise zum Tage des Judenboykotts in
Kirchen und Nichtkirchen der ganzen Welt
hervorgerufen hat! Gerade weil Du aus
philosophischen und theologischen Gründen zu der
Rassengesetzgebung stehst, wäre es ethische Pflicht
der Stunde und religiöse Verantwortung unserem Volk
gegenüber gewesen, wenn Du von der
Rassengesetzgebung den Rassenhaß ebenso scharf
unterschieden hättest, wie wir von der
strukturellen Notwendigkeit des Klassenkampfes im
Kapitalismus den Klassenhaß unterschieden und
bekämpft haben. Wieder ist es Dein ungebrochener
Sakramentalismus, der Dich hindert, zu sehen, was
Du hättest sehen müssen und können.
3. Über Volk, Staat und Kirche mit
Dir zu reden, erfordert mehr Raum, als die Grenzen
dieses Briefes zulassen. So will ich mich auf das
beschränken, was im Rahmen meiner Gesamtkritik
Deines Buches unentbehrlich ist. Um die
Absolutsetzung des nationalen Kairos zu
ermöglichen, beschränkst Du den Horos, das
schöpferische Dunkel, auf die Begrenztheit
menschlicher Existenz durch Volk und Blut. Du
nennst sie im Anschluß an den Sprachgebrauch meines
letzten Buches: »Die sozialistische Entscheidung«
[Gesammelte Werke, Bd. II.] das »Ursprüngliche« und
beantwortest meine dort systematisch gestellte
Frage, wie Reflexion Ursprünglichkeit schaffen
könne, durch die Behauptung, das wäre Paradoxie und
Geheimnis. An keiner Stelle Deines Buches scheint
mir nun soviel Konstruktion vorzuliegen wie hier.
Weder ist bewiesen die Identität von heiligem
Horos und Ursprung, noch die Identität von
Ursprung und Volk, noch die Identität von Volk und
Blutbund. Diese drei Identifizierungen sind aber
das Gerüst Deines ganzen Gedankenganges. Ohne sie
würde die entscheidende Voraussetzung des ganzen
Buches hinfällig werden. »Am Ganzen unseres
menschlich geschichtlichen Lebens ist die Grenze
mächtig. Überall in ihm offenbart sie sich … ihr
Schein des Denkens Licht, ihre Glut des Lebens
Blut«, sagst Du in Übereinstimmung mit dem, was wir
über den Abgrund, die Unerschöpflichkeit, den
sinngebenden Gehalt unserer Existenz gegenüber
einer rationalistischen Turmphilosophie gesagt
haben. Aber warum beschränkst Du dann den
Horos, der am Ganzen unseres
geschichtlichen Lebens mächtig sein soll, auf den
Ursprung? Ist er nicht auch mächtig in den
geschaffenen Formen, in denen der Mensch über den
Ursprung hinausschafft, ist er nicht mächtig in dem
»Wozu«, durch das im geschichtlichen Leben das
»Woher« transzendiert wird? Ist des »Denkens Licht«
in Platos oder Laotses Denken nur der sie
begrenzende Ursprung? Wie könnte es dann durch
Zeiten und Räume leuchten, die nichts mit ihrem
Ursprung zu tun haben? Ist das nicht nur zu
verstehen, weil die transzendente, sinngebende
Mitte gerade darin ihre Kraft zeigt, daß sie durch
die Ursprungsgrenzen durchbricht? Und gilt nicht
das Gleiche wie vom Denken so auch vom Leben? Die
heilige Grenze als »des Lebens Blut« glüht in
Franziskus und Buddha nicht mit der Macht ihres
Ursprungs, sondern in der Macht eines
ausdrücklichen Bruches mit ihrem Ursprung. Zwar
weißt Du darum, daß der heilige Horos den
natürlich-geschichtlichen verzehren kann, aber
nirgends wird bei Dir angedeutet, daß er ihn
transzendieren kann, daß er zu einer neuen
geschichtlichen aber nicht mehr ursprungsgebundenen
Verwirklichung führen kann. So z. B. teilweise die
exilische oder uneingeschränkt die urchristliche
Gemeinde. Hier ist das »Wozu« und nicht das »Woher«
existenzgründend. Daher die Notwendigkeit für Dich,
Dich so stark von der neutestamentlichen Haltung zu
distanzieren und die religiöseste Periode der
Menschengeschichte »Gottentfremdung der Spätkultur«
zu nennen. Freilich war es eine Zeit der
Entfremdung vom Ursprung. Die Autonomie war
vorangegangen und die Krisen der Autonomie. Aber
eine neue Theonomie war hereingebrochen, und die
Urkunde dieses Einbruches ist das Neue Testament.
Wenn Entfremdung von Ursprungsfrömmigkeit
Gottentfremdung überhaupt ist, dann gibt es kein
gottentfremdeteres Buch als das Neue Testament.
Konkret ist der Ursprung für Dich das Volk. Leider
gibst Du keine klare Begriffsbestimmung. Doch wenn
man die verschiedenen bei Dir genannten Momente
(natürlich, geschichtlich, bluthaft, staatlich)
zusammennimmt, so kommt als idealtypisches Bild der
europäische Nationalstaat heraus, wie er von der
Französischen Revolution im Gegensatz zum feudalen
und dynastischen Staat geschaffen ist. Nun kann
kein Zweifel sein, daß Nationalstaat in diesem
Sinne heute die unmittelbar geschichtsmächtige
Wirklichkeit ist. Und ich würde Dir zugeben, daß
der Religiöse Sozialismus in seinem Interesse an
der sozialen Ordnung der Gesellschaft dem
nationalen Staat und den in ihm konzentrierten
Ursprungsmächten zu wenig Aufmerksamkeit zugewandt
hat (ich selbst erst in meinem letzten Buch). Ich
gebe Dir auch weiter zu, daß es Augenblicke in der
Geschichte geben kann, in denen das Schicksal eines
Volkes nicht nur für es selbst, sondern auch für
die Welt einen Kairos, eine religiös zu
deutende, überragende geschichtliche Stunde, eine
Verheißung und Forderung bedeuten kann. Hätte Dein
Buch nur dieses gesagt, so hätte ich mir die
folgende Kritik sparen können. Aber es sagt sehr
viel mehr und sehr viel anderes. Es sagt z. B., daß
Ursprung und Volk identisch sind. Aber wie ist das
zu rechtfertigen, außer wenn Volk der Name für jede
natürlich-geschichtliche Gruppe überhaupt wird:
Also Sippe, Stamm, Blutsgruppe, Rassengruppe,
Landschaftsgruppe, Standesgruppe, Sprachgruppe,
Staatsgruppe. All diese Gruppen können sich
verbinden und sich ausschließen. In ihnen allen
sind Ursprungskräfte. Aber Volk mit den von Dir
angegebenen Merkmalen ist weder der dynastische
Staat noch die Sprachgruppe noch der Stand (z. B.
das ursprungsmächtige mittelalterliche Rittertum,
das einen Querschnitt durch die Länder der
Christenheit darstellte), noch die Rasse usw. Volk
in dem von Dir umgrenzten Sinne ist eine einmalige
kaum hundertfünfzig Jahre alte Erscheinung. Wenn
das aber so ist, so wird ihre metaphysische
Absolutsetzung als Ursprungsmacht überhaupt und
damit als einzige Verwirklichung des heiligen
Horos überaus zweifelhaft. Ja, ich muß Dir
gestehen, daß mir von hier aus auch der verlockende
Begriff des völkischen Nomos
(Gestaltgesetz) und der weniger verlockende des
völkischen Logos (begriffenes
Gestaltgesetz) zweifelhaft geworden ist. Denn was
bedeutet ein Gesetz, das nicht nur wechselnde
Erscheinungen begreift, sondern, wie Du vielfach
aussprichst, selbst im ständigen Wechsel steht?
Wenn geschichtliches Handeln die Nomoi der
Völker in jedem Augenblick wandelt, was heißt dann
noch: Gemäß dem Gestaltgesetz handeln? Wenn ich es
wandle durch mein Tun, so ist es ja nicht mehr
Gesetz für mein Tun. Und so ist es doch
tatsächlich. Zur Zeit wird durch stärkste
Willensanspannung eine neue Gestalt des deutschen
Volkes geschaffen, aber was soll es konkret
bedeuten, daß ein vorher vorhandenes Gestaltgesetz
verwirklicht wird, wo Du gleichzeitig sagst, daß
das kommende Gestaltgesetz erst geschaffen wird?
Was ist ein Begriff wert, für den es keinerlei
konkrete Anwendungsmäglichkeiten gibt? In der
feierlichen und rituell-priesterlichen Sprache
mögen solche Worte einen Sinn haben, fruchtbare
wissenschaftliche Erkenntnis vermitteln sie nicht.
Und nun die dritte Identifizierung, die ganz in die
Sphäre des Mystismen führt, die Gleichsetzung von
Volk und Blutbund. Du gibst dieser Identifikation
das größte Gewicht, indem Du behauptest, daß durch
die Idee des Blutbundes dem Sturz der
»euramerikanischen Kultur von Klippe zu Klippe« das
»Bis hierher und nicht weiter« entgegengerufen
wird. Die Idee des Blutbundes hat also geradezu
Heilsbedeutung für einen Teil der Menschheit. Umso
wichtiger wäre es, klar herauszuarbeiten, um was es
sich dabei handelt. Offenbar meinst Du nicht die
Rassengesetzgebung, die ja praktisch nur gegen die
Juden gerichtet ist und nicht gegen die übrigen
Völker des euramerikanischen Kulturkreises.
Blutbund muß also etwas Engeres meinen, entweder
die spezifische Blutsbeschaffenheit des sogenannten
nordischen Menschen, die aber einerseits
nichtdeutsche Völker umfaßt, andererseits für große
Gruppen des deutschen Volkes nicht zutrifft. So
bliebe also nur das deutsche Volk selbst und die
Forderung, jede Blutsvermischung über seine Grenzen
hinaus zu verhindern und Träger schon vorhandener
Blutsmischungen dieser Art im Sinne der
Rassengesetzgebung zu entrechten. Derartiges würde
die Zerreißung der mehr als tausendjährigen
Tradition bedeuten, daß die
christlich-abendländische Welt eine einheitliche
Völkerfamilie darstellt, eben weil sie von ihren
geschichtlichen Anfängen an gemeinsam durch das
Christentum geformt ist. Willst gerade Du als
Theologe der deutschen Führung zu einem solchen
Schritt raten, den sie offenbar selbst nicht in
Aussicht genommen hat? Bist gerade Du als Theologe
berufen, der sakramentalen Blutsgemeinschaft der
Christenheit, die durch das Abendmahl gegeben ist,
die natürlich-geschichtliche Blutsgemeinschaft
überzuordnen? Und wieder frage ich, wie schon so
oft: Wäre es nicht Deine Aufgabe als Theologe
gewesen, gerade wenn Du die Ursprungsmacht des
Blutes so stark hervorheben wolltest, die Grenze
seiner Macht mit Hilfe der Abendmahlssymbolik
herauszuarbeiten?
Das Originelle an Deiner Staatslehre ist Dein
Begriff des »verborgenen Souverain«. Ich gehe auf
ihn ein, weil er auch ins Theologische
hineinreicht. Du gebrauchst ihn, um dem Staat den
Inhalt zu geben, den er als totaler nötig hat, und
zugleich um gegenüber der älteren lutherischen
Lehre das Revolutionsrecht zu begründen. Ich
beginne mit dem zweiten. Hast Du Dir nie die Frage
vorgelegt, die mir so oft begegnet ist, die so
viele an der Ehrlichkeit unseres Kirchentums irre
gemacht hat und die so nahe liegt: Wie ist es
möglich, daß eine Kirche, die sich Jahrhunderte
hindurch unter jede, auch die volksverderbendste
feudal-dynastische Obrigkeit gebeugt hat und
bedingungslosen Gehorsam gerade gegenüber diesen
»schlechten Obrigkeiten« gelehrt hat, in dem
Augenblick diese Lehre vergaß, wo ein Staat
geschaffen wurde, in dem andere als die alten
Schichten die Obrigkeit repräsentierten? In dem
Augenblick, als bestimmte Gruppen ihre ererbten
Privilegien verloren hatten, entwickelte das
Luthertum, vertreten durch die jungnationale
lutherische Theologie, eine Lehre vom »bedingten
Gehorsam«. Wäre hier nicht die Frage nach dem
ideologischen Charakter beider Lehren am Platze
gewesen? Unter diesem Gesichtspunkt packt mich fast
ein Grauen, wenn Du schreibst: »Es mußte … dem
damalig bestehenden Staat möglichst viel an
Gestaltungsvollmacht entwunden … werden.« Wessen
unbewußtes Werkzeug warst Du, als Du das tatest und
theologisch rechtfertigtest? Und was für Folgen muß
es haben, wenn das dann theologische Lehre
wird? Der »verborgene Souverain« ist eine mystische
Realität, wenn er eine Realität ist. Niemand kann
aus ihm eine konkrete Entscheidung ableiten. Jeder
kann behaupten und bis zur Selbstaufopferung sich
dafür einsetzen, daß der je gegenwärtige offene
Souverain dem verborgenen ungehorsam ist. Weder die
altcalvinistische Lehre vom Widerstandsrecht der
unteren Obrigkeiten, noch die sozialistische vom
Klassencharakter des kapitalistischen Staates gibt
ein so uneingeschränktes, so von allen objektiven
Normen freies Revolutionsrecht wie diese Lehre.
Oder sollte sie nur einmal zur Anwendung kommen und
nie wieder? Aber verdient sie dann noch den Namen
einer Lehre? Ferner, was bedeutet die Idee des
verborgenen Souverain für das staatliche Handeln
selbst? Sie gibt ihm die Aufgabe, das
natürlich-geschichtliche Volkstum zu bewahren und
zu entfalten, eine im nationalen Staat
selbstverständliche Forderung; aber es ist
schlechterdings nicht einzusehen, wieso die Idee
des verborgenen Souverain darüber hinaus Neues
bringt. Ich vermute darum, sie hat eine dritte, Dir
wohl wichtigste Aufgabe zu erfüllen: Anstelle des
Gottesgnadentums einerseits, der Volkssouveränität
andererseits soll sie für die Herrschenden eine
Bindung und Verantwortlichkeit schaffen. Das ist in
der Tat in einem Staate, in dem der Wille eines
Menschen einziges Gesetz ist, von größter
Bedeutung. Aber wieder frage ich: Ist der
verborgene Souverain dazu geeignet? Das
Gottesgnadentum gab ein Korrektiv gegen Willkür,
sofern der christliche Gottesgedanke bestimmte,
entfaltete Züge hatte, an denen das Gewissen des
Herrschers sich orientieren und das Volk die
Handlungen des Herrschers messen konnte. Und die
Souveränität des Volkes stellte sich in meßbarer
Form als Mehrheitswille dar. Der verborgene
Souverain hat keinerlei solche Bestimmtheit. Er
gewinnt sie nach Deiner eigenen Auffassung durch
das jeweilige historische Schicksal, vor allem
durch das Handeln der Herrschenden, denen er doch
Souverain sein soll. Was aber ist ein Souverain,
der von denen geschaffen und gewandelt wird, die
ihm unterworfen sind? Treibt Dich Dein Wunsch, den
autokratischen Konsequenzen der Zerstörung der
Demokratie, die Du selber fürchtest, zu entgehen,
nicht in einen Mystizismus, aus dem konkret nichts
folgt? Wäre hier nicht gerade ein Realismus, der
wirkliche antiautokratische Korrektive sucht,
richtiger und ehrlicher gewesen als ein
Enthusiasmus, der erklärt, die Rückkehr zur
Autokratie wäre »unwahrscheinlich«. Was für eine
Lehre vom Menschen kann Dich als Theologen zu einer
solchen Erwartung veranlassen? Und was hat die
Kategorie des »Wahrscheinlichen« in einer
grundsätzlichen Staatslehre zu suchen? Du fühlst
selbst die Schwäche dieses Auswegs in Deiner
Erörterung über Führertum. Du weißt aus der
Kirchengeschichte, daß charismatisches Führerturn
eine Gabe der geschichtlichen Stunde ist, und zwar,
wie Du mit Recht sagst, bei den Führern und bei den
Geführten. Du weißt auch, daß das Charismatische
nach einsichtigen Gesetzen in das Institutionelle
übergehen muß. Wenn das aber so ist, so kann
Autokratie auf keine andere Weise verhindert werden
als durch Einschaltung von Korrektiven
aristokratischen oder demokratischen Charakters.
Damit aber ist die neue Staatslehre an dem Punkt
angekommen, an den die religiös-sozialistische
Staatslehre längst gelangt war, nämlich zu dem
Satz, daß Demokratie nicht Konstitutiv, sondern nur
Korrektiv im Staatsaufbau sein kann. (Vgl. meinen
Aufsatz »Der Staat als Erwartung und Forderung«
[Gesammelte Werke, Bd. IX.].) Kann Dein verborgener
Souverain leisten, was die konkreten Korrektive der
Autokratie in aller höheren Entwicklung der
Menschheit geleistet haben und in Zukunft leisten
müssen? Hat Hegel so ganz unrecht, wenn er in
seiner Geschichtsphilosophie den
christlich-germanischen Freiheitsgedanken dem
asiatisch-vorchristlichen Prinzip der Despotie
entgegenstellt? Und ist nicht in dem demokratischen
Ideal neben dem stoisch-epikuräischen das
christlich-germanische Element enthalten, die
Wertung des einzelnen Menschen im Unterschied von
seiner völligen Bedeutungslosigkeit im asiatischen
Denken? Wäre z. B. die gesetzlich uneingeschränkte
Verfügungsgewalt eines Einzelnen über Leben und Tod
jedes Einzelnen aus der
christlich-germanischen Tradition zu rechtfertigen?
Hättest Du als christlich-deutscher
Geschichtsphilosoph nicht die Aufgabe gehabt, auf
diese Tradition historisch und systematisch
aufmerksam zu machen, anstatt ohne jede kritische
Einschränkung eine Haßerklärung gegen alles
Demokratische von Dir zu geben? Auch bei Deinen
Ausführungen über Gleichheits- und
Ungleichheitsgerechtigkeit, denen ich formal
zustimmen kann, hast Du vergessen, zu zeigen, was
Gerechtigkeit in der Ungleichheit bedeutet. Wäre
nicht das ein theologisches Wort »aus der Stunde«
gewesen?
Du schilderst mit begeisterter Zustimmung den
Totalitätsanspruch des von Dir als ideal gesehenen
Staates. (Der wirkliche Staat ist wesentlich
zurückhaltender, z. B. in der Wirtschaft. Deine
Schilderung trifft nur auf Rußland ganz zu.) Mir
ist Deine Zustimmung besonders interessant, weil
ich gerade an einem Aufsatz [»Der totale Staat und
der Anspruch der Kirchen«, Gesammelte Werke, Bd.
X.] arbeite, in dem ich die Entstehung der Idee des
totalen Staates in Ost- und Mitteleuropa aus der
spätkapitalistischen Krisensituation (geistig,
gesellschaftlich und ökonomisch) in Ländern ohne
alt-demokratische Durchformung verständlich zu
machen suche, nämlich aus der Notwendigkeit der
»Reintegration« der in wachsendem Maße
desintegrierten Massen. Vor allem ist mir wichtig,
daß auch Du meinst, für eine solche totale
Durchformung müsse eine Weltanschauung die
Grundlage geben; ich sage dafür, weniger
intellektualistisch und dem gegenwärtigen
Sprachgebrauch angemessener: ein Mythos. Sobald das
aber eingesehen ist (und wir scheinen hier von
verschiedenen Standorten ähnliche Notwendigkeiten
zu sehen), entsteht eine Reihe schwerer Probleme.
Zunächst ein staatspolitisch-dialektisches. Der
totale Staat muß getragen werden von
Persönlichkeiten, die in »schöpferischer
Verantwortlichkeit« entscheiden. Wie kann es zu
solchen Persönlichkeiten kommen? Wohl nicht ohne
das, was Du selbst »Widerspannung« gegen die
verfestigten Formen nennst. Du selbst bekennst von
Dir, im Widerstand gegen die staatlichen und
geistigen Mächte der letzten Periode stark geworden
zu sein. Die Demokratie gab Raum, sicher zu viel
Raum, zu solchem Widerstand. Immerhin hat sie nach
Dir der Entwicklung einer einmaligen Fülle von
Führerpersönlichkeiten Raum gegeben. Wie aber, wenn
jeder solcher Raum geistig und machtmäßig besetzt
ist? Wie, wenn keinerlei Ausweichmöglichkeit da
ist, weder innerlich noch äußerlich? Können
Persönlichkeiten überhaupt, können
Führerpersönlichkeiten insbesondere entstehen, ohne
daß ein Raum da ist, in dem sie durch existentielle
Entscheidung zu der Vollmacht heranreifen, für
andere zu entscheiden? War nicht die europäische
Geschichte von Anfang an so reich und schöpferisch,
weil zu allen Zeiten ein genügender Ausweichraum da
war? Und diese Frage gilt weiter für das Geistige.
Ich vermisse schmerzlich in einem Buch über die
gegenwärtige geistige Lage einen Abschnitt über die
gegenwärtige Lage des Geistes. Ich gebe zu, daß dem
Geist die Existenz seiner Träger als bürgerlich
gesicherte Lehrbeamte oder als verhätschelte
Literaten sehr schlecht bekommen ist. Die
wirklichen Träger des Geistes sind darum seit einem
Jahrhundert beiden Existenzformen freiwillig oder
unfreiwillig fern geblieben. Ich behaupte im
Gegensatz zu manchen Liberalen, daß Unsicherheit,
Verfolgung, Heimatlosigkeit, Gefängnis und
Todesdrohung dem wirklichen Geist nie haben schaden
können und ihm auch jetzt dienen werden. Aber es
gibt hier eine Grenze. Um bedroht und verfolgt zu
werden, muß der Geist erst einmal da sein; und um
da zu sein, muß er einen Raum haben, in dem er
durch Nein-sagen zum Ja-sagen kommen kann. Es ist
der erste Schritt alles Geistes, nein zu sagen zum
unmittelbar Gegebenen. Widerspricht es nicht der
Totalitätsidee, wie Du sie schilderst, Raum für die
Entwicklung eines existentiellen Nein zu geben? Es
hat Staaten gegeben, die dem Geist diesen Raum
versagt und ihn in sich zerstört haben. Hat Dich
der Ernst dieser Frage nie gestört in Deiner
enthusiastischen Schilderung des totalen Staates
und in der Forderung rücksichtslosen Zugreifens,
das besser sei als überreden? Gibt es nicht
zwischen beiden die Kategorie des »Überzeugens« –
nicht durch Worte, sondern auch durch das
Herstellen symbolkräftiger Wirklichkeiten? Wo
bleiben solche Erwägungen bei jemandem, der sich
gleichzeitig auf Sokrates beruft?
4. Einen Ausweichraum braucht vor
allem die Kirche. Was wäre aus Urchristentum und
Protestantismus geworden, wenn sie ihn von Anfang
an nicht gehabt hätten und nicht hätten reifen
können bis zu den Entscheidungsschlachten gegen die
Mächte, die beiden ihren Raum wieder nehmen
wollten? Nun überläßt Du der katholischen Kirche
diskussionslos einen solchen Raum. Du sprichst ihr
geschichtliche Lebensmöglichkeiten zu, die
unabhängig sind vom Schicksal des deutschen Volkes,
und Du greifst diese Lebensmöglichkeiten nicht an,
wenn Du sie wohl auch bedauerst. Der evangelischen
Kirche sprichst Du eine solche unabhängige
Lebensmöglimkeit ab. Die Todeskrise des Volkes war
auch Todeskrise der Kirche. Die »Morgensonne des
Volks schießt ihre Strahlen« auch für die Kirche.
Nun waren wir darin einig, daß ein totaler Staat
mit seinem Anspruch an den ganzen Menschen nur
möglich ist in der Kraft einer Weltanschauung, die
alle Seiten des Menschlichen ergreift, eines
Mythos. Man darf, sagst Du mit Recht, den
Nationalsozialismus nicht als eine bloße Bewegung
betrachten, der nur ein »Teil des menschlichen
Daseins überantwortet« ist. Denn nur religiös
gefüllte, nicht rational produzierte Weltanschauung
hat solche Kraft. Wenn es sich aber um einen Mythos
handelt, so ist die Frage, die Du selbst stellst,
allerdings sehr ernst, ob dieser Mythos »der
tragende, natürlich geschichtliche Lebensgrund und
Schaffensraum ist für deutsche Menschen
evangelischen Glaubens und evangelischen Geistes«,
ob das neue Bild des deutschen Menschen und das
alte Bild des Christenmenschen zusammenstimmen. Ich
habe nicht zu untersuchen, ob sie es tun. Ich habe
mich, wie in diesem ganzen Brief, nur um das
Methodische, um das theologische Prinzip zu
bemühen. Und da frage ich nun: Wer hat das zu
entscheiden? Eine ernsthafte Entscheidung ist nur
eine solche, in der das Nein möglich ist. Ist der
Anspruch des totalen Staates berechtigt, so hat
sich ihm die protestantische Theologie zu
unterwerfen, da ihr ja nach Dir eine eigene
geschichtliche Existenz fehlt. Sagt nun der Staat:
Nein, sie stimmen nicht zusammen, so hätte sich die
Kirche aufzugeben zugunsten des neuen, die
Totalität des Staates konstituierenden Mythos. Die
Gefahr, daß er offen nein sagt, ist groß. Wie aber,
wenn er versteckt, vielleicht unbewußt nein sagt,
wenn maßgebende Führer bestimmte Züge aus dem Bilde
des Christenmenschen auswischen oder übermalen, die
mit dem neuen Bilde des deutschen Menschen nicht
übereinstimmen? Warum hast Du diese Möglichkeit,
die doch schon vielfach Wirklichkeit geworden ist,
nicht zum eigentlichen Problem gemacht? Aber auch
die andere Möglichkeit ist da, daß Kirche und
Theologie die Übereinstimmung beider Bilder in
Frage stellen. Gewährst Du ihnen dann den gleichen
Ausweichraum wie der katholischen Kirche? Und wenn
Du es tätest, was würde dann aus dem staatlichen
Totalitätsanspruch, da doch auch die Kirchen den
ganzen Menschen beanspruchen? An dieser Stelle
liegen die Probleme, die bei dem überall
aufbrechenden Totalitätsanspruch des Staates für
Protestantismus und Christentum entscheidend sein
werden und an denen Du in Deinem Buch – ja, ich muß
es sagen – enthusiastisch vorbeiredest. Oder willst
Du eine Lösung andeuten, wenn Du die
uneinheitIiche, Deinen Forderungen widerstrebende
protestantische Theologie mit folgenden Worten
bedrohst: »Muß erst ein Zwingherr kommen und
gebietende Lehre über uns alle setzen, so zerbräche
in uns das Reformatorische.« Bist Du geneigt, den
Zwingherrn zu rufen, wenn die Theologie nein zu der
von Dir vorausgesetzten Einheit sagt? Bist Du
bereit, das Protestantische dafür zu opfern? Du
sprichst hier, wie der Religiöse Sozialismus hätte
sprechen müssen, wenn er Religiöser Bolschewismus
gewesen wäre. Er sprach nicht so. Aber wenn auch Du
nicht so sprechen wolltest, was bedeutet dann
dieser Drohsatz, was bedeutet dann Deine
ungebrochene Anerkennung des staatlichen
Totalitätsanspruchs über das hinaus, was der
wirkliche Staat tut? Was bedeutet die Aufopferung
eines eigenen geschichtlichen Raumes des deutschen
und sogar des Weltprotestantismus?
In Deinen weiteren Ausführungen über die Kirche
kann ich eine erfreuliche übereinstimmung zwischen
Barth, Dir und mir feststellen. Wir bedauern alle
nicht, daß der Staat der Kirche eine Reihe sozialer
und kultureller Werke abgenommen hat und daß sie
sich nun besser auf ihr eigenes Werk besinnen kann.
Aber über Deine positiven Formulierungen waren wir
im Berneuchener Kreis schon längst hinaus. Wir
gaben der Kirche außer Wortverkündigung und
Meditation die Aufgabe, in sich
symbolisch-repräsentativ den christlichen
Liebesgedanken in sozialen Gestaltungen zu
verwirklichen und so für den Staat ein
eindrucksvoller Hinweis auf die Grenzen alles
erzwingbaren Handelns und auf eine Wirklichkeit
höherer Ordnung zu sein. Doch könnten wir uns
hierüber vielleicht einigen, wenn Du einen Raum für
solch christlich-repräsentatives Handeln im totalen
Staat zugestehen würdest. Keinerlei Einigung ist
aber möglich mit folgenden Sätzen von Dir: »Allein
Führung als heißer Wille …, die Verkündiger und die
kirchlichen Helfer und Arbeiter und alle lebendigen
Frommen mit allem, was sie an Gut und Arbeit und
Gaben haben, in die werdenden Formen und
Gestaltungen volkhaft-staatlichen Lebens
hinüberzureißen, kann unsere Kirche davor bewahren,
jetzt eine tote Kirche zu werden …« Hierzu kann ich
nur sagen: Zunächst verwechselst Du die Aufgabe der
staatlichen und der kirchlichen Führung. Der Staat
wird das Interesse haben, wie jeder seiner Bürger,
so auch die kirchlichen Verkünder und Arbeiter
seinem Leben aktiv einzuordnen. Aber selbst der
Staat kann wenig Interesse an einer Kirche haben,
deren Führung ihm das nachmacht – mit
unvollkommeneren Mitteln, als er es kann –, anstatt
ihre eigene Aufgabe zu erfüllen und ihre Verkünder
und Helfer in das kommende Reich Gottes
»hereinzureißen«. Ob die Kirche eine lebendige oder
tote ist, hängt davon ab, mit welcher Kraft sie das
Reich Gottes erwartet und der Stunde gemäß
hinweisend zu verwirklichen sucht, von nichts
anderem. Das Urteil darüber, welches die Stunde ist
und wie sie aussieht, ist Wagnis. Und es kann ein
Zeichen höchster Lebendigkeit sein, wenn
verschiedene Wagnisse in der gleichen Kirche
unternommen werden und miteinander ringen. Wenn Du
eine Kirche für tot erklärst, die Dein Wagnis nicht
einmütig mitmacht, so beanspruchst Du, daß es mehr
ist als ein Wagnis, so stellst Du Dich mit Deinem
Wagnis nicht unter das Kreuz, sondern erhebst es zu
dem Range einer Offenbarung neben dem Kreuz.
5. In meinen »Grundlinien des
Religiösen Sozialismus« [Gesammelte Werke, Bd. II.]
habe ich ein »Reservatum« und ein
»Obligatum religiosum« unterschieden. Das
Reservatum entspricht der Haltung der
neutestamentlichen Zeit, die insofern, wie Du mit
Recht sagst, einseitig und zeitbedingt war, als sie
kein direktes Obligatum für Volk, Staat,
Kultur, Gesellschaft fühlen konnte. Das
Obligatum ohne Reservatum ist
Deine Haltung. Du gibst zwar dem Einzelnen ein
Reservatum, das persönliche Verhältnis zu
Gott; nicht aber der Kirche, der Du einen
selbständigen geschichtlichen Ort bestreitest.
Damit aber hebst Du sie auf, machst sie ohnmächtig
gegenüber den Weltanschauungen oder Mythen, die den
totalen Staat tragen. Und es ist nicht angängig,
obwohl es ein alter Ausweg ist, diese
Wehrlosigkeit, wie Du es nennst, in eine Kraft
umzudeuten. Der Protestantismus ist auch ohnedies
wehrlos genug. Gäbe es aber kein
Reservatum, auf das er sich vor den
geschichtlichen Mächten zurückziehen könnte, so
wäre er nicht nur wehrlos, so wäre er längst nicht
mehr da. Der Religiöse Sozialismus wußte, als er
die Lehre vom Reservatum religiosum
annahm, daß er das Religiöse niemals in das
Sozialistische auflösen darf, daß die Kirche etwas
ist, auch abgesehen von dem Kairos, d. h.
von der Verheißung und Forderung, die er in dem
weithin sichtbaren Anbruch sozialer und geistiger
Neuordnung der Gesellschaft sah. Du hast das
Obligatum übernommen, aber das
Reservatum preisgegeben – der Vorwurf, der
im Grunde das Thema meines ganzen Briefes ist. Du
kannst ihm nicht so entgehen, wie Du es in Deinem
letzten Brief an mich versuchst und im Buche
wiederholt andeutest. Du bestreitest, ein
Reservatum gegenüber dem Zeitgeschehen
nötig zu haben, weil Dein persönliches
Gottesverhältnis Dir den Mut geben könne, mit
ungebrochenem Ja in eine geschichtliche Bewegung
hineinzugehen. Ich zitiere den entsprechenden Satz
Deines Buches: »Wo wir aus dem diese Wahrheit (des
Evangeliums) gehorchenden Glauben heraus den Mut
haben, mit unserem Ja in ein
Menschlich-Geschichtliches hinein zu gehen, da geht
die unergründliche Hoheit der Wahrheit mit uns und
waltet nun nach ihrer Weise an diesem
Menschlich-Geschichtlichen.« Zu dem ganzen
Gedankengang kann ich nur sagen, daß nicht nur ich,
sondern auch andere von ihm erschreckt und
zurückgestoßen waren. Daß jeder von uns sein
Wagnis, sich für diese endliche Möglichkeit
entschieden zu haben, tragen und vor der Ewigkeit
verantworten muß und daß wir dabei, wie in all
unserem Tun, auf Gnade angewiesen sind, steht für
den Christen fest. Aber daraus das Recht
abzuleiten, zu dieser Endlichkeit ein ungebrochenes
religiöses und theologisches Ja zu sagen, kann
daraus nicht nur nicht abgeleitet werden, sondern
steht in vollem Widerspruch zu unserer menschlichen
Situation. Wir sollen und müssen hineingehen in
Endlichkeiten, in Menschlich-Geschichtliches. Wenn
wir aber im Bewußtsein »der unergründlichen Hoheit
der Wahrheit«, also als Christen, als Theologen
hineingehen, so ist es uns mehr als jedem anderen,
der nicht von diesem Bewußtsein erfüllt ist,
verwehrt, einem Enthusiasmus zu verfallen, der ja
sagt, wo nie anders als ja und nein zugleich gesagt
werden darf. Falsch wäre es, wollten wir uns um
deswillen überhaupt nicht entscheiden, auch
religiös und theologisch im Sinne des Wagnisses
entscheiden, um in unserer Theologie dem Gericht zu
entgehen, das über alles Menschlich-Geschichtliche
ergeht. Weder Du noch wir haben versucht, ihm zu
entgehen. Das verbindet uns. Du aber hast ja
gesagt, während wir nur im Zusammenhang mit
vielfachem nein ja sagen konnten; nicht weil wir
unsere Sache für schlechter hielten, sie war ja
unser Wagnis, sondern weil wir glaubten, daß vom
Ewigen her nie anders über ein Endliches und zu
einem Endlichen gesprochen werden darf.
Du hast mir einmal geschrieben, daß ich ein Buch
schreiben solle, das Deutschland in seiner
gegenwärtigen Lage nützen könnte. Ich wage zu
glauben, daß dieser Brief ihm mehr nützen kann als
Dein Buch und viele seinesgleichen von geringerem
Wert. Denn wenn die Gedanken dieses Briefes tief in
das Bewußtsein vieler Deutscher eindringen würden,
wenn aus Enthusiasten gläubige Realisten würden, so
würde die ungeheure Gefahr eingeschränkt werden,
die Du vermehrt hast, daß Enthusiasmus im Kleinen
oder Großen umschlägt in Enttäuschung. Und davor
das schicksalsbedrängte deutsche Volk zu bewahren,
wäre der größte Dienst, der ihm heute geleistet
werden könnte und der alle anderen philosophischen
und theologischen Dienste einschlösse.
Mit herzlichem Gruß
Dein Paul.
Aus: Theologische Blätter, 13. Jahrgang, Nr.
11, November 1934
BCAB-05998-0
W e r n e r S c h ü s s l e r : P a u l T i l l i c h

Werke: Die
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Mystik und Schuldbewußtsein in Schellings
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dialektischer Charakter und das Prinzip der
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und positives Paradox. Eine Auseinandersetzung mit
Karl Barth und Friedrich Gogarten, in: Theologische
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Bibliographien: R. C. Crossmann,
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P.T. Hrsg. von Werner Schüßler u. Erdmann Sturm.
Münster 2005 (=Tillich-Studien : Beih.; 5); -
Christian Danz, D. Krise d. Subjektivität u. deren
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Denkens. Grundzüge d. Genese von P.T.s Denken
dargest. u. erl. an vier frühen Schriften aus d.
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Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Band XII (1997), Spalten 85-123 Autor: Werner Schüßler
Letzte Änderung online: 01.07.2006
K l u g e + B e n j a m i n
Spuren Benjamins im Werk Alexander Kluges
Von Christian Schulte
Eine Wahlverwandtschaft
Betrachtet man im zweiten Schritt die Intensität, mit der die auf verschiedene Medien verteilten Produktionslinien untereinander kommunizieren, so wird spätestens jetzt erkennbar, daß diese sperrige Formenvielfalt die Handschrift eines Autors trägt, der sich um die Ordnungsbegriffe poetologischer Normen nicht kümmert und es dabei in Kauf nimmt, Erwartungen von Lesern und Zuschauern zu enttäuschen. Kluge sagt: »Es geht mir darum, Gefäße, Kisten, Röhren, Ampullen in einem Archiv bereitzustellen, in denen man Erfahrung aufbewahren und prüfen kann.«[2] Diese Erfahrung kann aber nur die eigene sein, und sie auszustellen und öffentlich zirkulieren zu lassen, ist keineswegs auf eine gleichgültige Haltung gegenüber seinen Rezipienten zurückzuführen, im Gegenteil: Kluges Erfahrungsgefäße sollen als Modelle dienen, an deren autonomer Widerständigkeit andere ihren Eigensinn schulen können. Individuation als Bedingung der Individuation. Deshalb arbeitet er konsequent an einem Ausdrucksrepertoire, das seinen Blick auf die Wirklichkeit so authentisch und differenziert wie möglich vermittelt, an Formen, aus denen die »Komplexitätsgrade der Realität« ebenso deutlich hervortreten wie die Motive, die ihrer Darstellung zugrundeliegen.[3]
Es ist diese Radikalität und das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, die die Autorschaft Alexander Kluges mit der Walter Benjamins verbindet. Beide Autoren markieren mit ihrer Produktion einen Ort, der sich zu den Ressorts und repräsentativen Formen unserer kulturellen Öffentlichkeit gleichermaßen exterritorial verhält.[4] Seinen philosophischen Eigensinn hat Benjamin 1931 in einem Brief an Gershom Scholem auf eine prägnante Formel gebracht, die auch die Haltung Kluges charakterisiert: »ich bin entschlossen, unter allen Umständen meine Sache zu tun, aber nicht unter jedem Umstand ist diese Sache die gleiche. Sie ist vielmehr eine Entsprechende« (GB IV, 24). Kluge würde es einfacher sagen: Ein Autor ist einer, der etwas Selbständiges tut – aus einem einzigen Grund: der »Liebe zur Sache.«[5] Ein Autor ist für Kluge ein Patriot seiner Erfahrungen, der sich seine Handlungsimpulse durch nichts abschwatzen läßt, sondern sie mit derselben Beharrlichkeit verfolgt wie die Protagonistin seines Films Die Patriotin, die auf die Frage, ob sie weiter nach der Geschichte graben wolle, nur lapidar antwortet: »unbedingt«.[6]
Diese Unbedingtheit hat in den Werken beider Autoren ihren geschichtlichen Index in den Defizienzerfahrungen der Moderne, im schockhaften Erlebnis eines ungeheuren Erfahrungsverlusts. So erkennt Benjamin in der Dialektik zwischen der »Sensation des Neuesten, Modernsten« und der »ewigen Wiederkehr alles gleichen« die janusköpfige Traumfigur des kapitalistischen Zeitalters, dessen entfesselte Produktivkräfte und phantasmagorische Inszenierungen der Warenwelt das gesellschaftliche Kollektiv in mythischer Unmündigkeit befangen halten. Die Moderne nannte er eine »Zeit der Hölle« (GS V, 21), deren Tempo die geschichtlichen Bindungen der Menschen zum Verschwinden bringt; eine Diagnose, die von Kluge geteilt und im Zeitalter der beginnenden Digitalisierung im Titel eines seiner Filme auf den Begriff gebracht wird: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit (1985).
Für Benjamin erreichte diese Dynamisierung ihren vorläufigen Höhepunkt in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs, aus dem die Überlebenden stumm zurückkehrten: »Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch den Hunger, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige gebrechliche Menschenkörper« (GS II, 214). Für Benjamin waren der Erste Weltkrieg, die Krisenzeit der Weimarer Republik, das Heraufziehen des Faschismus, das erzwungene Exil, der Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Hitler-Stalin-Pakt, der die letzten Hoffnungen des linken Intellektuellen desillusionierte, jene Gefahrenmomente, die ihn veranlaßten, die Unterbrechung der schlechten Geschichte, in der die Menschheit es nicht vermocht hat, Natur und Technik zu versöhnen, philosophisch auf die Tagesordnung zu setzen.
In Kluges Werk sind es beinahe sämtliche Krisenmomente des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die uns den Wiederholungszwang des geschichtlichen Kontinuums vor Augen führen: die beiden Weltkriege mit Verdun, Auschwitz und Stalingrad, der Kalte Krieg, der Herbst 1977, die Katastrophe von Tschernobyl, der Golfkrieg und schließlich der Anschlag vom 11. September 2001. Diese »Schriften an der Wand, die unser Jahrhundert uns aufgibt«,[7] werden von Kluge buchstäblich eingesammelt, in immer neuen Anläufen kommentierend durchgearbeitet und zu weiträumigen Konstellationen verknüpft, die noch die fernste Vergangenheit (etwa die Erzählung von Gilgamesch oder früheste Stadien der Erdgeschichte) einbeziehen, aber ebenso warnende Ausblicke in eine bedrohliche Zukunft eröffnen. Benjamins Satz »Daß es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe« (GS I, 593) gibt auch der Arbeit Kluges ihr heimliches Motto.
Die eigene Gegenwart in ihren krisenhaften Signaturen wahrzunehmen, so daß diese zum »Kristallsplitter des Totalgeschehens« (GS V, 575) wird, der wie ein Magnet verwandte Krisenmomente aus anderen Zeiten ansaugt, diese Fähigkeit ist beiden Autoren eigen. Bei Kluge wurzelt sie in einer biographischen Urszene, auf die er in seinem Werk immer wieder zurückkommt: es ist der Luftangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt, den er kurz vor Kriegsende als Dreizehnjähriger aus nächster Nähe erlebte und den er erst drei Jahrzehnte später literarisch bearbeiten konnte.[8] Die traumatische Wucht dieses Erlebnisses hat sich tief in sein Werk eingeschrieben und gibt den iskontinuierlichen Formen seines Erzählens gewissermaßen den Kammerton vor. Aus diesem Grunde schreibt Kluge »Geschichten ohne Oberbegriff« – und fügt mit deutlichem Bezug auf Benjamin hinzu:
Ich behaupte nicht, daß ich selber ihre Zusammenhänge immer begreife. Es hat den Anschein, daß einige Geschichten nicht die Jetztzeit, sondern die Vergangenheit betreffen. Sie handeln in der Jetztzeit. Einige Geschichten zeigen Verkürzungen. Genau dies ist dann die Geschichte. Die Form des Einschlags einer Sprengbombe ist einprägsam. Sie enthält eine Verkürzung. Ich war dabei, als am 8. April 1945 in 10 Meter Entfernung so etwas einschlug. Die Regenpfütze, die von niemand gebraucht wird, die nicht terrorisiert wird, damit sie sich ›verhält‹, kann sich die klassische Form leisten: Übereinstimmung von Form und Inhalt. Wir Menschen sind dadurch bestimmt, daß Form und Inhalt miteinander Krieg führen. Wenn nämlich der Inhalt eine Momentaufnahme (160 Jahre oder eine Sekunde lang) und die Form das übrige Ganze, die Lücke, ist, das, was die Geschichte gerade jetzt nicht erzählt.[9]
Anmerkungen
[1]
Alexander Kluge, Chronik der Gefühle. 2 Bde. Frankfurt/Main 2000. Vgl. Alexander Kluge, Verdeckte Ermittlung. Ein Gespräch mit Christian Schulte und Rainer Stollmann. Berlin 2001, S. 51; Christian Schulte, Die Lust aufs Unwahrscheinliche. Alexander Kluges »Chronik der Gefühle«. In: Merkur 55 (2001), H. 4, S. 344-350.
[2]
Jochen Rack, Erzählen ist die Darstellung von Differenzen. Alexander Kluge im Gespräch. In: Neue Rundschau 112 (2001), H. 1, S. 74-91, hier S. 75.
[3]
Alexander Kluge, In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. In: Ders., Texte zu Kino, Film, Politik. Hg. von Christian Schulte. Berlin 1999, S. 134.
[4]
»Um zustande zu bringen, was ihm vorschwebte, wählte er die vollkommene Exterritorialität zur manifesten Überlieferung der Philosophie« (Theodor W. Adorno, Über Walter Benjamin. Frankfurt/Main 1990, S. 23).
[5]
Alexander Kluge, Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos. München 1968, S. 51.
[6]
Alexander Kluge, Die Patriotin. Frankfurt/Main 1979, S. 97.
[7]
Astrid Deuber-Mankowsky/Giaco Schiesser, In der Echtzeit der Gefühle. Gespräch mit Alexander Kluge. In: Christian Schulte (Hg.), Die Schrift an der Wand. Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien. Osnabrück 2000, S. 361-369, hier S. 368.
[8]
Alexander Kluge, Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. In: Ders., Chronik der Gefühle (Anm. 1), Bd. 2, S. 27-82.
[9]
Alexander Kluge, Neue Geschichten. Hefte 1-18. ›Unheimlichkeit der Zeit‹.
Frankfurt/Main 1977 (es 819), S. 9; das folgende Zitat ebd.
D e r r i d a
Aus: Caroline Neubaur, Messias, ohne Alibi. Mit
Derrida: Die »Generalstände der Psychoanalyse«
tagen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.
Juli 2000.
L y s i p p o s
GOTT DER GELEGENHEIT
Wo ist der Künstler zu Haus?
In Sikyon wohnt er.
Sein Name?
Ist Lysippos.
Du bist?
Gott des allmächtgen Moments.–
Sag, warum gehst du auf Zehen?
Ich laufe beständig.
Weswegen hast du Flügel am Fuß?
Weil ich so flink bin wie Wind.
Und du hältst in der Rechten ein Messer?
Es kündet den Menschen: nichts in der Weite der Welt schneidet so scharf wie ich selbst.
Und das Haar an der Stirn?
Beim Zeus, der Begegnende soll mich schnellstens erhaschen.
Warum bist du denn hinten so kahl?
Bin ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorübergeglitten, hält mich, so sehr man es wünscht, keiner von hinten mehr fest.
Und warum schuf dich der Künstler?
Für euch! Und zu eurer Belehrung stellte er, Wandrer, mich auch hier in der Vorhalle auf.
Poseidippos, Anthologia graeca XVI, 275