D E N K E N M I T B E U Y S
Von Endre Kiss, Budapest
Die letzten dreißig
Jahre erhoben zwei umfassende Denkrichtungen in die
Stellung der effektiven Gestaltung von Geschichte
und Gesellschaft. Uns scheint, dass diese
Verschiebung der philosophischen Palette neue,
vielleicht sogar überdurchschnittlich produktive
Möglichkeiten schafft, Joseph Beuys’ Lebenswerk in
dieser neuen Perspektive uns neu zu
vergegenwärtigen.
Die eine bestimmend gewordene umfassende
philosophische Richtung ist jener Neoliberalismus,
der als Erneuerung und Reformulierung des
Neopositivismus des Wiener Kreises und der
dreißiger Jahre, sowie als neuer und umfassender
Typus des neopositivistischen Neoliberalismus (oder
des neoliberalen Neopositivismus) gelten kann, der
vor allem von jenen formuliert worden ist, die am
Marxismus und den den damaligen historischen Formen
des realen Sozialismus enttäuscht waren und bei
denen diese Desillusionierung auch noch das Ausmaß
der Angst und der Empörung wegen Hitlers
Machtübernahme erreichte, stellenweise sogar noch
überragte.
Es war dieser Typ des spezifisch
antikommunistischen Neoliberalismus, der in den
vergangenen Jahrzehnten sowohl in der Politik, wie
auch in der Wirtschaft und Wirtschaftstheorie,
nicht weniger aber auch in der philosophischen
Grundlagenforschung in entscheidende Positionen
kommen konnte.
Die andere, anfangs angesprochene philosophische
Richtung ist der Postmodernismus. Auch der
Postmodernismus erzielte seine bestimmende Position
nach und wegen der kritischen Schwächung des bis
dahin vorherrschenden Neomarxismus (im Falle der
Postmoderne spielte auch der Strukturalismus eine
ähnlich dezisive Rolle, wie aber auch im Falle des
Neoliberalismus/Neopositivismus noch weitere
philosophische Richtungen eine Rolle gespielt
haben).
Trotz der Tatsache, dass die genannten Jahrzehnte
im wesentlichen unter der gemeinsamen Hegemonie
dieser beiden umfassenden Strömungen gestanden
haben, kamen diese beiden Richtungen nur im
allerseltensten Fall in direkte Berührung
zueinander.
Diese Frage interessiert uns an dieser Stelle aus
dem Grunde, weil sie trotz ihrer nicht nur
deutlichen, sondern auch struktur- und
diskursbildenden Gegensätzlichkeit in
entscheidenden Zusammenhängen auch in einer
Relation der Symmetrie miteinander gestanden haben.
Diese Symmetrie-Relation ist es, mit welcher wir
die größte Chance haben dürften, Joseph Beuys’
Denken und künstlerisches Werk nunmehr vor dem
Horizont unseres Zeitalters auf die Waage zu
stellen.
Als symmetrisch erweisen sich die beiden
philosophischen Komplexe zunächst darin, dass beide
sich wie organisch auf die beiden umfassenden
Richtungen der europäischen Philosophie und Politik
aufbauen.
Auch ohne ausführliche Dokumentation lässt sich
einsehen, dass der Neoliberalismus/Neopositivismus
seit den siebziger Jahren zur Denkweise der
europäischen konservativen Richtungen geworden ist.
Auf der anderen Seite dürfte der
postneomarxistische Charakter der
postmodernistischen Richtung zweifellos nicht nur
vor dem oberflächlichen Zuschauer geheim bleiben,
auch die einzelnen philosophischen Akteure haben es
erstaunlich lange nicht artikuliert.
Dieses Verständnis will nichts über die
tatsächliche Wirkungsgeschichte oder über die
eventuellen Ähnlichkeiten oder Entsprechungen
aussagen. Es will in keinem Fall als politische
Etikettierung auftreten.
Dieser als erster angeführte Zug der Symmetrie ist
nur eine faktische Festlegung von morphologischem
Charakter, die vor allem dazu dient, Richtungen
inhaltlich zu beschreiben und sachlich zu
bestimmen.
Dieselben Prozesse hätten im Prinzip auch Joseph
Beuys’ Lebenswerk in dieser oder jener Richtung
integrieren können. Sein Werk lässt sich mit Hilfe
dieser Dualität erfolgreich erschließen.
Erstens ist es historisch notwendig, Denn Beuys’
Wirken fällt unter anderen gerade in jene sechziger
und siebziger Jahre, in denen die auseinander
herauswachsende komplexe Entfaltung des
Neopositivismus/Neoliberalismus und der Postmoderne
vor sich ging. In diesem intellektuellen Raum (man
dürfte mit vollem Recht sagen: »Zeit-Raum«) lassen
sich zahlreiche relevante, wenn nicht eben
entscheidende Charakterzüge von Joseph Beuys mit
der Chance auf Erfolg beschreiben.
Beuys gehörte ohne jeglichen Zweifel derjenigen
intellektuellen und gesinnungsmässigen Gruppierung
an, die man zusammenfassend als ›Die Neue Linke‹
situieren kann. Sein wichtigster spezifischer Zug
war dabei eben, dass er das Essentielle dieser
Attitüde auf eine Weise verkörperte, dass er dabei
mit der Ideologie (sowohl im beschreibenden wie
auch im wertbeladenen Sinne) derselben Bewegung gar
wenig zu tun gehabt hätte.
Mithilfe der Umgangssprache ließe sich dieser
Tatbestand so ausdrücken, dass er ein
nicht-konventioneller Vertreter der Neuen Linke
war. Welche (und wie viele) ideologische
Vorschriften diese an sich zweifellos sehr
kritische Richtung von ihren Mitstreitern verlangt
hatte, können wir an dieser Stelle nicht ausmachen.
Beuys ließ sich jedenfalls von keiner dieser
Anforderungen ansprechen. Um einen der wichtigsten
Begriffe unseres Versuchs vorwegzunehmen,
verkörperte Joseph Beuys eine an der am
Antiideologismus grenzende Haltung, deren
integrative Idee die von uns von Siegfried Kracauer
übernommene Vorstellung der menschlichen
Primärimpulse war.
Zur Neuen Linke im breitesten Sinne des Wortes
gehörte Joseph Beuys in dem Maße und in dem Sinne,
in denen diese Richtung die menschlichen
Primärimpulse in einem konkreten historischen und
einem ebenso konkreten zivilisatorischen Zeitalter
neu formulieren wollte.
Zur Neuen Linke gehörte Beuys in seinem steten
Drang zur Reform und Reformierung; nicht zur Neuen
Linke gehörte er (selbstverständlich) durch sein
Denken über Kunst, sowie durch seine ständige
Thematisierung der Religion und des Jesus-Bezugs.
Die historisch stets anders werdenden und doch so
erstaunlich gleich bleibenden emanzipierten
menschlichen Primärimpulse lassen aber schon zur
zweiten integrierenden Eigenschaft im Werk und
Denken von Joseph Beuys hinführen, und zwar zur
klaren Thematisierung der ästhetischen Erziehung
des Menschen.
Joseph Beuys’ ästhetische Erziehung hat klare
Bezüge zu Friedrich Schillers ursprünglicher
Konzeption (davon zeugt nicht nur ein von ihm
motivierte gemeinsame Photoaufnahme mit Andy
Warhol, dieser Bezug geht aber auch tiefer, und
zwar in die später nicht sehr oft thematisierte
Kultur der eigenen Jugend).
An dieser Stelle sei aber schon festgestellt, dass
wir die essentielle Dimension des spezifischen und
unverwechselbaren Denkens und künstlerischen Werkes
von Joseph Beuys gerade in dieser tiefen
Verschmelzung der beiden in den Mittelpunkt
gestellten Konzepte erblicken.
Es geht um die ästhetische Erziehung als Inbegriff
der menschlichen Primärimpulse und die menschlichen
Primärimpulse als Motive und Ergebnisse der
ästhetischen Erziehung. Forschungen (unter ihnen
auch die unseren) erweisen, dass ein Großteil der
spezifisch postmodernen Denkschemata aus dem
philosophischen Neomarxismus entstand.
Dies hieß aber nie, wie erwähnt, dass wir diesen
historisch-philologischen Befund für eine
politische Etikettierung nutzen wollten oder
dürften. In diesem Sinne erscheint bei Joseph Beuys
die nicht kalkulierbare Erscheinung: Seine Nähe zur
Neuen Linke führte bei ihm in keinem Sinne zu
Phänomenen, die man später als »postmodernistisch«
etikettierte. In diesem Zusammenhang hörte die
Moderne für Beuys nie auf. Anstatt des in der
Postmoderne in zahlreichen Spielarten realisierten
radikalen Differenzdenken, werden bei ihm die Wege
der Emanzipation beschritten.
Kein Wunder, dass die ästhetische Erziehung
(»Jedermann ist ein Künstler«), die Thematisierung
der menschlichen Primärimpulse, sowie die des
sozialen Kapitals alle auch als Neuformulierung der
Emanzipation gelten können. Diese wahre Alternative
zum radikalen und konstituiven Differenzdenken der
Postmoderne ist nicht neoliberal, während sie in
ihrer emanzipativen Ausrichtung alles andere als
»antiliberal« wird.
Der als idealtypisch anzusehende
Neopositivismus-Neoliberalismus lässt sich vor
allem mit den Bestimmungen der Begriffsbildung und
dadurch der Wissenschaftslogik physikalistischer
Art am adäquatesten charakterisieren. Auf eine nur
scheinbar erstaunliche Weise ließe sich auch die
Postmoderne im wesentlichen auch durch ihre
Regelung der Begriffsbildung und dadurch der
Gegenstandskonstitution am adäquatesten
beschreiben, diese Modifizierung erscheint
allerdings in zwei Idealtypen (die mit den Namen
Derrida und Foucault angedeutet werden können).
Obwohl diese beiden Reformen der Begriffsbildung
(und dadurch auch der Gegenstandskonstitution)
einander nicht im mindesten ähnlich sind, ersteht
doch eine Symmetrierelation durch die Tatsache der
beiderseitigen Begriffsreform.
Symmetrisch sind die beiden umfassenden Richtungen
allerdings auch darin, dass sie jegliche andere Art
der Begriffsbildung mit dem schwierigsten und
konsequenzenreichsten ideologischen und
wissenschaftlichen Verdacht versehen.
Die allseitige Delegitimierung jeglicher anders
konzipierten Begriffsbildung führt dann
konsequenterweise zur Verunmöglichung auch
jeglicher Sinngebung, welche auf die andersartigen
Begriffskonstitutionen aufgebaut worden wären.
Die Symmetrie der Reformen der Begriffsbildung wird
von der Absicht motiviert, dass auf dem Wege der
Neuregelung der Begriffskonstitution ein Versuch
gemacht wird, den gesamten Denkprozess neu zu
regeln.
Joseph Beuys’ Werk und Denken unterscheidet sich
von beiden Richtungen darin, dass sich ihre
Fundamente (ästhetische Erziehung, menschliche
Primärimpulse, kulturelles-soziales Kapital)
solchen Neuformulierungen der philosophischen
Begriffsbildung geradezu entziehen.
Dies bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht von
begrifflicher Natur wären. Sie bedeutet eher, dass
sie solche primären Relationen in der Beziehung des
Menschen zur Gesellschaft und zur Geschichte
thematisieren, die auf ihre Weise immun gegenüber
Modifizierungen der philosophischen Begriffsbildung
sind, deren klar einsichtiges Ziel die Aufrichtung
einer philosophischen Hegemonie ist.
Dass die Begriffsbildung (vor allem in ihren
Konsequenzen auf die Kognition der
Gegenstandskonstitution) für Beuys ebenfalls von
der größten Wichtigkeit war, ist gewiß. Er äußerte
auch oftmals seine Skepsis gegenüber vorgeprägten
Begriffskorsetten, deren Macht (in jedem Sinne des
Wortes) er nicht nur einfach wahrgenommen, sondern
gegen die er – als einer der wenigen, die es
überhaupt thematisierten – auch tatkräftig
opponiert hatte.
Seine Intentionen sind aber jedoch direkt von der
entgegengesetzten Richtung. Er betrachtet den
ganzen Prozeß jeder möglichen Reform der
Begriffsbildung (die Anfänge des
Neupositivismus/Neuliberalismus wie auch des
Postmodernismus hat er ja noch erlebt) nicht aus
der Perspektive der Schule (die je »vorschreiben«
will), sondern aus der Perspektive des sich
artikulierenden Einzelnen, während die Richtung und
die Inhalte dieser Selbstverwirklichung für ihn
nicht nur nicht bestimmt werden können, sondern
auch nicht bestimmt werden dürfen.
Was in ihnen von Relevanz ist, ist allein die
Fähigkeit, ob die kreative und emanzipative
Realisierung der menschlichen Primärimpulse, die
Praxis der ästhetischen Erziehung und die
Akkumulation des sozialen Kapitals (auch in der
Form der Kunst als Kapital) dabei möglich sind oder
nicht.
Es ist geradezu paradigmatisch, dass diese durchaus
markante Intentionalität es ist, die aus Beuys
praktisch in jeder Periode und in jedem
Zusammenhang seiner Tätigkeit wie auf einen Schlag
einen Sozialreformer macht. Die Gesellschaft wird
ihm an dem Punkt relevant, an dem die Entfaltung
menschlicher Primärimpulse in Frage kommt.
Es ist alles andere als nebensächlich, dass diese
Forderung bei ihm zutiefst »demokratisch« ist, sie
wird im Namen von jedem Einzelnen gestellt, sie ist
nicht einer Minorität von auserlesenen Werteträgern
vorbehalten. Diese »anthropologisch« ausgerichtete
Auffassung über Demokratie (und wie es früher
thematisch war: Liberalismus) ist von den
entscheidenden Ansätzen von Beuys (ästhetische
Erziehung, Primärimpulse, soziales Kapital) in
keiner Hinsicht zu trennen.
Die sozialreformerischen Aktivitäten von Joseph
Beuys auf der Grundlage der für jeden
sicherzustellenden Entfaltung der menschlichen
Primärimpulse, vor allem der Kreativität und der
Authentizität, markieren einen scharfen Unterschied
zu den nunmehr ebenfalls sozialen Konsequenzen der
neoliberal/neopositivistischen und der postmodernen
Begriffsbildung und philosophischen
Gegenstandskonstitution.
Denn diese Reformierung(en) der
Begriffsbildung/Gegenstandskonstitution kann zu
einer tiefgehenden Desorientierung der sozialen
Praxis auch in dem Fall kommen, wenn keine
diesbezüglichen Absichten vorliegen. Die spezifisch
postmoderne Ausdehnung der Begriffsbildung und
Gegenstandskonstitution führt unter anderen zu
einer umfassenden Kontingenz, die ab ovo jegliche
Allgemeingültigkeit ausschließt, mit Beuys zu
reden, etwa auch die der Konzepte der ästhetischen
Erziehung oder der menschlichen Primärimpulse.
Die spezifisch neopositivistisch/neoliberale
Begriffsbildung und Gegenstandskonstitution
repräsentiert – und darüber sprachen wir schon in
dieser Arbeit – ebenfalls eine Normativität, die
für andere Konzepte einen unmißverständlichen
Ausschließungscharakter hatten.
Diese Symmetrie führt wieder in einer Richtung, die
wieder gemeinsam zwischen diesen beiden Strömungen
und zu Joseph Beuys diametral entgegengesetzt ist.
Diesen beiden umfassenden Richtungen ist es also
gemeinsam, dass ohne eine »richtige« philosophische
Attitüde eine praktische Durchführung der
spezifisch normierten Begriffsbildung überhaupt
nicht möglich ist. Mit anderen Worten heißt es so
viel, dass diese spezifische Begriffsbildung ohne
eine vorangehende Missionierung überhaupt nicht
möglich ist, was wieder mit anderen Worten so viel
heißt, dass es praktisch keine naive postmoderne
(und neoliberale) Einstellung gibt und jemals geben
kann.
Zunächst wird aber die richtige Attitüde
vorgeschrieben, aufgrund derer die richtigen
Denkbewegungen erst in Bewegung zu bringen wären.
Bei Beuys ist es charakteristischerweise schier
unvorstellbar. Die grundsätzlichen Bestimmungen der
»richtigen« Attüde rühren bei ihm von umfassenden
emanzipativen Wertsetzungen und sind nicht von
methodologischen Denkvorschriften abhängig. Die
emanzipativen Werte lassen sich weder (neoliberal)
vorschreiben, noch (postmodernistisch) in einer
uferlosen Kontingenz aufgehoben werden.
Joseph Beuys exzelliert in diesem Zusammenhang
sogar auch noch darin, dass seine emanzipativen
Konzepte die Realisierung dieser Werte voll und
ganz dem Individuum überlassen. Seine Regelung ist
auch dann noch eindeutig, wenn sie einzig durch die
Freiheit des Einzelnen realisiert werden kann. Er
stellt somit eine fleischgewordene Alternative
sowohl zur (neoliberalen) Normierung, wie auch zur
(postmodernen) Kontingenz von Begriffsbildung,
Gegenstandskonstitution und menschlicher Praxis.
Joseph Beuys geht über die ästhetische Moderne
hinaus, ohne die politisch-emanzipative Moderne zu
transzendieren. Die unerwarteten
Symmetrierelationen zwischen
Neoliberalismus/Neopositivismus und Postmoderne
schaffen deshalb eine Situation, in der wir heute
mit Joseph Beuys durchaus denken können.
Dieses Denken ist auf der einen Seite alles andere
als leicht, schon aus dem Grunde, weil beide
umfassenden Strömungen es geradezu vorschreiben,
wie das »richtige« Denken ausschauen muß.
Auf der anderen Seite ist dieses Denken aber
wirklich nicht schwierig. Es ist es aus dem Grunde
nicht, weil man in jeder Konfrontation mit der
aktuellen Wirklichkeitsproblematik die drei
wichtigsten Komponenten von Beuys’ Denken und Werk
wiederfindet: die problematische Zukunft
menschlicher Primärimpulse, die problematische
Zukunft einer in heutigem Sinne verstandenen
ästhetischen Erziehung (»Jedermann ist Künstler«)
und die problematische Zukunft des sozialen
Kapitals (»Kunst als Kapital« in jeder möglichen
Lesart dieser Aussage).
D S C H U N G E L
JOHN CAGE
F L U X U S
Wiederentdeckung von Dada: Veröffentlichung von
Robert Motherwell THE DADA PAINTERS AND
POETS (New York)
JOHN CAGE setzt
in seiner Komposition Imaginary Landscape
No.4 (wie auch in MUSIC OF CHANGES)
erstmals das Radio als Musikinstrument ein. 24
Ausführende stellen nach den Anweisungen der
Partitur an 12 Radios Lautstärke, Tonhöhe und
Sender ein.
1952
JOHN CAGE veranstaltet am Black Mountain
College die erste 'Multimedia'-Veranstaltung der
Nachkriegszeit: ein unbetiteltes happeningartiges
Konzert unter Einbeziehung von Klaviermusik,
Textlesung, Tanz, Bildpräsentation, Film- und
Diaprojektion. Aufgeführt werden u.a. Water
Music, Music of Changes, 4'33«, Theater Piece #1.
WATER MUSIC ist das wohl erste von
John Cage als
Musikperformance intendierte Werk. In diesem Stück
nutzt der Pianist diverse Alltagsgegenstände wie
Radio, Pfeife, Wasserbehälter oder Kartenspiel zur
Bearbeitung eines Klaviers. Die Partitur des Stücks
ist ein großes Plakat, auf dem - für das Publikum
sicht- und nachvollziehbar - alle Einzelereignissen
mit genauen Zeitangaben notiert sind (mit
M.Cunningham, C.Olson, R.Rauschenberg, M.C.Richard
und D. Tudor).
Marshall McLuhan veröffentlicht das Buch Die
Gutenberg-Galaxie.
1956
15.04.1956
Erstes noch unbetiteltes HAPPENING von
Allan Kaprow am Douglas College, New Brunswick. Die
Bezeichnung taucht nur in der Beschreibung der
Veranstaltung auf.
1957
George Brecht verfasst den Text CHANCE
IMAGERY, in dem er die Rolle des Zufalls in
Kunst und Wissenschaft der Moderne untersucht
(publiziert 1966).
1957/58
Konzeption des Forschungsprojektes PROJECT IN
MULTIPLE DIMENSIONS von George Brecht, Allan
Kaprow und Robert Watts zu Kunst und Wissenschaft
und der Entwicklung von Gattungsgrenzen
überschreitenden »multi-dimensionalen Medien« (»a
group of events« mit Cage, Stockhausen, Brown et
al.)
1958
John Cage hält seine ersten drei Vorlesungen
in Europa (CHANGES – INDETERMINACY –
COMMUNICATION), Internationale Ferienkurse für
Neue Musik, Darmstadt
06.12.1958
1. LITERARISCHES CABARET der Wiener Gruppe
(F. Achleitner, H.C. Artmann, K. Bayer, G.Rühm, O.
Wiener), Wien
Umberto Eco entwirft ein theoretisches Modell des
»offenen Kunstwerks« (Das offene
Kunstwerk, veröffentlicht 1962).
1958-1960
John Cage gibt
Kurse über experimentelle Komposition an der New
School for Social Research. Zu seinen Studenten
gehören u.a. George Brecht, Al Hansen, Dick
Higgins, Allan Kaprow, ab 1960 auch La Monte Young,
George Maciunas und Richard Maxfield et al.
1959
15.04.1959
2. LITERARISCHES CABARET der Wiener Gruppe
mit »anderen Ereignissen und Begebenheiten«,
Porrhaus, Wien
04.10.1959
Ausstellung Allan Kaprow 18 HAPPENINGS IN 6
PARTS zur Eröffnung der Reuben Gallery, New
York. Erste öffentliche Verwendung des Begriffs
HAPPENING. Ziel ist die Teilnahme des
Publikums am Geschehen unter Einbezug der
Improvisation. Teilnehmer sind neben dem Publikum
J. Johns, R. Rauschenberg, R. Montague, Sh.
Prendergast, L. Samaras, J. Weinberger, R. Whitman,
S. Francis, R. Grooms, D. Higgins, L. Johnson, A.
Leslie, J. Milder, G. Segal und R. Thompson
16.10.-05.11.1959
Erste Einzelausstellung von George Brecht
TOWARD EVENTS an arrangement, Reuben
Gallery, New York und erste öffentliche Verwendung
des Begriffs EVENT. Die von ihm selbst
oder anderen Performern realisierten Stücke
basieren auf »event scores«, schriftlichen
Handlungsanweisungen, die an jedem Ort, zu jeder
Zeit und von jeder Person interpretiert und
aufgeführt werden können. Die Partitur ersetzt das
realisierte Ereignis
18.12.1959
Aktion: Bazon Brock, Fritz Hundertwasser und
Herbert Schult ziehen EINE ENDLOSE LINIE in einer
Klasse der Hochschule für Bildende Künste in
Hamburg
1960
Erstmalige Verwendung des Wortes FLUXUS
(lat. flux/fluere = fließend) als Titel für eine
Zeitschrift, die George Maciunas zusammen mit Almus
Salcius herausgeben will.
14.03.1960
A CONCERT OF NEW MUSIC, The Living
Theatre, New York, mit Performances von A. Kaprow,
G. Brecht, A. Hansen, R. Rauschenberg, R., R.
Maxfield, J.
Cage, Mc Dowell
August/September 1960
PERFORMANCES von R. Filiou: Performance Piece
for a Lonely Person in a Public Place und
L’Immortelle Mort du Monde (Auto-Theater),
Paris
DE-COLL/AGE / AKTION von W. Vostell: Plakat
Phasen,, Plaza de Cataluña, Barcelona
1961
März-Juli 1961
Literatur-, Musik- und Filmveranstaltungen /
Kunstausstellungen in der AG GALLERY von G.
Maciunas / A. Salcius und im Studio von YOKO ONO,
New York. Teilnehmer: R. Marxfield, J.Cage, D. Higgins,
J.MacLow, E.Brown, J.Mc Dowell. D.Johnson,
B.Morris, P. Davis, J.Fischer, T.Ichiyanagi, J.
Byrd, S. Peterson, W. Maas, G. Maciunas) sowie
Performances von S Morris, d. Lindberg, P. Corner,
L.M.Young, T. Ichiyanagi, H. Flynt, J. Byrd, J. Mac
Low, R. Maxfield et al
Henry Flynt verfasst das Manifest CONCEPT
ART (veröffentlicht in AN ANTHOLOGY,
1963), in dem er die Konzeptkunst als die Kunst
proklamiert, deren Material Konzept und Sprache
sind
La Monte Young stellt das Material für die
Publikation AN ANTHOLOGY zusammen, das
erste und bis dato umfangreichste Manifest zu
Fluxus und den 'neuen Künsten', das erst 1963 in 1.
Auflage herausgegeben wird (Design G. Maciunas).
Beiträge von G.Brecht, Y.Ono, Jo.Cage, H.Flynt,
D.Higgins, L.M.Young, D.Rot, E.Williams, N.J.Paik
(1. Auflage Hg. La Monte Young, Jackson Mac Low,
New York 1963 / 2. Auflage Hg. Heiner Friedrich,
München 1970)
Mai - Juli 1961
Köln, Wuppertal und Aachen sind wichtige Orte für
die rheinische Avantgardeszene. Performances u.a.
von B. Patterson, W. Vostell, B. Brock
Herbst 1961
Maciunas reist als Designer für die US Army nach
WIESBADEN. Dort Kontaktaufnahme zur rheinischen und
Berliner Szene experimenteller Musik und Kunst,
insbesondere zu Nam June Paik, Emmett Williams, Ben
Patterson, Wolf Vostell, Karlheinz Stockhausen,
Joseph Beuys
u.a.
1962
Maciunas initiiert und organisiert große
FLUXUS-FESTIVALS, die 1962 in Wiesbaden, dann in
Kopenhagen, Paris, Düsseldorf, Amsterdam
stattfinden. Ab Sommer 1962 Veröffentlichung des
Magazins Fluxus (im Herbst 1962 umbenannt
in FLUXUS), seitdem Etablierung des
Begriffes für alle weiteren Aktivitäten der
Künstler.
Juni 1962
Erste Ausgabe der Zeitschrift décoll | age.
Bulletin aktueller Ideen (Hg. Wolf Vostell)
erscheint
09.0 6.1962
NEO-DADA IN NEW YORK. Vortrag von G.
Maciunas anlässlich der Veranstaltung ‘Kleines
Sommerfests - Après John Cage’ in der Galerie
Parnass, Wuppertal. Aufführung von Stücken von
Patterson, Riley, Higgins und Curtis
01.-23.09.1962
FLUXUS. Internationale Festspiele Neuester
Musik, Hörsaal Städtisches Museum Wiesbaden.
14 Konzerte von Higgins, Knowles, Paik, Williams,
Köpcke, Vostell, Filiou, Maciunas. Diesem ersten
mehrtägigen Festival unter dem Titel Fluxus folgen
zahlreiche Konzerte in Kopenhagen, Paris,
Düsseldorf, Amsterdam.
23.-28.11.1962
FESTUM FLUXORUM. Fluxus. Musik og Anti Musik.
Det Instrumentale Theater. 6 Konzerte in der
Nikolai Kirke Kopenhagen. Teilnehmer: Williams,
M.Low, Vostell, Higgins, Knowles, Maciunas, Paik,
Koepcke, Filliou. Veröffentlichung von
Maciunas’Neo-Dada in Music, Theater, Poetry,
Art und Kagels Das instrumentale
Theater.
03.-08.12.1962
FESTUM FLUXORUM. Poesie, Musique et Antimusique
evenenementielle et conctrete. American
Center, Paris. Teilnehmer: Filliou, Williams,
Koepcke, Schmit, Maciunas, Higgins, Spoerri,
Knowles, Vostell
1963
Veröffentlichung des FLUXUS MANIFESTs von
George Maciunas in der ersten Fluxuszeitung,
FLUXUS PREVIEW REVIEW. Die Fluxuszeitung
V TRE (Hg. George Brecht, ab Sommer 1963
Maciunas cc V TRE) erscheint. Gründung des
Verlages SOMETHING ELSE PRESS, New York
durch Maciunas und Higgins (bis 1974).
02.-03.02.1963
FESTUM FLUXORUM FLUXUS. Musik und Antimusik.
Das Instrumentale Theater, Staatlichen
Kunstakademie Düsseldorf. Organisatoren: Paik,
Beuys und
Maciunas. Teilnehmer: Patterson, Williams, Higgins,
Spoerri, Schmit, Mac Low, Maciunas, Brecht,
Beuys, Koepcke,
Vostell, Watts, Hansen, Young et al.
27./28.02.1963
DEMONSTRATION AGAINST SERIOUS CULTURE. From
culture to veramusement.
49 Bond Street, New York. Mit Henry Flynt, Tony
Conrad, Jack Smith
01.-31.05.1963
YAM FESTIVAL MAYTIME, Smolin Gallery, New
York, von Brecht, Watts, Knowles
16.06.1963
Bazon Brock BLOOMSDAY. Demonstration und
Veröffentlichung der Bloomzeitung, Galerie Loehr,
Frankfurt/Main
23.06.1963
FLUXUS FESTIVAL. Hypokriterion Theatre,
Amsterdam. Teilnehmer: G. Maciunas, N.J. Paik, T.
Schmith, E; Williams, R. Watts, D. Higgins, A.
Knowles, D. Spoerry, G. Brecht, A. Koepke, G.
Ligeti, T. Ishiyanagi, J. Mc low, B. Patterson,
L.M.Young, R. Maxifield, B. Vautier, J. Cage, W. De
Maria, B. Brotzmann, M.Laurens Montw e, W. de
Ridder
03.09.1963
Maciunias kehrt nach New York zurück. Ende der
Phase der großen gemeinsamen Fluxus-Konzerte in
Europa.
1964
11.04.-23.05.1964
FLUXUS CONCERTS. Eröffnung der FLUXHALL,
New York. 12 Konzerte von/mit Paik, Brecht,
Williams, Shiomi, Schmit, Eisenhauer, Patterson,
Higgins, Corner, Kosugi, Watts, Vautier, Knowles,
La Monte Young, Kubota, Ichiyanagi, Jones, Maciunas
et al.
20.07.1964
Actions, Agit-Pop, De-Collange / Agehappenings,
Events, L’Autorisme, Art Total. Re-Fluxus, Festival
der Neuen Kunst in Aachen, Technische
Hochschule. Stücke und Aufführungen von: Brock,
Andersen, Beuys, Filliou, Gosewitz,
Koepcke, Schmit, Vostell, Williams.
30.08.1964
ACTION AGAINST IMPERIAL CULTURALISM. Die
Demonstration von Henry Flynt und George Maciunas
gegen die Aufführung von Karlheinz Stockhausens
Originale anlässlich des 2nd Annual New York Avant
Garde Festival am Lincoln Center New York schlägt
fehl und beeinträchtigt die »Solidarität« des
»Fluxuskollektivs« erheblich. Dies führt zum Bruch
zwischen Maciunas und vielen bisher unter der
Bezeichnung FLUXUS agierenden Künstlern.
1965
05.-06.06.1965
Joseph Beuys’
24-STUNDEN-HAPPENING, Galerie Parnass,
Wuppertal. Teilnehmer: Brock, Moorman, Paik, Rahn,
Schmit, Vostell
1966
Maciunas gründet FLUXHOUSE COOPERATIVE
INC. (1968 Fluxhouse Cooperative Building
Project) mit der Absicht, durch den Kauf von
Häusern in Soho/Manhattan Künstlern, Filmemachern
und Tänzern adäquate Arbeits- und Lebensräume zur
Verfügung zu stellen
Februar 1966
Dick Higgins veröffentlicht im SOMETHING ELSE
NEWSLETTER Vol.1, No.1 eine Liste von
Fluxus-Merkmalen - Internationalismus,
Experimentalismus, Ikonoklasmus, Auflösung der
Dichotomie von Kunst&Leben, Spiel und Witz,
Vergänglichkeit, Einzigartigkeit und
Intermedialität. Er prägt damit den Begriff
INTERMEDIA für eine »zwischen den Medien«
angesiedelte Kunst.
31.08.-30.09.1966
DIAS 1966 (Destruction in Arts Symposium),
London, organisiert von Metzger und Sharkey, mit
Beiträgen und Aktionen von Lebel, Fleischman,
Matusow, Hansen, Page, Latham, Ono, Kren, Davey,
Brus, Mühl, Nitsch, Vostell, Weibel, Hansen, Ortiz
et al.
1967
Beuys gründet
die DEUTSCHE STUDENTENPARTEI als Reaktion
auf den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der bei
einer Protestkundgebung gegen den Besuch des Schahs
in Berlin erschossen wurde. Ziel der Partei ist die
Autonomie der Hochschule und ein demokratisches
Aufnahmeverfahren der Studenten ohne Prüfung
eingereichter Mappen.
1968
Umbenennung der Deutschen Studentenpartei
in FLUXUS ZONE WEST.
16.02.-12.04.1968
INTERMEDIA '68, State University Stoney
Brook, New York. Mit Werken von K. Dewey, C.
Schneeman, A. Tambellini, L. Levine, Usco, Higgins.
07.06.1968
KUNST UND REVOLUTION. Simultane Aktionen
von Brus, Mühl, Weibel, Wiener, Kaltenbeck an der
Universität Wien
1970
06.11.1970-06.01.1971
HAPPENING & FLUXUS. Materialien aus dem Archiv
Sohm. Ausstellung im Kölnischen Kunstverein.
1978
09.05.1978
Maciunas stirbt in Boston.
13.5.1978
FLUX FUNERAL FOR GEORGE MACIUNAS. 80
Wooster Street, New York. Teilnehmer: Hendricks,
Moorman, Patterson, Bourgeois, Morrow, Cooper,
Frank Higgins, Geoff Hendricks, Knowles, Forbes,
Kubota, Miller et al.
FLUXUS besteht weiterhin.
© Zusammengestellt von Katrin Kaschadt, Oktober 2004
B L O C K B E U Y S

Im Fall der Komposition BLOCK BEUYS, entstanden
1995-2000 und aufgeführt am 7. März 2000, handelt
es sich allerdings nicht um angewandte, sondern um
autonome Musik, also Musik, die ihren eigenen
Gesetzen gehorcht. Natürlich ist die Komposition
von Rijnvos durch die Installation von Joseph Beuys
inspiriert worden und reagiert auch sehr präzise
auf diese, aber gerade weil der Titel so
offensichtlich die visuelle Vorlage der Musik
präsentiert, muss darauf hingewiesen werden, dass
es sich bei Richard Rijnvos’ Komposition Block
Beuys nicht gleichsam um eine 1:1-Umsetzung
des Werks von Joseph Beuys handelt. Rijnvos’ Musik
ist nicht deskriptiv; sie antwortet vielmehr auf
die von Beuys mit Objekten bestückten Räume, indem
sie ihrerseits virtuelle Räume konstruiert; und
dies tut sie mittels einer musikgeschichtlich
ziemlich präzis lokalisierbaren Anknüpfung an
Vorbilder, unter anderem an die Musik von John
Cage, wie gleich noch weiter ausgeführt werden
soll.
Wenn man sagt, Musik sei eine Zeitkunst, dann ist
diese Aussage seit über dreißig Jahren nur mehr
bedingt richtig. Natürlich kann sich Musik nur
innerhalb der Zeit abspielen und wahrgenommen
werden. Das bedeutet: in der Musik gibt es
Prioritätsverhältnisse. Wenn ich Prioritäten setze,
dann möchte ich, dass eine bestimmte Sache zuerst
geschieht und andere erst später; und ich möchte
das, weil nur die eine Sache, welche die erste
werden soll, am wichtigsten erscheint. In der Musik
nennt man eine solche Sache häufig ein ›Thema‹,
also ein Gesetztes, eine Setzung. Nach dem Thema
gibt es dann vielleicht eine ›Ableitung‹; das
zuerst kommende Thema und das als zweites kommende
werden auch ›Hauptsatz‹ und ›Nebensatz‹ genannt;
die musikalische Terminologie ist voll von solchen
Spiegelungen von Prioritätsverhältnissen.
Ein Komponist, der von Anfang an auf andere Weise
an die Musik heranging und auf den sich Rijnvos in
seiner ArbeitBlock Beuys mehrfach bezieht,
war John Cage. Nachdem bereits stellenweise bei
Claude Debussy und vor allem bei Erik Satie, auf
den Cage sich nachdrücklich berief, eine andere
Konzeption von musikalischer Zeit aufgeschienen
war, war Cage dejernige Komponist, der hartnäckig
und mit aller Konsequenz das Ziel verfolgte, eine
Musik zu schreiben, die ohne Prioritätsverhältnisse
auskommen würde, eine Musik, in der das aufgelöst
wäre, was man in der Musikwissenschaft
kompositorischen Zusammenhang nennt. Er erreichte
schließlich auch sein Ziel in den Jahren um 1950,
indem er – sehr verkürzt gesprochen - alles, was an
Sprachähnlichkeit in der Musik liegt, abschaffte,
d. h. vor allem jegliche Figurbildung und jegliche
Formen von Setzung, Ableitung oder Schlußbildung,
von denen eben die Rede war. Deshalb hat man
einerseits bei Cages Musik so oft das Gefühl von
Zeitlosigkeit, andererseits ist es möglich, diese
Stücke wie einen musikalischen Raum zu hören, in
dem man sich nach Belieben von einem Gegenstand zum
anderen bewegen kann. Letzteres gilt natürlich
besonders, wenn man diejenigen Stücke gut kennt, in
denen die Musiker die zeitliche Anordnung des
musikalischen Materials von Aufführung zu
Aufführung selbst verändern können. Man erkennt
dann ein Stück wieder, obwohl man nicht seinen
zeitlichen Ablauf kennt.
Eines der kompositorischen Mittel, das John Cage
häufig gebrauchte und an das Richard Rijnvos
inBlock Beuys anknüpft, ist das Mittel der
Zeitklammer. Bevor aber die Funktionsweise solcher
Zeitklammern erläutert werden soll, werfen wir erst
einen Blick auf die Gesamtstruktur von Rijnvos’
Block Beuys:

Die Komposition umfasst vier Teile, die auch einzeln aufgefuehrt werden koennen. Diese Teile tragen die Titel Block Beuys - Raum 1, Block Beuys - Raum 2, Block Beuys - Raum 3 und Block Beuys - Raum 4 bis 7. Damit haben wir eine erste Analogie zur Darmstaedter Sammlung von Beuys, die aus sieben Räumen besteht, wobei die Räume 4 bis 7 je eine offene Schmalseite haben, so daß sie durch einen Gang miteinander verbunden sind. Für alle Teile der Komposition ist die Gleichzeitigkeit mehrerer musikalischer Ebenen oder Schichten charakteristisch. Eine dieser Schichten hebt sich immer dadurch von den anderen ab, dass sie permanent als ein Kontinuum gespielt wird - auch wenn sie nicht immer permanent zu hören ist -, während die anderen Schichten in sich bewegter und deutlich in verschiedene Abschnitte unterteilt sind. Das Kontinuum, wie es der Komponist selbst übrigens auch bezeichnet, wird in jedem der vier Teile klanglich anders realisiert: im ersten Teil hören wir ein Tonband mit Klavierklängen, bei denen die Saiten des Klaviers mit Schnüren angestrichen werden; im zweiten Teil wird ein Positiv benutzt - das ist eine Orgel mit nur einem Manual und ohne Pedal -, auf dessen Tasten kleine Gewichte gelegt werden. In Block Beuys - Raum 3 ist ein Instrument namens Aquaphon fuer das Kontinuum zuständig; dabei werden mit einem Bogen angestrichene Metallstäbe in Wasser getaucht. Im letzten Teil, Block Beuys - Raum 4 bis 7 schließlich, spielen zwei Schlagzeuger stets die gleiche rhythmische Sequenz, aber in ständig wechselnder Klangfarbe.
Da das Kontinuum in Raum 1 durch ein Tonband repräsentiert wird, das von Anfang bis Ende ohne Unterbrechung durchläuft, sind die zeitlichen Verhältnisse in dieser musikalischen Schicht unveränderbar. In den live gespielten Teilen jedoch werden die eben erwähnten Zeitklammern verwendet. Die Spieler müssen innerhalb eines bestimmten Zeitraums mit einem bestimmten Abschnitt beginnen und diesen auch innerhalb eines bestimmten zweiten Zeitraums beenden. Technische Voraussetzung für diese Art kompositorischer Zeitgestaltung ist die Verwendung von Stoppuhren, die jeder Spieler bei sich hat.
So schalten die Spieler am Beginn von Raum 1 mit dem dritten Ton des Tonbands ihre Stoppuhren ein, und die Streicher können zwischen 00'05" und 01'05" mit ihrem Abschnitt beginnen; die Pianisten und Schlagzeuger sind noch etwas freier in ihrer Wahl ›ihres‹ Zeitraums. Das kompositorische Mittel der Zeitklammer ist also dazu geeignet, innerhalb einer Musik, in der die zeitlichen Beziehungen (die Prioritätsverhältnisse) zwar nicht abgeschafft, aber doch aufgeweicht sind, eine Kontrollinstanz für die Dichte eines Abschnitts und natürlich auch für seine Harmonik zu liefern.
Rijnvos entschied sich für ein Komponieren mit mehreren gleichzeitig ablaufenden musikalischen Schichten, um den Gegensatz zwischen den vorgegebenen Räumen der Installation mit ihren Decken, Wänden und Fußböden und den von Beuys in diese Räume platzierten beweglichen Objekten musikalisch brauchbar zu machen. Das Kontinuum repräsentiert dabei die gebaute Struktur der Räume. Und darin liegt eine zweite Analogie zwischen Rijnvos’ und Beuys’ Werken; denn entsprechend der Tatsache, dass die gebaute Struktur von Raeumen desto weniger sichtbar wird, je mehr man hineinstellt, kann man das Kontinuum in Rijnvos’ Block Beuys halt mehr oder weniger gut hören, weil es von anderen Ereignissen überlagert wird.
Der Gegensatz zwischen Kontinuum und anderen Schichten bei Rijnvos spiegelt übrigens auch die Verhältnisse zwischen umbautem Raum und Anzahl der in diesem Raum versammelten Objekte bei Beuys: Zum Beispiel präsentiert der erste Raum, der mit 125 qm der bei weitem größte ist, nur 5 Objekte, der zweite hingegen, bei nur 96 qm, 33 Objekte. Diese Dichteproportionen spiegeln sich in Rijnvos’ Komposition darin, dass der erste Teil viel großzügiger mit der musikalischen Zeit verfährt und ruhiger ist als der zweite, in dem fast ohne Pause irgendetwas geschieht und die Ereignisse sich schnell abwechseln. In Raum 4 bis 7 wird auf eine besonders strikte Art auf die Beuysschen Objekte reagiert, indem nämlich der Komponist seine Abschnitte als ›Vitrinen‹ bezeichnet - analog den unter Glas ausgestellten Objekten in Beuys’ Räumen 4 bis 7 - und dem Kontinuum der beiden Schlagzeuger und einer weiteren Schicht eine dritte hinzufügt, die aus sehr kurzen Tonhöhen besteht. Die Anzahl der von Beuys innerhalb einer - realen - Vitrine zusammengestellten Objekte entspricht der Anzahl der von Rijnvos komponierten kurzen musikalischen Einheiten. Diese Splitter sind in der Lautstärke deutlich gegenüber den anderen Schichten herausgehoben.
Damit sind wir schon sehr nahe an der letzten und fundamentalen Analogie, die zwischen Rijnvos und Beuys besteht: Richard Rijnvos setzte bei den Grunderfahrungen von Bildender Kunst und Musik an, der Räumlichkeit und der Zeitlichkeit. Er hat die Grundflächen der sieben Räume von Beuys’ Installation gemessen und die Proportionsreihe, die sich aus den Quadratmeterangaben ergibt, umgedeutet in eine Proportionsreihe von Dauern, also von Minuten und Sekunden. Diese Proportionsreihe bestimmte von Beginn der kompositorischen Arbeit an die Länge der vier Teile des Werkes. So ist zum Beispiel das Verhältnis der Grundflächen des ersten und zweiten Raums, also 125 geteilt durch 96, bis auf ein Hundertstel genau auch das Verhältnis der Dauern von Rijnvos’ Raum 1 und Raum 2: 24'20'' zu 18'30''. Nur da Musik, wie Rijnvos sie schreibt, die zeitliche Gerichtetheit der alten Musiksprache nicht besitzt und durch eine Quasi-Räumlichkeit ersetzt hat, ist sie in der Lage, sogar in ihrer Grundstruktur sich nach einem anderen, bereits existierenden Kunstwerk zu richten, ohne ihren Autonomieanspruch aufzugeben.
© Autor: Martin Erdmann. In: Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Reihe XX. Jahrhundert 1
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